Mein Großvater war der zweite im Ort, der ein Auto hatte, so geht die Geschichte los und Stolz schwang mit in Omas Stimme, jedesmal, wenn sie sie erzählte, trotz allem.
Der erste war der Arzt, später kamen noch mehr Wägen dazu, aber man war sich einig: die Frauen gehören nicht hinter das Lenkrad, die haben ihren Herd. Und die Kinder am Rockzipfel, vor allem aber: kein Geschick, kein Talent und ganz sicher bald den ersten Torpfosten am Kotflügel. Denn eines war klar und wurde auch genau so ausgesprochen: Frauen sind zu dumm zum Autofahren. Und so wies er sie immer wieder ab, in den Fünfzigern, später, als die Kinder älter waren und im Fernsehen die ersten BHs brannten, und auch noch, als die Arztgattin schon längst diesen schicken Zweitwagen hatte, war seine Meinung eisern: Frauen brauchen keinen Führerschein, die werden gefahren oder bleiben zuhause. Basta. Und Du schaffst ihn eh nie.
Sie fügte sich jedesmal, meinte nur, er habe sicher recht, sie sei ohnehin zu klein und ihr Verstand erst recht, schlich zurück in die Küche und wartete auf den nächsten Zeitpunkt, ihren Wunsch anzubringen. Die Kinder waren schon längst aus dem Haus, alle Töchter fuhren ihr eigenes Auto, nur sie hatte noch nie hinter einem Steuer gesessen. Nach außen ertrug sie alles stoisch, zu glaubhaft ihr fehlendes Selbstvertrauen, und niemand außer ihrem Mann wußte überhaupt, daß sie das Fahren reizte.
Und nach über vierzig Jahren, sie war schon längst über sechzig, trug sie heimlich abgespartes Haushaltsgeld ins Nachbardorf, denn niemand sollte es wissen. Mit dem Rad fuhr sie hin, wie ihr ganzes Leben schon, und nach ein paar Wochen schwenkte sie beim Heimkommen in der Auffahrt stolz ihren Führerschein, immer noch auf dem klapprigen Fahrrad sitzend. Sie war also doch nicht zu doof, das war ihr Triumph, sie hatte es ihm bewiesen – und das reichte ihr. Die Kinder legten zusammen und schenkten ihr einen Kleinwagen – sie fuhr ihn nie, nach ein paar Jahren wurde er unbewegt wieder verkauft. Es ging ihr all die Jahre nur um die Genugtuung, um den Beweis, daß sie es kann. Ungläubig sei der Opa gewesen, aber „bestimmt auch stolz, bloß gezeigt hat er’s halt nicht recht. Mädle, und seither haben sich die Zeiten noch mehr geändert. Heutzutag muß eine Frau einen Führerschein haben, mach dich ja nicht unnötig abhängig, du mußt dir ja gar kein Auto kaufen, aber können, mei Mädle, fahren können, wenn’s drauf ankommt, des is wichtig, glaub mir.”
Ich war achtzehn und hatte hennarote Dreadlocks, war im AK Umwelt, protestierte leidenschaftlich gegen das System und während meine Mitschüler ihr Taschengeld schon längst in Benzin anlegten, fuhr ich demonstrativ Fahrrad und verweigerte diesen Initiationsritus des korrupten, menschen- und naturverachtenden Systems, den Führerschein, genauso vehement wie ein paar Jahre zuvor den Tanzkurs. Und kam mir mit aller Macht, die so ein spätpubertierender Rebellenschädel zu erzeugen in der Lage ist, natürlich irre cool und vor allem wahnsinnig wahrhaftig vor dabei. Konsequenz, Baby, zum eigenen Wort stehen, Prinzipien und so. Gib mal noch was vom Holunderblütensirup rüber (Bionade gab’s damals ja noch nicht)!
Da war natürlich das Emanzenargument meiner Oma das einzige, das überhaupt zu mir durchdrang, und irgendwann hatte sie mich tatsächlich so weit, halbherzig machte ich diesen Lappen, von dem alle behaupteten, er wäre so unersetzlich, und ansonsten weiter wie zuvor. (Seither hat sich ein bißchen mehr geändert als nur die Frisur, mit 26 kaufte ich mir schließlich doch mein erstes Auto, aber auch heute noch bin ich der festen Überzeugung, daß man in der Stadt keines braucht, oft steht meines tagelang herum und ist nur hübsch.)

Oft denke ich auf dieser Autobahnstrecke an meine Oma, daß ich sie mal wieder besuchen sollte, die übernächste Ausfahrt würde ich dann nehmen und nicht die nächste, an Apfelkuchen denke ich und an die Kaffeekanne mit der Silberhaube zum Warmhalten. An das Häuschen mit dem aufgemalten Gesicht, das gegenüber in den Weinbergen steht, an Spaziergänge in buntem Laub, daran, daß ich aber stattdessen schon wieder auf dem Weg bin in ein dunkles Büro, ich drehe das Radio lauter, wenigstens die Freude habe ich noch eine halbe Stunde lang, kuck mal, da hinter der Leitplanke, das rosa Zeug, ist das auch schon das indische Springkraut, über das das SüddeutscheMagazin mal geschrieben hat? Und schau mal, vor der Leitplanke, dieser Kasten, was macht der da, hoppla, was war das jetzt für ein rotes Licht?
Wieder wach, Blick auf den Tacho, später in den Bußgeldkatalog, klar, hätte nicht sein müssen, aber mal ehrlich: so viele Pferde unter der Haube und noch nie ein einziger Punkt in Flensburg, das glaubt einem doch keiner. Silberhaube, da haben wir’s wieder. Stream of consciousness, das Leben ein Kreislauf.
