8 | 2007

Heimaddcondend

24.8.2007

Heimat ist ein großes Wort, richtig erkennt man es erst aus der Ferne, so riesig stehen die Buchstaben am Horizont. Zeiten gab’s, da drohten mir diese Lettern, niemals zurück wollte ich müssen, die Ferne so verlockend, und dann…
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Ach, Schwamm drüber. Das schöne an der Fremde jedenfalls ist: man kann so wunderbar darüber herziehen. Man muß sich dort nicht wohlfühlen, denn was bedeutet so eine Stadt schon, ist das Gras doch überall sonst so viel grüner. Meine Heimat jedenfalls ist des Sugar Ray Bannisters Fremde, und so sehe ich mich immer wieder gezwungen, dort zu verteidigen, woran eben doch mein Herz hängt.

Und weil erst verschiedene Meinungen eine Sache beleuchten, hat der Mann mit dem fantastischen Auge für die fränkische Tristesse (hier seine großartigen Gegenstücke zu meinem Postkartenkitsch) jetzt eine Art Interviewserie zu Nürnberg gestartet. Ein prima Ding, wie ich übrigens schon fand, bevor ich selbst befragt wurde (Ich und positiv! Die Zeugen Jehovas lächeln auch.). Ehrlich.


let it schein

24.8.2007

Mein Großvater war der zweite im Ort, der ein Auto hatte, so geht die Geschichte los und Stolz schwang mit in Omas Stimme, jedesmal, wenn sie sie erzählte, trotz allem.
Der erste war der Arzt, später kamen noch mehr Wägen dazu, aber man war sich einig: die Frauen gehören nicht hinter das Lenkrad, die haben ihren Herd. Und die Kinder am Rockzipfel, vor allem aber: kein Geschick, kein Talent und ganz sicher bald den ersten Torpfosten am Kotflügel. Denn eines war klar und wurde auch genau so ausgesprochen: Frauen sind zu dumm zum Autofahren. Und so wies er sie immer wieder ab, in den Fünfzigern, später, als die Kinder älter waren und im Fernsehen die ersten BHs brannten, und auch noch, als die Arztgattin schon längst diesen schicken Zweitwagen hatte, war seine Meinung eisern: Frauen brauchen keinen Führerschein, die werden gefahren oder bleiben zuhause. Basta. Und Du schaffst ihn eh nie.
Sie fügte sich jedesmal, meinte nur, er habe sicher recht, sie sei ohnehin zu klein und ihr Verstand erst recht, schlich zurück in die Küche und wartete auf den nächsten Zeitpunkt, ihren Wunsch anzubringen. Die Kinder waren schon längst aus dem Haus, alle Töchter fuhren ihr eigenes Auto, nur sie hatte noch nie hinter einem Steuer gesessen. Nach außen ertrug sie alles stoisch, zu glaubhaft ihr fehlendes Selbstvertrauen, und niemand außer ihrem Mann wußte überhaupt, daß sie das Fahren reizte.
Und nach über vierzig Jahren, sie war schon längst über sechzig, trug sie heimlich abgespartes Haushaltsgeld ins Nachbardorf, denn niemand sollte es wissen. Mit dem Rad fuhr sie hin, wie ihr ganzes Leben schon, und nach ein paar Wochen schwenkte sie beim Heimkommen in der Auffahrt stolz ihren Führerschein, immer noch auf dem klapprigen Fahrrad sitzend. Sie war also doch nicht zu doof, das war ihr Triumph, sie hatte es ihm bewiesen – und das reichte ihr. Die Kinder legten zusammen und schenkten ihr einen Kleinwagen – sie fuhr ihn nie, nach ein paar Jahren wurde er unbewegt wieder verkauft. Es ging ihr all die Jahre nur um die Genugtuung, um den Beweis, daß sie es kann. Ungläubig sei der Opa gewesen, aber „bestimmt auch stolz, bloß gezeigt hat er’s halt nicht recht. Mädle, und seither haben sich die Zeiten noch mehr geändert. Heutzutag muß eine Frau einen Führerschein haben, mach dich ja nicht unnötig abhängig, du mußt dir ja gar kein Auto kaufen, aber können, mei Mädle, fahren können, wenn’s drauf ankommt, des is wichtig, glaub mir.”

Ich war achtzehn und hatte hennarote Dreadlocks, war im AK Umwelt, protestierte leidenschaftlich gegen das System und während meine Mitschüler ihr Taschengeld schon längst in Benzin anlegten, fuhr ich demonstrativ Fahrrad und verweigerte diesen Initiationsritus des korrupten, menschen- und naturverachtenden Systems, den Führerschein, genauso vehement wie ein paar Jahre zuvor den Tanzkurs. Und kam mir mit aller Macht, die so ein spätpubertierender Rebellenschädel zu erzeugen in der Lage ist, natürlich irre cool und vor allem wahnsinnig wahrhaftig vor dabei. Konsequenz, Baby, zum eigenen Wort stehen, Prinzipien und so. Gib mal noch was vom Holunderblütensirup rüber (Bionade gab’s damals ja noch nicht)!

Da war natürlich das Emanzenargument meiner Oma das einzige, das überhaupt zu mir durchdrang, und irgendwann hatte sie mich tatsächlich so weit, halbherzig machte ich diesen Lappen, von dem alle behaupteten, er wäre so unersetzlich, und ansonsten weiter wie zuvor. (Seither hat sich ein bißchen mehr geändert als nur die Frisur, mit 26 kaufte ich mir schließlich doch mein erstes Auto, aber auch heute noch bin ich der festen Überzeugung, daß man in der Stadt keines braucht, oft steht meines tagelang herum und ist nur hübsch.)

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Oft denke ich auf dieser Autobahnstrecke an meine Oma, daß ich sie mal wieder besuchen sollte, die übernächste Ausfahrt würde ich dann nehmen und nicht die nächste, an Apfelkuchen denke ich und an die Kaffeekanne mit der Silberhaube zum Warmhalten. An das Häuschen mit dem aufgemalten Gesicht, das gegenüber in den Weinbergen steht, an Spaziergänge in buntem Laub, daran, daß ich aber stattdessen schon wieder auf dem Weg bin in ein dunkles Büro, ich drehe das Radio lauter, wenigstens die Freude habe ich noch eine halbe Stunde lang, kuck mal, da hinter der Leitplanke, das rosa Zeug, ist das auch schon das indische Springkraut, über das das SüddeutscheMagazin mal geschrieben hat? Und schau mal, vor der Leitplanke, dieser Kasten, was macht der da, hoppla, was war das jetzt für ein rotes Licht?
Wieder wach, Blick auf den Tacho, später in den Bußgeldkatalog, klar, hätte nicht sein müssen, aber mal ehrlich: so viele Pferde unter der Haube und noch nie ein einziger Punkt in Flensburg, das glaubt einem doch keiner. Silberhaube, da haben wir’s wieder. Stream of consciousness, das Leben ein Kreislauf.

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statt Stöckelchen

23.8.2007

Oh ja, ehrlich, ich hab’ mich gefreut, nicht daß das jetzt schon wieder so aussieht, als würde ich immer nur motzen, nein, ab und zu muß auch ich Luft holen. Ich freu’ mich ja durchaus gerne, und blogtechnisch über so gut wie jedes Zeichen, aus dem ich lesen kann, daß jemand anderes das mit meinem Kram gerne tut, klar streichelt das Egos (Ich altes Schizohäschen hab’ davon einige! – Und ich erst!), aber jetzt mal wieder zum Alltag: bitte. Lob gerne, Freude gerne, aber dieses Randgruppenstreicheln, och nö. Ich will nicht, daß mein Blog gelesen wird, weil ich eine Frau bin – sondern obwohl. Am liebsten aber wäre mir: weil es gefällt.

Obendrein bilde ich mir ja sogar ein, nicht einmal besonders frauentypisch zu schreiben, ich hab’ noch nie ein Wort über Lippenstift oder Nagellack verloren, und die paar Mal, wo’s um Schuhe ging – geschenkt, im Gesamtzusammenhang. Oder widerspricht da wer?!??!
Nicht einmal Kerle kommen hier vor, Liebeskummer höchstens mal zwischen den Zeilen, nee, Freunde und Brigitte-Leserinnen, ich seh’ mich gar nicht immer in erster Linie als Frau, ich träume von einer Festo-Küchenmaschine und das ist die reine Wahrheit.

Und deswegen mache ich einen tatsächlich herzlich gemeinten Knicks, nehme diesen Button in Empfang
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und verteile* stattdessen einfach mal welche für ganz andere Randgruppen (mal nicht fortpflanzungs- sondern fortkommenstechnisch, denn ist nicht das eine quasi das andere, nur mit oder ohne Beine am Fisch?). Denn wir müssen ja schließlich zusammenhalten, wir Randgruppen, irgendwie, so viel Kuscheln muß dann doch sein.
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[Gerne hätte ich ja „Einarmigenblogger”, „Goldhamsterblogger” und „Jungfrauenblogger” genommen – allein: davon hab’ ich erstens noch nie so explizit gelesen, daß es mir aufgefallen wäre; also, ran an den Speck, RandgruppenIndividualisten der Welt! Naja, und zweitens wäre das mit dem Überbegriff schon wieder schwerer geworden als eine Donnerstagnacht und eine Flasche Wein zu überbrücken imstande gewesen wären. „Schnapsideenblogger”, da ist schon wieder die nächste Kategorie…]


* Klar war das am Anfang mal ein Stöckchen. Aber ob das als solches weiterfliegt oder nicht – mich kümmert’s nicht. Ehrlich. Naja, höchstens ein bißchen. Ach. Morgen ist’s vergessen. Und wegen der grafisch anti-gausschen Normalverteilung: pffff. Jetzt ist mir wahrlich wurscht, wie’s aussieht. Was da im CSS passiert, ist eine Logik, die nicht einmal mehr Frauen verstehen, geschweige denn biegen können. Und auf die richtige Größe bringt’s Euch des Zeug auch selber, vielleicht will ja tatsächlich jemand tapezieren.


gutes Zeug und schlechte Witze

18.8.2007

Ein Gemüse, das gerne feiert? – Partyschocken!
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(Und nicht ganz durch: Hartischocke. Bild oben, linker Teller, die große.)


Gott hat Haare

18.8.2007

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offener Brief an die Natur

17.8.2007

Die Sache mit dem Sommer läuft ja irgendwie falsch, nur die Heizölhändler reiben sich die Hände und die Kellerpumpenverkäufer sowieso. Immerhin war das Ding heuer von Anfang an krumm und überall und nicht erst seit Mitte Juli und hier, wie wir Südostländer es ja eigentlich langsam mal gewohnt sein müssten*. Was für ein schwacher Trost, dennoch.

Schön und gut, Natur, dann mach doch, was du willst, bock rum bis dir die Lust vergeht, aber zum Teufel noch eins, sei wenigstens konsequent dabei! Entweder Sommer oder eben nicht, aber bei 15°C gibt es keine wildgewordenen Schnaken, Mücken und harnspritzenden Ameisen, gefälligst! Mein Körper eine Pestbeule – meinetwegen, aber was hast du denn davon, wenn die fiesen Quaddeln keiner sieht unter langen Hosenbeinen und Ärmeln? Das kann doch nicht befriedigend sein, sag doch mal. Das war doch früher immer so schön, blutig gekratzte Arme und Schenkel, große, nässende Pusteln im Dekolletee erst kurz vorm Date, wenn keine Zeit mehr war zum Garderobenwechsel, da hattest du doch immer so einen Heidenspaß dran, und jetzt gönnst du ihn dir selbst nicht mehr?
Also komm, gib dir einen Ruck und lösch das Gekreuch einfach aus mit dem nächsten Starkregen, das Zuschauen in Ultrazeitlupe macht sicher Spaß: Tropfen, die auf Tierchen dreschen, Panzer, die keinem Wassertropfen trotzen können, Flügelchen, verbogen und zerschmettert – ADAC-Crashtests sind ein Kindergeburtstag dagegen.

Ich bitte ja gar nicht um viel, nur um Konsequenz, und nur zu deinem Besten natürlich. Du willst doch ernstgenommen werden, oder? Also los, mach das Ungeziefer alle – oder laß die Sonne durch. Liegt an dir. Deine Entscheidung. (Komm schon, es interessiert dich doch brennend, ab welcher Einstrahlung mein Neuer verblasst oder in Flammen aufgeht.)

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*Jahaaa, Bayern: Berge, Bier und Sicherheit und Wohlstand und Elite-Abi, aber ja doch. Aber die Schattenseiten, die Schattenseiten! Da spricht wieder keiner drüber. Also über die politischen, über den Filz, die Biertischgschäfte, den Religionsfaschismus ja schon, da macht schon ab und zu mal wer die Klappe auf, aber auch das gehört zu diesem Land, daß dann gleich wieder einer „johooo, lehm und lehm lossn, gell” poltert und all der feine Protest einfach in der Odelgrubn versickert. Aber dieses Sommertrauma, das Millionen von Ex-Schülern in Fleisch und Blut übergegangen ist, das wird systematisch verschwiegen! Und nein, ich meine nicht das kleine, nämlich daß das ARD- und ZDF-Ferienprogramm seit Jahrmillionen ab April sendet und pünklich zum bayerischen Ferienbeginn endet, ha, das wäre ja noch zu ertragen, das wirft doch keinen Bayern um, im Gegenteil, es erzieht zum gesunden Argwohn gegenüber Restdeutschland. Ich meine das große, diese Verschwörung der Letztferien, diese Gehirnwäsche, die jedem bayerischen Schulkind seit der ersten Klasse die innere Uhr verschiebt: Sommer, das ist ja erst im August. Auch wenn im Juni vielleicht schon Freibadwetter ist, und im Juli erst, das ist nur das Vorspiel, sagen die Stimmen, laß die nur reden, Ferienprogramm, ha, bei uns, da gehen die Uhren anders! Und so ignorieren wir jedes Jahr wieder jeden schönen Tag vor August, weil wir ja fest dran glauben, daß der Sommer erst noch kommt und wir noch genügend Zeit haben werden, ihn zu genießen und am Ende ist immer wieder Herbst und wir stehen da und haben nicht annähernd aufgetankt und lassen die Schultern hängen und machen uns nix aus dem, was die Politiker so entscheiden, weil wir uns bis zur nächsten Julimitte im Winterschlaf befinden, aus dem auch dann so recht aufzuwachen uns kaum beschieden sein wird. Ein Teufelskreis, der in der bayerischen Grundschule beginnt. Wie noch so anderes, aber dazu ein andermal (Erdkunde! Sieben Jahre Bayern und dann zwei Wochen Restdeutschland, um direkt ein Jahr Afrika anzuhängen! Kein Wunder, daß wir den Pott nicht finden!). Ich muß raus, es ist Sommer Mittag.


nix passiert

15.8.2007

und alles, auf einmal, woanders. Nicht aber bei dir, da läuft nur die Playlist zum x-ten Mal, Stunden auf der Autobahn, tagelang an Tischen sitzen, vor Laptops, Papieren und Zeichen, dazwischen tanken, essen, trinken, prost, ab ins Bett, und wieder raus, los, leben!
Also nach dem Job, nach der Fahrerei, nach dem Haushalt, nach der Steuererklärung und nach den lästigen Telefonaten – also Samstagabend kurz zum Üben und Sonntag dann wieder zum Tatort.
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Nichts passiert und du läßt es geschehen und wirfst den Zuckerwürfel ins Wasserglas statt in die Kaffeetasse daneben, als ob es darauf ankäme, im Magen kommt’s eh wieder zamm, du machst dir immer, immernoch, immerwieder zu viele Gedanken, Mädchen, aber so kann man sich ja auch zu schön vom Handeln abhalten.
Sogar den Einzelhandel läßt du nicht mehr an dich ran, so weit ist es schon, du läßt shoppen, zeichnest deine Wünsche auf Zettel, verteilst Geld aus deiner Börse, während du am Fenster stehst, wie deine Uroma einst, merkst du was?
Und jeden Tag plätschert ein neues Nichts vorbei, du fischst es raus oder bleibst beim gestrigen, ist doch egal, am Ende kommt’s ja eh wieder zamm.


Menschenkenntnis, angetrunken

12.8.2007

- „Sachma, der Typ von eben mit dieser unfaßbar hübschen schmalen Nase, der ist doch sicher auch Werber. Kann der eigentlich noch koksen mit dem Kunstwerk? (Und das ist schon operiert, oder?)”
- „Der ist übrigens Staatsanwalt.”
- „(Och.)”


bittere Reue

11.8.2007

Wenn ich fahrradfahre, hat der Gegenverkehr Rückenwind. Segelregatten rufen bei Flaute an, um mich zu buchen. Will ich zugfahren, werfen sich haufenweise Selbstmörder auf die Gleise und nehme ich das Auto, steigen auch sie zu tausenden um und stauen sich stundenlang auf sämtlichen Straßen. Habe ich Lust auf Sahnejoghurt, steigen die Milchpreise und sobald ich arbeite, die Steuern.
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Mein Bedauern ist unmeßbar, aber ich muß es endlich beichten – ich habe den Sommer auf dem Gewissen.
Es tut mir wahnsinnig leid.


das Ende ist nah

7.8.2007

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Woher nur kommt manchmal die Hoffnung, es könnte alles gut werden, wenn dann wieder soetwas auftaucht?


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