Archiv vom 18.11.2010

Frühstück bei Stilhäschens.

18.11.2010

Die Rakete hat sorgfältig alle Brotstücke auf ihrem Teller entwurstet und verlangt nach meinem Schinkenbrot. Als ich ihr das mit dem Hinweis auf ihr eigenes Brot verweigere, kommt die unabänderliche Reaktion: sie nimmt ein Stück, führt es zum Mund, lässt es dann aber unter den Tisch fallen und grinst breit. Das ist der Ablauf, und er bleibt so, egal wie ich ihr sage, daß vor einem Nachschlag der Teller sein muß (diesen Wortlaut meide ich, seit sie daraufhin sanft lächelnd einfach ihren Teller hob und umdrehte). Inclusive dieses kurzen Moments, in dem ich tatsächlich glaube, dieses Mal würde sie es wirklich essen. Ich bin bescheuert.
„Iß erst dein Brot auf”, sage ich und komme mir vor wie die Mutti, die ich geworden bin. Ein weiteres Stückchen Brot verliert gegen die Schwerkraft.

Ich schiebe ihren Teller weg, lehne mich über den Tisch und sehe ihr tief in die Augen. Sie prokelt Speisereste von der Tischkante und schmiert sie sich ins Haar. Sie grinst.
„Rakete Zweitname Nachname!”, sage ich, „Jetzt hat der Spaß ein Loch.” Sie wird schlagartig ruhig, sieht mich an, vollkommen ernsthaft, wir sehen uns tief in die Augen, sehr, sehr, sehr lange. „Du weißt genau, daß mit Essen nicht geworfen wird.” Der Blick scheint immer tiefer zu werden, es ist geradezu magisch. Mir kommt ein Satz aus einem der esoterischeren Kinderratgeberbüchern in den Sinn, von einer Hebamme, die im Blick eines Neugeborenen die ganze Weisheit des Universums sehen will. Ich finde ihn gar nicht mehr so abwegig. Noch immer ist die Rakete so ruhig wie sie es sonst nur im Schlaf schafft, und ihre Augen scheinen zu nicken, als ich ihr ohne Worte nochmal die Sache mit dem Brot auf dem Teller und „Essen ist kein Spielzeug” und den Kindern in Afrika erkläre. Mir fällt aus den letzten 14 Monaten kein Moment ein, der inniger gewesen wäre zwischen meiner Tochter und mir. Das Herz geht mir auf.

Dann hat sie fertiggekackt. Auf dem Küchenboden zerschellt mein Wasserglas.


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