Archiv vom 10.2.2012

Max und Ali und der Kita-Platz

10.2.2012

[Achtung, wirr in Wut hinuntergeschrieben, außerdem durchaus als Jammerei aufzufassen, alles kein Spaß.]

Kinder mit Migrationshintergrund werden vor Schuleintritt seltener fremdbetreut. Soso. Dabei hat sogar Frau Schröder schon erkannt: „Je früher Max und Ali miteinander im Sandkasten spielen, umso besser für die Integration und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.”

Da bin ich sogar mal Ihrer Meinung, Frau Schröder. Jetzt aber möchte ich Ihnen erzählen, wie die Wirklichkeit bei uns zuhause aussieht:

Wir wohnen in einem „multikulturellen” Stadtviertel und das haben wir uns ja auch so ausgesucht. „Gostenhof ist bunt”, rühmt sich das Quartier, wir schätzen die kleinen Lebensmittelläden und die vielen Kneipen und Restaurants. (Wir schätzen nicht: den Vandalismus, die Hundescheiße und die Parkplatzsituation, v.a. wenn abends die Horden aus den „besseren Vierteln” einfallen zum Ausgehen und sich zu fein für die U-Bahn sind. Aber das ist ein anderes Kapitel.) Mit uns im Haus wohnen Griechen, Türken und Deutsche, das Zusammenleben läuft reibungslos, beim Sommerfest im Hof gibt’s Falaffel, Moussaka und Bratwürste. Multikulti-Bilderbuch.

Die Rakete wird im September 3 und braucht einen Kindergartenplatz. In unmittelbarer Laufnähe unserer Wohnung gibt es:
- 5 städtische Kindergärten
- 2 kirchliche Kindergärten (einen evangelischen, einen katholischen)
- 1 freien Kinderladen (teurer, mit Elternmitarbeit und natürlich gut alternativ angehaucht)
Macht zusammen 17 „Kindergartengruppen” á 25 Kinder, also rechnerisch 425 Kindergartenplätze. Das sollte reichen, möchte man meinen – kein Grund, auf den weiteren Umkreis auszuweichen. Ganz ehrlich: das Kind jeden Tag mit Auto oder U-Bahn durch die Stadt zu kutschieren, damit es dort mit Kindern spielt, die es außerhalb der Kita nur unter organisatorischen Schwierigkeiten treffen kann, das ist doch albern. Reicht, daß wir das für Raketes Krippe so machen müssen. Warum? Weil im Umkreis kein Krippenplatz ergatterbar war; es gibt nämlich hier nur zwei Krippen (jeweils eingruppig, also insgesamt: 24 Plätze). Bis zu den Dreijährigen also dürfte hier noch alles statistikkonform zugehen.

425 Kindergartenplätze geteilt durch drei Jahrgänge – rechnerisch also sollten im September 140 Plätze frei werden. Gegenüber den 12 Krippenplätzen je Jahrgang also ein bombastisches Angebot. Wofür soll man sich da entscheiden? Ein kurzer Blick aufs pädagogische Konzept der einzelnen Einrichtungen zeigt:
- Ein Kindergarten (der evangelische) legt v.a. Wert auf Erwerb vielseitiger, auch sozialer, Kompetenzen und bietet sehr viele unterschiedliche Beschäftigungen für die Kinder an. Ganz „normal” also, in meinen Augen.
- Der Kinderladen ist erwartungsgemäß „freigeistig”, alles ist Bio, er hat einen riesigen Garten. Dafür ist er teurer und die Eltern müssen mithelfen.
- alle anderen, also der katholische sowie alle städtischen Einrichtungen haben als pädagogisches Konzept „Sprachförderung und Integration” und sind wahre Multikulti-Oasen. Kinder aus unzähligen Nationen spielen hier miteinander – aber Deutsche bzw. deutschsprachige sind „pro Gruppe vielleicht ein, zwei” dabei, das sagten mir alle gefragten Kindergärtnerinnen. Und die Gruppen sind hier keine 25 Kinder stark, sondern wegen des erhöhten Förderbedarfs (schließlich gibt es Klagen der Grundschulen, viele Kinder könnten nicht richtig deutsch – also muß das der Kindergarten erledigen) um ein, zwei, fünf Kinder kleiner. Bei der Anmeldung wird nach Sprachförderbedarf, Behinderungen, erschwerten Lebensbedingungen, zerrütteten Familienverhältnissen gefragt: bei uns alles negativ, also rutschen wir nach ganz hinten auf die Warteliste.
Und hier, Frau Schröder, sagen Sie mir mal bitte: wenn im Kindergarten Ali und Sergej miteinander spielen, Max aber in ein anderes Viertel muß, um einen Kindergartenplatz zu kriegen, läuft da nicht etwas falsch? Integration und Förderung schön und gut (ich vermute ja stark, daß die Bevorzugung von zu fördernden Kindern Einfluß auf den Stellenschlüssel und die Bezuschussung hat…), aber wäre es nicht sinnvoller, wenn deutsche Kinder ihren Sandkastenkollegen sprachlich helfen würden anstelle von Spezial-Erziehern und Logopäden? Wenn die Zusammensetzung der Nationalitäten den Stadtteil wenigstens annähernd widerspiegeln würde (durch alle Altersgruppen ca. 42% Deutsche und 18% Deutsche mit Migrationshintergrund, möglicherweise ist das nicht 1:1 auf das Verhältnis unter Kindern herunterzubrechen, aber weniger als 10% deutsch(sprachig)e, das kann nicht sein) und nicht künstliche babylonische Sprachghettos geschaffen würden?
Zugegeben: ganz wohl fühle ich mich nicht bei dem Gedanken, daß meine Tochter eine von zweien – oder gar die einzige – mit deutscher Muttersprache in einer Gruppe sein soll (beim evangelischen Kindergarten z.B. beträgt der Anteil von Kindern „aus anderen Kulturen” 35%). Aber es sind hier nicht wir, die aussuchen, welche Einrichtung wohl die beste für unsere Rakete ist – wir müssen am Ende wohl froh sein, überhaupt irgendwo einen Platz zu bekommen.

Und nein, ich glaube nicht, daß viele deutsche Eltern wegen der gleichen Bedenken ihr Kind lieber woanders in den Kindergarten geben. Woher ich das wissen will? Ganz einfach: Wir haben die Rakete in allen oben genannten Kindergärten angemeldet. Bislang haben wir Absagen aller städtischen Kindergärten (deren pädagogischer Ansatz für die Rakete ohnehin nicht unpassender sein könnte… – die quatscht uns bereits jetzt die Ohren zu) sowie vom katholischen (s.o.). Durch die (vermutlich amtlich geforderte) Gewichtung der „Dringlichkeits-Argumente” (Sprachförderbedarf usw., s.o. ) haben Familien wie wir (übrigens, nur um das gleich zu entkräften: wir sind beide berufstätig und auf Kinderbetreuung angewiesen) schlicht und einfach keine Chance auf einen Platz in einem städtischen Kindergarten.

Im evangelischen hätte man sich bereits zwei Jahre vorher vormerken lassen müssen, wäre aber auch nicht zum Zuge gekommen, da Geschwisterkinder stets Vorrang haben. Wer da einmal ein Kind einen Fuß in der Tür hat, überlegt also bei der Familienplanung nicht lange… Trotzdem haben wir hier eine Zusage für Frühjahr 2013 (hieße: sie muß als einzige Dreijährige ein halbes Jahr länger in der Krippe mit sehr viel kleineren Kindern bleiben – denen sie ja auch einen Platz „wegnimmt”. Ganz abgesehen davon, daß die Krippe das dreifache des Kindergartens kostet…).

Als letztes – vor der Fahrerei in andere Stadtteile (wo die städtischen Einrichtungen natürlich bereits fertig vergeben haben) – bleibt die Hoffnung auf einen Platz im Kinderladen (privater Verein; dort wenigstens sind die Eingangsvorraussetzungen undogmatisch: hier zählt angeblich Elternengagement, Wohnortnähe und durchaus auch Sympathie…). Hier kamen zum Infoabend 30 Eltern, 6 Plätze gibt es, entschieden wird erst im April.

Seit Jahresbeginn renne ich von einem Kindergarten zum nächsten. Vom Krippenplatz für Risiko will ich gar nicht anfangen, haben wir hier doch immerhin den unschätzbaren Fuß-in-der-Tür-Vorteil von Raketes Krippe, auch wenn die tägliches Hin-und-Her-Fahren bedeutet.

Ich werde dann wohl mal Vollkornmehl und Rohrohrzucker kaufen und eine siebenstöckige Möhrentorte backen. Die bringe ich dann im Kinderladen vorbei. Wöchentlich, wenn es sein muß.


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