Zeitreisen Vol.1

16.10.2006

Sonnenaufgang
Ich bin viel unterwegs derzeit, die Autobahn ist die teergewordene Konstante, die ich mir so nicht vorgestellt hatte, als ich heiß nur irgendeine ersehnte. Zum ersten Mal erahne ich, warum es Sitze mit Lordosestütze gibt, Tempomaten, Regensensoren; Asche auf mein Haupt, aber das will ich alles auch in meinem nächsten Wagen. So werden Konsumenten gemacht, ich weiß, aber sei’s drum, bloß weil man ein Muster erkennt, kann man’s noch lange nicht auftrennen. Bei meinem nächsten Wagen nimmt die linke Box auch nicht erst dann die Arbeit wieder auf, wenn man das Beifahrerfenster runtergelassen hat.

Seit Tagen höre ich die gleiche CD, eine Eigencompilation mit dem pathetischen Namen „Herbstmusik”, und sie paßt heute noch so gut wie vor fünf Jahren. Jeden einzelnen Song könnte ich zehnmal hintereinander hören ohne einzuschlafen, und diesem Tonträger allein verdanke ich vermutlich mein Leben, unterwegs zu unmenschlichen Zeiten hinter notorischen Mittelspurschleichern.

Mit den Kilometern und den Melodien fliegen Jahre, Welten, Erinnerungen vorbei; der Vorsatz, über jedes einzelne dieser Stücke ein paar Sätze runterzuschreiben, bleibt. Vielleicht treibt es ja jemanden an die (Fest-)Plattensammlung. Vielleicht entdeckt dann jemand diese Schätze neu.

Herbstmusik

all I want you to know / is that I won’t be here for long / and my heart, my heart is getting sore
Dover – King George
Meine Fresse, „wund”, wie abgerieben, wie wundgefickt, wie passend. Hier schreit man den Text besonders gerne mit und wünscht sich ein weiteres Mal Hornhaut auf dem Herzen.
[edit: sofort hören hier]

and ignorant people sleep in their beds / like the doped white mice in the college lab / nothing ever happens, nothing happens at all / the needle returns to the start of the song / and we all sing along like before / and we’ll all be lonely tonight and lonely tomorrow
Del Amitri: Nothing Ever Happens
In Köln gibt es ein Café, da steht an der Wand in feinen grauen Lettern „wie schnell ist nichts passiert”. Man vergißt das nur so oft. Dieses ständige Geändere trügt so schön.
[edit: eine tolle Übersetzung dieses Songs übrigens hier]

sie sagt / ich brauch nicht lang, um mein Gesicht anzumalen / ich brauch nicht lang, um meine Sachen zu packen / ich brauch nicht viel / es braucht nicht viel / alles kaputtzumachen / aber ich kann’s auch lassen
Flowerpornoes: Ich will mal irgendwohin
Einer der unfaßbar besten Songs ever. Von vorne bis hinten sollte ich den zitieren. Ich hab’ ihn schon unzählige Male gehört, und so oft verstehe ich ein Wort mehr oder anders. Wir wollen doch alle nur mal irgendwohin. Bloß kann der Weg so langweilen.


Weltgeschichten

6.9.2006

„Weißt Du, ich habe mal so nachgedacht, und da fiel mir auf, daß mein Leben irgendwie verwoben ist mit Katastrophen.”, sagt mein Ex-Freund am Telefon und ich höre, wie er einen tiefen Schluck nimmt. „Damals, sechs Wochen, nachdem Du mit mir Schluß gemacht hast, flog das World Trade Center in die Luft. Sechs Wochen nachdem F. ging, starb der Papst. Und dann Katrina letztes Jahr…”
Mir schwant Übles. „Ach Du Scheiße, hat sie Schluß gemacht?!” – „Nein.” – „Hast du Schluß gemacht?” – „Nein, alles in Ordnung, fiel mir nur so auf.”

Bitte bleibt um Himmelswillen beieinander. Es gibt Paare, die weniger zusammenhält als die Weltverantwortung.


übrigens…

31.8.2006

„Prost” liegt bei meiner T9-Worterkennung leider hinter „Sport”. So kommen SMS zustande wie „Ich gieße mir jetzt noch ein Bier in den Farn. Sport!”, aber der Inhalt ist ja trotzdem klar, auch wenn der Hals gemeint war.
Und das hier ist übrigens tatsächlich großer Sport; ich denke ernsthaft nochmal über eine Mitgliedschaft im Fitnessclub nach:

[via Bombastic B. und fugufish]


fast ohne Worte

26.8.2006

[„Unkraut versteht sich.” Dieser Mann ist ein Rapgott, dafür bräuchte er nichtmal so einen Körper. (Hatte er den eigentlich schon immer?) Ach, ist übrigens Dendemann, ehemals einszwo. Mehr Worte gibt’s aber wirklich nicht.]

Nachtrag:
okaaaay, wenn man weiß, was zitiert wird, kann man auch berechtigt lachen (z.B. über den Sackkratzer).

Danke, Esther! (Und nein, das mit dem Silikonbody glaube ich nicht…)


passend

14.8.2006

Eben im Radio gehört: nach der Meldung, daß sich der Bundestag bald mit der Frage beschäftigen wird, ob die Bundeswehr jetzt da unten mitkloppen sich an einer UN-Truppe im Nahen Osten beteiligen soll (und daß Beck meint, da müsse man schon mit, wenn alle anderen doch auch…) läuft der Song irgendeiner Newcomerin „They’ve all gone to war”.
Zufall oder Absicht?


Großartig, dieses Internet!

10.7.2006

Wow. Irgendwie denkt man ja doch oft beim Surfen, man hätte alles so oder anders schon gesehen. Aber hier war sogar das gelangweilte Häschen mal baff:
Die jetzt-Redaktion hat eine Reportage über das gestrige WM-Finale gemacht – mitten auf einem Platz in München, wo kein Fernseher stand. Links liest man den Text, rechts hört man die Straßenbahnen fahren. Und auf einmal wurde mir klar, warum nie von 80 Millionen Deutschen die Rede war, die die Übertragungen ansehen.
Eine sehr schöne Idee. Wie ja überhaupt das Thema „Gleichzeitigkeit” so oft unterschätzt wird…


Hoffentlich kommen die Deutschen ins Finale.

21.6.2006

Denn solange unsere Jungs spielen, fassen Blumentopf - eine hochvirtuose HipHopCombo aus München – jedes Spiel mit schwarz-rot-goldener Beteiligung für die ARD in einer „Raportage” zusammen. Großartig! Ansehen! Unbedingt!
Alle bisher vier gibt’s hier.


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