10 | 2006

Superprodukt des Monats

31.10.2006

Wenn man aus diversen Gründen hin und wieder ein paar Abende in einem Fremdenzimmer verbringt, in tiefster Provinz und ohne Sozialkontakte, ohne Fernsehen und Internet, dann muß man diese irgendwie rumbekommen. Am besten schnell.
Mein Lieblingsdiscounter hat sogar Provinzfilialen, dort tatsächlich bis 19 Uhr offen und einen prima Schlafbeschleuniger im Angebot. Und für 99 Cent so viel Mehrwert!
Obwohl mein Zimmer tatsächlich das hier zur Einrichtung zählt
Korkenzieher
, bin ich neuerdings ein Fan von Schraubverschlüssen. Die dreht man einfach nach Leerung wieder zu und kann so das Altglas wieder unauffällig in der Tasche wieder rausschmuggeln (z.B. wenn die Vermieter Antialkoholiker sind), ohne Flecken in die Wäsche zu machen. Notfalls sogar in der Handtasche!
Aber warum das noch ein Topprodukt ist: weil’s halt doch nicht immer nur auf die Technik ankommt. Und diese Größe reißt zwar nix – aber das kann ja auch ein Vorteil sein. Man muß es ja nicht täglich übertreiben.
Bei einer großen Flasche käme man sich schon ganz schön krank vor am nächsten Morgen, wenn man auf der Suche nach dem Geld für den Kaffeeautomaten das Leergut in der Handtasche findet. Aber so?
Danke, Norma
Danke, Norma!
für die 0,25l-Flasche Wein.


Provinz

29.10.2006

Don Alphonso hat aufgerufen, und ich habe ausgegraben. Ja, ich gebe zu: die Geschichte ist nicht mehr ganz neu. Und es geht auch nicht um „meine” Provinz, sondern um eine, die meine eben so gar nicht war; aber das waren einige nicht, genaugenommen könnte ich gar keine Liebeserklärung ans Landleben schreiben, selbst wenn ich wollte. Landschaft, gerne, ja, aber leben – bitte nur in der Stadt*. Ich kenne die andere Seite, danke, ich steh einfach nicht drauf, mir über die Woche aufschreiben zu müssen, was ich alles brauche, das es nicht bei Penny gibt, um am Samstag dann in der nächsten Kreisstadt einzufallen. Hier also stellvertretend für diverse Provinzen, in die ich mich im Laufe meines Lebens verirrt habe:
oben

Bewerbegebiet
(Da müssen Sie sich mal vorstellen!)

Die letzte Stadt liegt Lichtjahre hinter mir, über die Felder jenseits der Leitplanken schleichen geprügelte Kühe. Alle sehen sie gleich aus.
Ich überhole eine Gruppe gleiche Motorradfahrer; gleich die Maschinen, gleich die Helme, gleich die Regenkombis. Gleich der Hitzetod, es hat 40 Grad, aber ich muß hier runter, dieses Schauspiel lass ich mir gerne entgehen.
20 Kilometer Landstrasse, vorbei an Kühen, roten Bauernhäusern, Kühen, Klinkerwerken, Kühen. Irgendwann stehen statt der Kühe hinter dem Zaun grüne Kugeln auf verkrüppelten Stämmchen. Armeen von akkurat runden grünen Dingern, unterschiedlich groß, unterschiedlich hoch, manche der knorrigen Unterbauten müssen mehrere davon tragen und schwanken nur ein bißchen dabei. Aber alle miteinander sind sie häßliche Ausgeburten eines falschen Verständnisses von Natur. In der Ferne ist das Zentrum der absurden Plantage auszumachen: ein Schild mit der Aufschrift „Baumschule für Formgehölze, Waldemar Krobelinski und Sohn, auch Gartenservice und Heckenschnitt”.
Formgehölze.
Hier beginnt, was anders längst ein Ende gefunden hätte. Ich glaube, diese Gegend und ich, wir verstehen einander bestenfalls mangelhaft.

Hinter dem Ortsschild dann Geschenkediscounts und Getränkehallen, in ehemaligen Tankstellen untergebracht, jutetaschenbepackte Frauen schleppen vier Wochen Abendessen über leere Parkplätze, auf denen am Wochenende wahrscheinlich ein einzelner Bonanzaradfahrer Tricks übt.
Es ist so ruhig hier, daß ich mich freue, als hinter mir an der Ampel ein Stereoproll hält. Geräusche. Leben. Ein Leben neben den Kühen.
Er hört Truckstop.

Ich habe noch mehr als zwei Stunden Zeit, habe viel Sicherheiten eingerechnet und hatte es obendrein noch eilig. Konnte ja nicht wissen, daß dieses Städtchen so trostlos sein würde. Ich hätte es ahnen müssen, als der 2-MB-Stadtplan aus dem Internet sich bequem auf DIN A4 zusammenschieben ließ zum Ausdrucken. Und die Straßennamen immernoch alle deutlich lesbar waren.

Ich parke den (mal wieder kunstvoll von Vögeln vollgeschissenen) Wagen auf dem ausgeschilderten „Parkplatz 9″ hinter der Boutique „big-ist-beautyful” (sic!). Während der dreiminütigen Cruiserei durch die komplette Innenstadt – noch nie und nie wieder habe ich das Verkehrsschild „Fußgängerzone – nur im Schritttempo fahren”, ohne irgendeine Zeitbeschränkung, gesehen – kam mir keiner der Plätze 1-8 unter. Die liegen dann wohl außerhalb. Vielleicht besser so.
Den Parkschein schenk’ ich mir, weit und breit kein Mensch zu sehen, ausgestorben die Fußgängerzone, nur ein paar Kinder quietschen leise um den Rathausbrunnen.
Das Stadtwappen besteht aus drei identischen bärtigen Männerköpfen, in beiden Eiscafés werden „Becher per due” angeboten, ein dickes Paar in Ballonseidepartnerlook schiebt sich an geschlossenen Läden vorbei in Richtung Metzger. Nur die rechten Schuhe auf dem Gestell vor dem geschlossenen Schuhladen sind allein. Warum auch sollte man die reinholen? Kommt doch eh keiner zum Klauen vorbei. Wahrscheinlich ist das ohnehin noch die Kollektion vom Frühjahr `86. Farblos wie alles hier, ausgeblichen von der Sonne. Diese Stadt braucht nicht mal Regen, um zu deprimieren.

Immer noch habe ich ordentlich Zeit zu überbrücken. Im Gewerbegebiet lockt mich schließlich „MacCar – washen sie ihr auto selbst”. Großbuchstaben waren aus, aber ich habe ohnehin nur einen Kleinwagen. Und der hätte es nötig, da hilft kein GeMacCar. Also eben doch. Und stand nicht in irgendeinem Bewerbungsratgeber, es gebe Firmen, bei denen einer das Auto begutachtet, während der Personalchef einen löchert? Fragt sich nur, nach welchen Kriterien. Bei „Bedürftigkeit” hätte ich den Job schon, egal ob mit oder ohne Vogelscheiße.
Gute 45 Minuten kann ich vertrödeln in der Nasszelle und bin stolz auf die glorreiche Idee, die weiße Bluse gebügelt im Auto hängen zu haben, damit ich sie erst unmittelbar vor dem Termin anziehen kann. Daß ich die gute Hose schon trage, hatte ich vergessen.

Mittlerweile ist mir ohnehin fast egal, wie das ganze hier ausgeht, ich hatte zuviel Zeit, das Städtchen jetzt schon scheiße zu finden. Ich gehe noch ein bißchen im Wald spazieren, wechsle schließlich auf dem Firmenparkplatz noch T-Shirt gegen Blüschen und trete dann ordentlich Dreck in den hochflorigen Teppich am Empfang.

Die anderen sechs sind schon da, Effizienz, Baby, so ist das heute. Die wollen sehen, wie man sich neben direkter Konkurrenz verhält, ob man Kaffee weiterreicht und ob man sich aufregt, wenn der Name auf dem Anstecker falsch geschrieben ist.
Pah, das läßt mich kalt, ich sehe aus dem Fenster, hinter trockenen Sträuchern ein paar Formgehölze, war klar, wir machen hier schließlich Design, Kleines.
Der Reihe nach beten die Delinquenten ihre Qualitäten herunter, es wurde noch nicht mal gesagt, ob es überhaupt eine Stelle gibt. Die bestellen wahrscheinlich im Halbjahres-Rhythmus ein paar Initiativbewerber, wenn ihnen mal wieder nach einem lustigen Nachmittag ist. Am liebsten mal wieder Kreative, da weiß man dann endlich, wie der Trend gerade tickt: dieses Jahr also trägt man nasse Hosen udn die Bluse schief geknöpft, aha. Interessant. Solche Nachmittage findet man lustig, wenn man noch nie in seinem gefühlte-90-Jahre-Leben richtigen Spaß hatte. Und danach schickt man alle wieder nachhause, dreht ihnen eine lange Nase und sagt, man habe nur mal sehen wollen, wie diese Arbeitslosen denn so aussehen. Am Stammtisch dann kann man seinen Managerkollegen wieder was bieten beim Vorstellungsquartett: „Mann, letztes Mal hatte ich einen, Alter 34, 12 Jahre Berufserfahrung, 3 Auslandsjahre, promoviert, 6 Fremdsprachen – sticht!”

Auf einmal bin ich dran, der Dicke mit der schmalen Krawatte fragt mich nach meinem Lebenslauf.
Ich kann nicht klagen, antworte ich, es läuft gerade hervorragend, mein Leben. Den Kinderschuhen bisweilen entwachsen, stolpert es zur Zeit nur selten.
Seit meinem Abschluß habe ich keinen Wecker mehr gestellt, meine Uhr ging heute morgen kaputt, als ich das Datum aktualisieren wollte. 30mal 24 Stunden vorstellen, das geht über den normalen Aufwand für ein Vorstellungsgespräch, die Bohrmaschine rausholen musste ich dafür, stellen Sie sich das mal vor.
Was ich jetzt so mache den lieben langen Tag? Lang schlafen, lang in der Sonne liegen, ein paar Kurze zwischendurch, mehr paßt da nicht rein, in so einen Tag, glauben Sie mir.
Ich habe ordentlich Kilos zugelegt, aber es hat schließlich auch keiner gesagt, daß irgendwas leichter werden würde mit so einem Diplom. Nebenher bin ich noch in der Bewerbebranche, aber das läuft eher schleppend.
Eigentlich vermisse ich nichts, aber Geld könnte ich langsam doch mal brauchen.

Sie wollen sich also melden, innerhalb der nächsten Wochen. Ist klar.

Ich werde wohl mal Herrn Krobelinski anrufen, ob er seine Formgehölze nicht an hippe Großstädter verscherbeln will. Ich mach den Shop in Düsseldorf. Stilhölzchen.
Ich seh schon die Schlagzeile auf „Schöner Wohnen”, „HOME” und „Lisa”: „Der neue Trend: designerplant-collecting. Machen auch Sie Ihren Vorgarten zum Lifestyle-Tempel!”
Daß da vor mir noch keiner draufgekommen ist.

unten

Das Bild ist übrigens woanders, trifft aber die landschaftliche Leere ganz gut; mehr dazu demnächst, vielleicht.
Den Job habe ich übrigens nicht bekommen, wenn es überhaupt einen gab. Aber wer hätte das gedacht – das hab’ ich gut verkraftet.

* Oh, ich höre sie schon, die „echten” Großstädter, für die alles unter 1,5 Millionen Einwohner ein Dorf ist. Meine Definition von Stadt beinhaltet mindestens Straßenbahn, zwei Programmkinos und die Möglichkeit, Tonträger nicht nur bei Kaufhof zu erhalten. Glaubt mir, da fällt schon eine Menge Deutschland raus.


Notiz im Karmakalender

27.10.2006

(eine Art Haiku)

Eine halbe Stunde nach Arbeitsbeginn
auf der Fahrt ins Büro
mit dem Finger in der Nase
dem Direktor die Vorfahrt nehmen
- das läßt Du lieber in Deinem nächsten Leben.


statt Blumen

25.10.2006

…oder Rumkugeln:

Aber Achtung, Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen. Jetzt ist mir auch klar, warum es in just jenem Ort eine Adresse namens „Gummistrasse” gibt. Ich mußte mir Mühe geben, mich nicht direkt vor dem Kopierer mit dieser Serviceadresse auf dem Boden zu wälzen.
(„Wenn Sie uns suchen, das kann sich ziehen…”, höre ich schon den Call-Service-Agent glucksen.)


Bezeichnend

23.10.2006

„Und, was machst Du jetzt so?”
„Ich hab’ jetz’n Job, für den ich mir montagmorgens lieber die Stempel von den Händen schrubbe.”


Super-Angebot

22.10.2006

Ab morgen bei Maxikauf, neben „jeder Menge kostenloser Parkplätze”:
Die einzige Spirituose, die man nüchtern gar nicht bestellen kann. Die man vermutlich nicht einmal dann lesen könnte, wenn der Drucker sauber gearbeitet hätte. Abbagünstichissebroosd.


Zeitreisen Vol.3

21.10.2006

[Fortsetzung hiervon]

but I know it’s true that good things never last / ’cause I’m older now, much older than / I was when I was young
Jay Jay Johanson – I’m older now
Klar war man früher jünger. Trotzdem klingt diese simple Tatsache aus dem Mund dieses Grischberlas* wie eine Offenbarung von mindestens Wagnerschem Ausmaß.
Wer Jay Jay Johanson nicht kennt ist zu bedauern und wird hiermit zum Hören von „Whiskey” nicht unter vier Stunden verdonnert. „Tell the girls that I am back in town” war meine Einstiegsdroge, herübergeweht durch eine Sommernacht, zusammen mit dem Duft gegrillter Bratwürste; aber auch ohne Pawlow und Synergie hätte mich das umgehauen. Klingt wie Dean Martin auf Breakbeats und ist einfach sehrsehrsehr groß. Und singende Sägen sind ohnehin unschlagbar.

* Die fränkische Sprache beinhaltet einige Begriffe, für deren genaue Übersetzung dem Hochdeutschen die Worte fehlen. Ziemlich viele davon behandeln die kurze, aber liebevolle Bezeichnung vermeintlich schlichterer (wie z.B. „Druudscherla” für ein motorisch und/oder geistig nicht übermäßig schnelles Mädchen) oder körperlich auffälliger Gemüter (wie eben „Grischberla” für einen unscheinbaren, schlaksig-hageren, farblosen jungen Mann). Ein Feld für Linguisten. Bitte, ran an die Forschung!

I had a hole in my heart for so long / I learned to fake it and just smile along / down on the street those men are all the same / I need a love / not games, not games
Iggy Pop – Candy
Diese Zeilen singt natürlich Kate Pierson (von den B52’s), und das tut sie glaubhaft. Sonst geht es herbstgerecht um die Erinnerung an alte Liebe, und das würde schon reichen.
Wäre diese CD ein Tom-Tykwer-Film, die persönliche Geschichte des Kennenlernens jedes einzelnen Songs wäre die Meta-Ebene. Den hier hat mir mein damaliger Mitbewohner vor zehn Jahren durch eisernes Auf-Repeat-Hören nahegebracht. Ich hatte keine Wahl. Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn noch heute vor der Badewanne knieend, den Abwasch von vier Wochen auf einmal machend. Jedes Mal vorher, wenn die Teller zur Neige gingen und er Küchendienst hatte, hatte er aus Faulheit einfach neue aus dem elterlichen Keller geholt. Nach einem Jahr hatten wir mehr Geschirr als eine Rathauskantine.

Samstag abend / du machst dich schön / das kann dauern / das kann länger geh’n
Panamaformat - Bourbon stranger
Nicht sehr schmeichelhaft, aber so ist es eben ab einem gewissen Alter. Wunderbarer Song einer zu Unrecht völlig unbekannten Kapelle über das Wochenende einer (männlichen) Barfly. Wer dabei nicht mindestens die Bar von Hopper vorm geistigen Auge hat, hat nichts begriffen.

audiophier
[vierohriges Häschen by courtesy of Leserkommentar]


Alterserscheinungen anderer

20.10.2006

Ausnahmsweise geht es einmal nicht um meine eigenen Zipperlein. Der Landesvater der weiter Südlichen ist fluffige 65 geworden. Ich hätte ihn ja auf mindestens zehn Jahre älter geschätzt, sein Sprachzentrum auf gute 120.
Und Trittin hat für seine Begriffe recht launig gratuliert, den Wortlaut aber gleich wieder von sämtlichen Grünen-Webseiten entfernt. Hier ist der Gruß im Stile der legendären Transrapidrede nachzulesen (auch schön der von Hansi Well). Zur Reaktion Stoibers habe ich nichts gefunden. Wird schon so ein verkniffen-überhebliches Grinsen gewesen sein.


Zeitreisen Vol.2

17.10.2006

Dies ist die Fortsetzung hiervon.

I guess I should have never left, that’s right / it’s typically me
Quarks – Typically me
Es geht doch nichts über ein paar ordentliche Selbstvorwürfe. Und mir geht nur wenig über Quarks, diese brüchig-engelsgleiche Stimme über den Beats, reinlegen möchte ich mich und wochenlang nicht mehr aufhören zu heulen, aber das ist ein anderer Song und wird ein andermal gesungen.

baby / I see this world has made you sad / some people can be bad
Dire Straits – Why Worry
Ach was. Auf deutsch wäre so ein Reim von Wolle Petry. Und nun geht „Baby” ja eigentlich spätestens seit DJ Ötzi nicht mehr als Kosename für Erwachsene, aber der Knopflers Maxe, der timbriert das einfach so hin, daß es mir immer wieder ganz heiß wird dabei. Da verzeihe ich den Text, die Aussage (jaja, unsere Liebe läßt uns alles aushalten… wer steckt sich dabei nicht instinktiv den Finger in den Rachen?), sogar das ewige Instrumental am Ende und denke mir zur Abwechslung mal „Hey, eigentlich hat er ja fast Recht: warum sorgen?” Auf die Fresse kriegt man ja auch so wieder.
(Außerdem war das übrigens der erste Song aus meiner ersten, einzigen, eigenen Stereoanlage, mühsam erarbeitet durch Unkrautzupfen bei einem Rüstungsriesen; alle Komponenten mindestens vier Ohren in der „Audio”, aber CD besaß ich noch keine eigene. Da mußte der Nachbarsjunge ran, respektive seine Sammlung. Der ist heute übrigens schwul, wie man sich flüstert. Ich kann nichts dafür.)
[Und da der einzige Treffer bei youtube ein mit diesem Song unterlegtes Hochzeitsvideo ist, lasse ich das Verlinken auch hier.]

never thought I’d get any higher / never thought you’d fuck with my brain
Placebo – My Sweet Prince
Schon allein, wie er „fuck” singt. Oder die Zeilenenden zerrt. Vielleicht aber auch wegen „me – and the dragon”, ich will gar nicht zerpflücken, woher die Gänsehaut kommt. Und das Hirn penetriert zu bekommen ist wahrscheinlich wirklich viel schlimmer als das Herz. Letzteres hat nämlich weitere Eingänge. Weiter im Sinne von weiter, nicht von mehr.


Zeitreisen Vol.1

16.10.2006

Sonnenaufgang
Ich bin viel unterwegs derzeit, die Autobahn ist die teergewordene Konstante, die ich mir so nicht vorgestellt hatte, als ich heiß nur irgendeine ersehnte. Zum ersten Mal erahne ich, warum es Sitze mit Lordosestütze gibt, Tempomaten, Regensensoren; Asche auf mein Haupt, aber das will ich alles auch in meinem nächsten Wagen. So werden Konsumenten gemacht, ich weiß, aber sei’s drum, bloß weil man ein Muster erkennt, kann man’s noch lange nicht auftrennen. Bei meinem nächsten Wagen nimmt die linke Box auch nicht erst dann die Arbeit wieder auf, wenn man das Beifahrerfenster runtergelassen hat.

Seit Tagen höre ich die gleiche CD, eine Eigencompilation mit dem pathetischen Namen „Herbstmusik”, und sie paßt heute noch so gut wie vor fünf Jahren. Jeden einzelnen Song könnte ich zehnmal hintereinander hören ohne einzuschlafen, und diesem Tonträger allein verdanke ich vermutlich mein Leben, unterwegs zu unmenschlichen Zeiten hinter notorischen Mittelspurschleichern.

Mit den Kilometern und den Melodien fliegen Jahre, Welten, Erinnerungen vorbei; der Vorsatz, über jedes einzelne dieser Stücke ein paar Sätze runterzuschreiben, bleibt. Vielleicht treibt es ja jemanden an die (Fest-)Plattensammlung. Vielleicht entdeckt dann jemand diese Schätze neu.

Herbstmusik

all I want you to know / is that I won’t be here for long / and my heart, my heart is getting sore
Dover – King George
Meine Fresse, „wund”, wie abgerieben, wie wundgefickt, wie passend. Hier schreit man den Text besonders gerne mit und wünscht sich ein weiteres Mal Hornhaut auf dem Herzen.
[edit: sofort hören hier]

and ignorant people sleep in their beds / like the doped white mice in the college lab / nothing ever happens, nothing happens at all / the needle returns to the start of the song / and we all sing along like before / and we’ll all be lonely tonight and lonely tomorrow
Del Amitri: Nothing Ever Happens
In Köln gibt es ein Café, da steht an der Wand in feinen grauen Lettern „wie schnell ist nichts passiert”. Man vergißt das nur so oft. Dieses ständige Geändere trügt so schön.
[edit: eine tolle Übersetzung dieses Songs übrigens hier]

sie sagt / ich brauch nicht lang, um mein Gesicht anzumalen / ich brauch nicht lang, um meine Sachen zu packen / ich brauch nicht viel / es braucht nicht viel / alles kaputtzumachen / aber ich kann’s auch lassen
Flowerpornoes: Ich will mal irgendwohin
Einer der unfaßbar besten Songs ever. Von vorne bis hinten sollte ich den zitieren. Ich hab’ ihn schon unzählige Male gehört, und so oft verstehe ich ein Wort mehr oder anders. Wir wollen doch alle nur mal irgendwohin. Bloß kann der Weg so langweilen.


%d Bloggern gefällt das: