Archiv vom 6.1.2011

Sentimentalkeramik

6.1.2011

Ich war noch sehr klein, vielleicht vier oder drei oder noch kleiner. Ich erinnere mich ja noch nicht mal genau – zum Beispiel wer da eigentlich zu meinen älteren Geschwistern kam, geschweige denn warum. Vielleicht hatte eines Geburtstag, jedenfalls ging es irgendwie um Geschenke und aus Höflichkeit (oder weil jemand wußte, wie unerträglich kleine Kinder nerven können, wenn sie vermeintlich benachteiligt werden) bekam ich auch eines. „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!”, meinte meine Mutter, aber das war natürlich Quatsch. Sehr nötig war das gewesen, so ein prima Geschenk für mich alleine, ein Geschenk, von dem zunächst nur Cellophanfolie zu sehen war, in Tausende Falten gelegt, zusammengehalten von ein paar Locken Geschenkband.
Aber ich ahnte ja bereits, daß die Überraschung süß sein würde, der kleine Aufkleber auf der Folie verriet es, ich kannte das Logo, vermutlich von Schokoweihnachtsmännern: „Gubor” stand drauf, und Gubor-Schokolade war auch drin (letzteres kann als gesichert gelten; das Logo auf der Folie könnte bei genauerem Nachdenken möglicherweise auch das einer örtlichen Konfiserie gewesen sein. Nein, ich finde es nicht schlimm, daß ich mich da jetzt nicht genau festlegen kann. Eher, daß ich mich überhaupt an so etwas noch erinnere, wohingegen, ach, vergessen wir’s.) , als die Folie endlich verloren hatte gegen meine gierigen kleinen Wurstfinger. Schokolade und Bonbons, gefüllt in eine Tasse mit Schäfchen.

Ein weißes und ein schwarzes Schaf und zwischen ihnen ein seiltanzendes Mäuschen; als ich zuhause auszog, fand ich sie wieder in einer Poltergeschirrkiste und nahm sie mit, von einer Wohnung in die nächste, von einer Stadt zur anderen.

Gut 30 Jahre nachdem ich sie geschenkt bekommen hatte, stand sie immernoch in meiner Küche, gespült im Schrank ganz vorne, und ich hatte ein paar Leute zu Besuch und ich kochte Kaffee und sagte einem jungen Mann, er könne ja schon mal die Tassen holen. Er öffnete den Schrank, juchzte, drückte die Schafe an sich und rief: „Das ist meine Tasse! Wie kommt die zu dir? Die ist aus meiner Kindheit!”
Jedes Mal, wenn er bei mir war, bestand er auf diese Tasse, notfalls spülte er sie schnell noch ab. Ich mochte den Gedanken, daß er sich bei mir zuhause fühlte, und die Tasse dafür auch immer mehr.

Heute stehen die Schafe in unserer gemeinsamen Küche und die Rakete bedenkt sie regelmäßig mit Tierlauten (oder was sie dafür hält). Mal sehen, ob die Tasse überhaupt vierzig wird.

[Und warum soviel Langeweil-Content zu Jahresbeginn? Weil: vielleicht besser als gar nix. Andere können Blogs übrigens ohne zu nerven*. Zum Beispiel freut sich da drüben Frau Liebe über Flohmarktfunde, und die Katzentasse ist aus derselben Serie, das traue ich mich wetten, die hatte nämlich meine Schwester gekriegt.
* Wieder andere nicht, da draußen gibt es Muttis, deren größte Sorge drei Kilo zuviel sind oder daß ein neugeborenes Mädchen unmöglich im hellblauen Schlafsack ihres Bruders schlafen kann. Aber darüber rege ich mich ein andermal auf. Irgendeinen Vorsatz braucht man ja. Frohes Neues übrigens!]


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