Archiv vom 23.6.2009

Produkttest Babyliteratur

23.6.2009

Noch ist es ruhig im Häschenhause, jedenfalls, wenn die Fenster zu sind und die unseligen Drecksnachbarn nicht durchkommen mit ihrem billigen Polentechno. Drei Monate sind es noch (neu: Countdown in der Sidebar!), bis wir unser Gegenmittel haben und die Flügel wieder weit öffnen: ab September wird zurückgeschrieen.
Und vorher kann ich mit Büchern werfen.

Es gibt ja unzählig Literatur zum Thema Babies und wie man sie kriegt (die Bücher übrigens: meist geschenkt); ein breiter Querschnitt davon ziert bereits unser Bücherregal das Fensterbrett unserer Toilette und angefangen hab’ ich auch brav alles. Aber durch krieg’ ich keins nur eines*, zu abgedreht sind mir die Ansichten der jeweiligen Autorinnen, die sich nicht darauf beschränken können, Fakten und meinetwegen die ein oder andere Erfahrung niederzuschreiben – nein, ein Kind zu bekommen und das auch groß, das scheint mir mehr Weltanschauung zu sein als ich je geglaubt hätte.

viele, viele Kleinbuchstaben

Da sinniert die eine (Hebamme!), Schwangerschaftsübelkeit sei ein reines Psychoproblem, setzt vaginalen Ultraschall per se mit Vergewaltigung gleich und wenn das Baby sich nicht rechtzeitig vor der Geburt in Schädellage dreht, solle die Mutter doch bitte mal die Schuld für den Sitzstreik (sic!)  bei sich suchen.
Immerhin einmal durfte ich schmunzeln: in die drei Monate vor Termin zu packende Kliniktasche (wenn es denn wider die Natur und alle guten Ratschläge wirklich keine Hausgeburt werden soll) solle man neben Duftöl und Lieblings-CD (ist klar, darauf werde ich achten, wenn es mir vor Schmerzen den Bauch zerreißt; ganz abgesehen davon, daß sich das Kreißsaalteam bedanken wird für Sägespangeruch und ACDC auf Anschlag…) auch eine Brotzeit für den Vater stecken, die Zeit werde gerne mal lang. Eigentlich ein prima Tip soweit, nur: drei Monate alte Schnittchen, ich weiß ja nicht.

Eine andere verurteilt Gitterbettchen als Babyknast (sinngemäß: „überlegen Sie sich doch einmal, wen Sie hier angeblich vor wem schützen wollen, und Sie werden merken: sich selbst vor dem Kind und seinen Ansprüchen”) und das Familienbett für die einzige kindgerechte Wohnform. Und alle, die es anders machen, schaden ihren Kindern. Da wird nicht abgewägt, da wird verurteilt. Hach, was werde ich für eine schlechte Mutter werden! Und wißt Ihr was, Ihr Ratgeberschnepfen? Ich freu’ mich drauf.
Die Antigitterbettfanatikerin vertritt übrigens auch die Meinung, daß Kinderwägen böse sind und das Tragetuch die größte Erfindung der Menschheit. Schließlich hieße die Schwangerschaft ja auch bei den Tieren „austragen”, dabei müsse man bleiben, sonst, man ahnt: Schäden am Kind! Wichtig aber: bei größeren Geschwistern die Eifersucht eindämmen, indem das Baby nicht vorne, sondern auf dem Rücken getragen wird – das ältere Kind versteht das dann nämlich als „das Neue ist zwischen Mama und mir”. Ich frage mich bei derlei Lektüre nur: aber das Baby hat dann nicht Angst, der Mutter den Buckel runterzurutschen? Und überhaupt: wie macht man eigentlich weiteren Nachwuchs, wenn die großen Kinder im Elternbett schlafen?

Und dann kommen natürlich noch die Namensbücher, eine Unfaßbarkeit für sich. Hey, wo bitte ist der Verbraucherschutz, wenn Bücher auf dem Titel stolz mit „8000 Vornamen” werben dürfen, davon aber 7950 nicht einmal der zotteligste Mittelaltermarktschreier seinem ärgsten Feind gäbe?

Scheißnamen mit G

Scheißnamen mit H

noch mehr Scheißnamen mit H

Aber eigentlich merke ich: je dicker mein Bauch wird, desto weniger lese ich darüber. Die meisten Informationen habe ich zu Beginn der Schwangerschaft verschlungen, als alles noch neu war und unbekannt. Jetzt schwindet die Angst und die Wissensgier, das Wichtigste scheint geklärt, es wird schon irgendwie werden. Und bevor ich aus Versehen noch irgendeine Meinung pro Familienbett, Hausgeburt oder Stillen bis zur Vorschule übernehme, lese ich wieder echte Bücher. Wer weiß, wann ich je wieder dazu komme…

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* Das einzige, das ich wirklich empfehlen kann und jederzeit guten Gewissens verschenken würde: „Schwangerschaft und Geburt” von Katharina Mahrenholtz. Trendig verpackt, eher dünn, Zielgruppe Frauenmagazinleserinnen (die Worte „Promifaktor”, „Wellness” und „Gewichtszunahme” werden in o.g. Büchern definitiv nicht benutzt, hier ausgiebig, es tut trotzdem gar nicht weh!) – aber der Schein trügt, hier herrscht keineswegs Oberflächlichkeit.
Die wichtigsten Fakten(!) werden knapp, aber verständlich und in einem – wichtig! – angenehm humorigen Ton erläutert, Fachbegriffe astrein erklärt und sogar auf den speziellen Männerseiten (nette Idee, wer’s eilig hat…) werden platte Klischees höchstens amüsant ironisch ausgewalzt (Erklärungsversuch: Wehenschmerzen zu Beginn = durchsoffene Nacht mit zu viel fettem Essen und dann kein Schlaf und Baulärm; Wehenschmerzen gegen Ende = durchsoffene Nacht etc. + Dein Fußballverein steigt ab. Auch schön: die Do’s and Don’ts und der dezente Hinweis mit der Tradition des Schmuckstücks für die Mutter nach der Geburt.). Dazu kommen noch die wirklich schönen und erfrischend ehrlichen Illustrationen (im Kreißsaal ist für den Partner jeder Ort südlich des Mutternabels: Strafraum) von Dawn Parisi – dieses Buch ist, und das ist in dem Genre selten, weltanschauungsfrei, schön und informativ. Meine absolute Empfehlung, auch und gerade als Geschenk. Wer mehr braucht, kann immernoch in die Untiefen dieser Ratgeberkategorie abtauchen.


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