Alle Jahre wieder: #nichtgemacht_vs_selbstgemacht

24.9.2014

Ein Jahr ist rum und Rakete hatte tatsächlich schon wieder Geburtstag. Und ich Lust und ein bißchen Zeit und vergessen, daß der schönste Kuchen der Welt, den ich kann, einen Ticken besser aussieht als schmeckt.

Also, auf zur fröhlichen Nicht-Supermutti-Angeberparade! Diesmal zuerst was ich (und auch sonst niemand) nicht gemacht habe und dann erst das Stattdessen. Hintergrund und Rant hier.
Achtung, nix für schwache Gemüter. Für die Hartgesottenen geht’s auch noch größer!

Jeden Tag auf dem Präsentierteller: Stilleben, seit April unbewegt.
mitten im bad

Neues Jahr, anderer Dreck: der Abfluß des Grauens.
schmutz1

Schick, aber scheiße zu putzen: Gasherd mit Glasplatte. Nie wieder.
herd

Wird auch täglich übersehen: daß man Türen auch mal abwischen könnte.
schmutztuer

Lifestyle-Fotografie aus dem Häschenhause: Designersessel an schwindender Wand.
wand

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All das blieb also liegen für dies hier:
regenbogentorte_stilhaeschen_2014

Ach, und es darf auch gerne weiter liegenbleiben. Leben ist schöner als Putzen!

[Und weil ich weiß, daß Notizen an mich selbst hier sicherer sind als irgendwo sonst: sollte das jetzt hier Tradition werden, dann nächstes Jahr dieses Bodenrezept mit weit weniger Mehl machen. Dann wieder Marmelade zwischen die Böden (Zitrone war eine Superidee – lieber zwei Gläser als nur eines!). Die Creme aus 250g Puderzucker, 400g Frischkäse und 350g Butter war mehr als ausreichend, hätte jedoch Zitronensaft vertragen. Und vielleicht doch nochmal nach anderen Farben suchen (wobei, nächstes Jahr sollte das Thema Windeln bei Risiko ja durch sein, insofern ist das nicht mehr ganz so wichtig).]


Für Sie probiert (Ostertip für Übermuttis)

24.3.2014

Jaja, Bioeier gibt’s nicht in weiß. Das wissen wir jetzt.
Wenn die Kinder fürs Basteln im Kindergarten aber drei ausgeblasene weiße mitbringen sollen, dann mach’ ich das natürlich brav. Und weil mir heute nach Übertreiben ist (und ich nach dem Einkauf Wartezeit zu überbrücken hatte & das Werkzeug der Fingernägel wegen eh immer im Geldbeutel dabei): unsere sind knalleweiß und ohne Stempel!
Der Trick: 100er Schleifpapier – vor dem Ausblasen. So sieht keiner mehr gar nix – kein Stempel, keine Schublade („Aha, aus NL. Die Stilhäschens haben’s natürlich wieder nur zum Discounter geschafft.”).

Jetzt muß ich Rakete nur noch schnell von unserer neuen Tante Agathe mit den eigenen Hühnern überzeugen. Mehr Fleißsternchen gehen ja wohl nicht.


Elternurlaub – ein Plädoyer

11.12.2013

Und ich will essen
und ich will nicht mehr „möchte” sagen.
Ja ich will rauchen und neben dir laufen,
ohne ein Kind zu tragen.
Ich weiß, dass ich bleich bin
und dass du nichts mehr riechst.
Und was ich schön an dir fand,
find ich jetzt ziemlich häßlich.
Du lächelst nie.

Moritz Krämer: Für die Kinder (Ein Song aus der Perspektive eines Noch-nicht-Vaters, der sich vorstellt, was ihm mit dem Kinderkriegen/Kinderhaben blüht)

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Der letzte Beitrag ließ es ahnen: eine Auszeit aus dem Elternsein kann echt nötig sein. Und heißa, ich sage Euch: sie ist auch möglich! Zum scheißverfickten Glück, alte Axt noch eins. Verzeihen Sie den Ton, aber Fluchen unterstreicht schöner als Blinkebuchstaben.

„Alles was Sie brauchen: eine Oma und zwei E-Tickets. Der Ausbruch ist möglich!” habe ich geschrieben und ja, ich bin mir des Luxus’ bewusst, den wir da haben: die Oma, die bereitwillig Buggy bei Fuß steht und die Kinder für vier Tage (immerhin: zwei davon tagsüber mit Kindergarten) bespaßt. Die Familienkasse, die diesen Ausbruch erlaubte. Und den Möhrchenprinzen, der das alles organisiert und gebucht und mich damit mal kurz überrascht hat. Wir haben’s gut und ich weiß das. Ich weiß auch: Wegfahren ist kein Patentrezept bei Zahnfleischbluten. Das war für genau uns genau jetzt genau das Richtige. Für alle anderen gilt Anderes. Und ich weiß auch noch: klar wollten wir diese Kinder und unser Leben so und würden natürlich auch nicht tauschen wollen – aber wir wollen auch: mal wieder wir sein. Und mal wieder durchschlafen. Und mal wieder etwas Neues sehen jenseits von abseitigen Kinderstuhlfarben (ich meine nicht die Möbel!) oder dem dreihundertachtundneunzigsten Pixibuch.

Frei sein wie ein Vogel und diese ganzen Bilder...

Und so brachten wir eines Donnerstags im November die Kinder in den Kindergarten, gingen wieder nachhause, warfen ein paar Klamotten in einen großen Rucksack und fuhren mit der U-Bahn (zugegeben: mit Umweg über zwei Flughäfen) nach Istanbul. Eine andere Welt in nur drei Stunden Flugzeit. Manchmal braucht man einfach die Erinnerung daran, daß es noch soviel anderes auf der Erde gibt als… Sie wissen schon: Stuhlfarben und Bilderbücher. Waschladungen und Kinderturnen. Frühstück und Abendessen. Lego und Playmobil.

Andere Eltern hatten uns zu diesem Kurzausbruch vorher schon gratuliert und prophezeit: „Am ersten Tag wollt Ihr noch halbstündlich anrufen, ob zuhause alles okay ist. Am zweiten Tag kommt Ihr auf den Geschmack. Drei Telefonate früh, mittags, abends, würden reichen. Irgendwas fehlt dazwischen immernoch. Der dritte Tag ist wie früher ohne Kinder: nur Ihr beide. Aber am vierten, spätestens abends, bricht Euch das Herz, wenn Ihr die Blagen nicht sofort wieder sehen könnt.”
Das kann ich so nicht unterschreiben. Im Gegenteil, ich war erstaunt bis schockiert, wie schnell wir uns beide in unserem alten Leben gefunden haben: sich treiben lassen durch den Tag, ohne die permanente Angst, irgendetwas wichtiges vergessen zu haben (Windeln, Fläschchen, Gummibärchen. Mütze, Schal, Handschuhe. Schnuller, Feuchttücher, Taschentücher, Ersatzklamotten. Ach Scheiße, wo steht eigentlich der Buggy? Und hatten wir nicht noch vorhin noch ein quengelndes Kind dabei? Verdammte Axt, waren das nicht sogar zwei?!) – das geht. Aber sowas von! Irgendwo irgendwas aus der Hand essen, wenn einem SELBST danach ist: das geht ja! Irgendwo einen Kaffee trinken ohne nocheinmal dasselbe auszugeben für zwei Gläser, die voll wieder zurückgehen (oder kaputt und noch teurer): das geht ja! Sich in Ruhe irgendetwas ansehen, ohne permanent die Umgebung abzuscannen nach Toiletten, Wickelmöglichkeiten, Getränkeständen: das geht ja!
Wir waren sehr schnell wieder in dem Leben, in dem wir vor den Kindern waren. Es ging um den Moment und endlich mal wieder UM UNS. Wir gingen Hand in Hand in eigentlich unfassbarem Tempo (mehrere Kilometer! pro Stunde!) durch eine fremde Stadt und kümmerten uns nur unsere eigenen Bedürfnisse. Fast waren wir keine Eltern. Wahnsinn.

Aber die Momente, die uns bewiesen, daß wir keine Zeitreise gemacht hatten, die kamen. Unverhofft und erschreckend deutlich.

Wir sind erschlagen von der Hagia Sophia: so groß, so viel Geschichte, so viel Kultur. hagia sophia
Und vor dem berühmten Mosaik der Mutter Gottes fällt mir als allererstes ein:
hagia_sophia_mosaik_500
Um Himmels Willen! Die trägt nicht wirklich das Kind mit dem Gesicht nach vorne! MEIN GOTT!

Ich bin jetzt also Mutter und denke auch wie eine. Erschütternd.

Eine andere Situation, die ich vor fünf Jahren noch ganz anders wahrgenommen hätte: bettelnde Kinder auf der Straße. Wenn abends die Geschäfte schlossen, wuchsen aus den Gehwegen die Decken der Strickomas und der Straßenhändler, auf einmal saßen überall Frauen mit schlafenden Kleinkindern auf dem Schoß und einer leeren Schale vor sich. Und einzelne Kinder im Vor- oder Grundschulalter, die Melodika spielten oder Taschentuchpackungen anboten oder sich an eine Hauswand kauerten und traurig schauten. Wir haben mehrfach beobachtet, daß die Kinder untereinander ganz fröhlich waren, miteinander scherzten und die Plätze tauschten – um alleine wieder den traurigen Blick nach oben aufzusetzen. Diese Beobachtung macht die Sache für mich nicht einfacher – denn seit ich Mutter bin, berührt mich ein bettelndes Kind noch viel mehr als vorher. Die Vorstellung, meine Kinder müssten betteln gehen, ich würde meine Kinder zum Betteln schicken, macht mir Gänsehaut. Und mich unheimlich dankbar, daß ich mir darüber eigentlich gar keine Gedanken machen muß (Gedanken mache ich mir aber darüber, ob ich nicht gerade dadurch, daß ich mich berühren lasse und Geld gebe, das System am Laufen halte. Teufelskreis.). Mein Souvenir ist Demut.

Und dann war da noch der letzte Abend in der Stadt. Der letzte Abend ohne Kinder. Der letzte Abend ohne Winterjacke. Wie die Abende zuvor liessen wir uns durch die Stadt spülen, aßen, liefen, tranken, gingen weiter, saugten auf und kurz vorm Hotel wurde uns ein weiteres Mal unfaßbar klar, wie sehr sich unser Leben in den letzten Jahren verändert hatte: Früher wären wir noch einmal umgedreht, hätten noch drei Lokale unsicher gemacht und gerufen „Schlafen können wir auch zuhause!”. Diesmal legten wir uns brav aufs Ohr und genossen es, die paar Stunden wenigstens durchzuschlafen.

am meer
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PS: Die Kinder fanden’s auch toll. Vier Tage bei Oma und Opa! Und auch Oma und Opa haben sich gefreut. Klassische Win-Win-Win-Situation.

PPS: Heimkommen ist schon auch sehr schön. Vielleicht sogar schöner als früher.

PPPS: Wenn’s denn ein Fazit sein soll: Vielleicht ist Istanbul gar nicht so sehr verschieden von unserem deutschen Alltag wie es uns vorkam (Größe, Lärm, Leben…). Vielleicht reicht schon der fehlende Kleinanhang, um eine Reise „allein” zum unglaublichen Erlebnis zu machen.
In diesem Sinne: Liebe Eltern, nehmt Euch mal einen Babysitter und fahrt mit den Öffentlichen in die Nachbarstadt, wenn möglich über Nacht. Ohne Kinder ist alles eine neue Welt!


Happy Imperfection!

18.9.2013

Ich weiß, ich weiß, erst unlängst hab’ ich mich über Supermuttis aufgeregt. Und heute? Sieht es ganz so aus, als gehöre ich dazu*.

Dieses Drecksinternet hat mich nämlich angefixt, irgendwo habe ich diese Regenbogentorte gesehen und wusste: das will ich auch mal gemacht haben! Raketes Geburtstag bzw. den obligatorischen Verwandtschafts-Besuch habe ich dann als Anlass (und mir einen halben Tag frei) genommen.
Regenbogentorte_stilhäschen
Ist gar nicht mal soooo aufwendig. Und hat mir vor allem richtig, richtig Spaß gemacht – weswegen ich das ja auch in Angriff genommen habe; meine Tochter braucht sowas nicht. Daß Rakete mal kurz staunt beim Anschneiden, ach: eine nette Zugabe (für sie und ihre Kindergartengruppe gab’s wie immer ganz einfache Marmormuffins). Die fertige Torte, das Wissen ums Selbstgemachthaben und daß die Schwiegermutter sieht, daß ich auch was kann: unbezahlbar!
Regenbogentorte_stilhäschen_angeschnitten
Wen’s interessiert: ich hab’ mich im Wesentlichen ans oben verlinkte Rezept gehalten, zwischen die Böden aber statt Creme Aprikosenmarmelade gestrichen. Supersaftig! Ich hatte 22cm-Böden und die Frischkäsecreme mit je 300g Käse, Butter, Puderzucker gemacht. Mit weniger hätte ich die Böden aussen nicht gleichmässig abdecken können. Übrigens: aus Schüsseln kratzen und verstreichen lässt sich sowas hervorragend mit einer Krankenkassenkarte! Und lieber vier Riesenrollen Smarties kaufen statt nur zwei. Die Farben sind nämlich gar nicht gleich verteilt und abgezählt (bei mir war Orange stark unterrepräsentiert)!

* Sieht aber nur so aus! Weil ich nämlich nur wenig so sehr hasse wie diese Selbstbeweihräucherungs-Eigenkreativitätsfeierei-Blogs (wehe, hier kommen lauter „oooch, wie toll du das gemacht hast!”-Kommentare!), zeige ich Euch noch mehr. Nämlich was ich (und auch sonst niemand – das macht mindestens genauso oft auch mal der Möhrchenprinz) alles NICHT gemacht habe. Nicht heute, nicht gestern und vieles bestimmt seit ein paar Wochen nicht mehr. (Und man darf mir glauben, wenn ich sage, daß ich die Motive weder arrangieren noch suchen musste!)

Unterm Bett. Tatütata.
Staub auf Fußkreuzen.
Der Fluch der tiefen Sockelleisten.
Im Karton sieht's immer noch besser aus als im Regal.
Was vom Frühstück übrig blieb.
Ach, da!
Dreck, einfach nur Dreck.
Tritt sich fest.
Schon lange tot.
Down the drain
Mein Freund, die Wollmaus.
Wäschemonster von allen Seiten.
waschbecken

Weil es nämlich wichtigeres gibt. In diesem Sinne: do more of what makes you happy. Und lasst den Rest liegen, solange es geht.


it’s all about Namensgebung (heute keine Vornamenstirade!)

26.7.2013

Informierte Eltern wissen: Erziehung ist eine Wissenschaft. Beweisbar, messbar, vollkommen objektiv. Und alle sind sich immer einig. Gerade ist man sich einig: Strafen gehen gar nicht. Belohnungen auch nicht, sind sie doch nichts anderes als negierte Strafen. Argumentation ist das Zauberwort! Erklären Sie Ihrem Kind, warum es das eine tun und das andere lassen möge. Kinder verstehen alles, es ist nur eine Frage der Zeit. Die muss man sich halt nehmen als Eltern, meine Güte, das hat man doch vorher gewusst! (Dass Strafen/Belohnungen des Teufels sind, das könnte ich jetzt mit allerhand Links untermauern. Ich habe aber keine Lust drauf! Gehen Sie doch einfach in ein beliebiges Internetforum – für Eltern, Juristen, Mieter, egal – und eröffnen einen Thread a la „Ich habe meine Tochter auf die stille Treppe geschickt, wir wohnen in einem Mietshaus und die blinde Katze der 90jährigen Nachbarin ist drübergestolpert. Muss jetzt wirklich ich den Tierarzt zahlen oder kann ich das an den Erzeuger weiterleiten?”. Spätestens die dritte Antwort wird irgendwas mit Jugendamt sein, ich gehe jede Wette ein. Wenn das Internet jedoch für Sie Neuland ist, gehen Sie doch einfach mal auf den Spielplatz bei den neugebauten Townhouses im örtlichen Boom-Stadtteil, setzen sich in der Nähe eines Bugaboo-Treffens auf eine Bank und spitzen Sie die Ohren. Da sitzen nämlich die Erziehungsprofis gerne, zwischen Toddlers’ English- und Musikzwerge-Kurs. In jedem Fall erfahren Sie: Strafen und Belohnen ist sowas von out, demnächst singt Heino davon.)

Auch meine Kinder verstehen sicher irgendwann alles – allein meine Geduld reicht mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr 15 Jahre. Vielleicht erkläre ich es auch zu kompliziert oder spreche undeutlich oder bin einfach pädagogisch ein Totalversager, jedenfalls habe ich bei vielen Punkten aufgegeben. Statt Rakete im Supermarkt in der Nähe der Wursttheke Vorträge über die Inhaltsstoffe industriell hergestellter Gelbwurst (und der Notwendigkeit von Brot zu Wurst) zu halten, raune ich ihr nur ein „wenn Du nicht wieder bettelst, kauf’ ich genug Wurst für drei Tage zum Abendbrot” zu. Und das abendliche Zähneputzen ist seit der direkten Kopplung an die Gute-Nacht-Geschichte wesentlich entspannter. Das ist nichts anderes als Belohnung und Strafe, höre ich Sie schnappatmen? Pah! Ich nenne das economic Erziehing. Ich bereite meine Kinder nur auf die Wirklichkeit vor: Leider wohnen wir nicht allein auf einer Südseeinsel, bei uns herrscht Marktwirtschaft, alles geht um Angebot und Nachfrage. Ich verhandle mit meinen Kindern und setze einen Preis fest für eine Leistung, sie können das Angebot annehmen oder ablehnen, wieviel freiheitlicher kann Erziehung sein? Sie müssen halt die Konsequenz tragen, und die wird vorher vereinbart. Statt ihre Hirne mit Argumentationen zuzuballern, biete ich zwei Möglichkeiten an und die Kinder machen ihre persönliche Kosten-Nutzen-Analyse.
Jetzt noch schnell das ganze auf 200 Seiten aufblasen, einen Verlag finden und ich bin die neue Heldin der Spielplatzbänke. Mehr Zeit als früher habe ich ja schon fürs Schreiben, jetzt wo das Argumentieren wegfällt.


5 Jahre und drei Tage (im Blog geblättert wie in einem Tagebuch)

9.7.2013

Fünf Jahre und drei Tage und ungefähr hundert Bratwurstexzesse
und genau zwei Kinder und einen Ringtausch und eine immernoch aufgeschobene Party
und ein verkauftes Auto und ein gekauftes Auto
und einen gekündigten Job und eine hoffentlich irgendwann passable Selbstständigkeit
und einen Umzug später:
sitze ich immer noch auf demselben Balkon. Diesmal ist vieles anders: es ist abends. Ich bin allein, die Kinder schlafen, der Mann ist im Biergarten. Aber derselbe Baum steht daneben. Vor fünf Jahren hätte ich mir nichts davon auch nur gedacht. Da ist immer noch Liebe, und es ist viel, viel mehr.

Ich glaube, ich schleppe mal die Matratze raus und bereite das Frühstück vor.
(Für fünf Uhr dreissig, sonst ist Risiko schneller.)


Ohrenschmalz, Gott erhalt’s (aus der Reihe „fränkische Dialoge”)

14.3.2013

Beim Abendessen erzählen wir uns, was wir den Tag über so gemacht haben. Ich war mit Risiko eine Freundin in Ihrem neuen Job besuchen.

Möhrchenprinz: „Und was ist das für ein Laden?”
Ich: „Die verkaufen da Espressoautomaten und beraten auch.”
Rakete (entrüstet): „Ich will auch einen!”
Wir Eltern sehen sie entgeistert an.
Rakete, unbeirrt: „Mama, wenn Du da nochmal hingehst, kaufst Du mir dann bitte einen?”
Ich: „Rakete, Espresso ist Kaffee. Das brauchst du nicht.”
Rakete: „Ich brauche auch keinen Kaffee! Ich brauche einen Piraten!”


Häuschen im Grünen

3.8.2012

Es ist nicht ganz zehn Jahre her, da hatte der Möbelschwede eine Hollywoodschaukel im Angebot und ich war verliebt. In die Schaukel und in einen Mann mit dem Garten dazu. Der zweite Job nach dem Studium hatte endlich das Geld dafür abgeworfen, da gab es das Teil nur noch in Berlin. Ich setzte hundert Hebel in Bewegung, um eine der letzten zu ergattern. Kaum stand die Schaukel, schwankte alles andere. Die Schaukel und ich flogen aus einem Garten und einem Leben, in meiner Wohnung ersetzte sie mir das Sofa. Ein neues Leben machte sich breit und breiter. Die letzten Jahre stand sie dann in Raketes Zimmer, wenig genutzt und irgendwie immer zu groß und fehl am Platz.

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Ich stelle mich den Nachbarn vor, im Fahrradanhänger schlummert Risiko. Wie alt er sei? Ein halbes Jahr. Ach, ein halbes Jahr! So alt war ihrer auch, als sie hier anfingen. Das war vor 48 Jahren. 48 Jahre! Ich rechne nach, bestimmt hat die Frau früher angefangen mit den Kindern als wir, aber man sieht ihr kaum die Siebzig an, wie sie da steht und die Tomaten wässert. 48 Jahre. Soweit habe ich noch nie gedacht. Ich sehe das hier für die nächsten zehn Jahre, und dann werden wir sehen… (Eine Woche und sieben Abende später denke ich: es wäre nicht das schlimmste. Klar, ein spießiges Bild, aber drauf geschissen. Wir werden sehen.)

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Es ist Sommer, es ist Abend, es ist elf und noch immer ist es brüllwarm, den Pulli habe ich umsonst mitgenommen. Der Fahrtwind kühlt meine Beine, das Blut kühlt der Hauch von Alkohol, der gerade noch geht („es können nicht alle aufs Gymnasium”), die Hände am Lenker finden den Heimweg im Schlaf. Auf den Gehsteigen sitzen Menschen, der Himmel ein Hammer, über den Dächern der riesige Mond. Mal eben mit dem Rad in die Stadt, in die Kneipe, zu Freunden: für uns nicht anders denkbar (auch wenn ich es in letzer Zeit selten nutzte: die Möglichkeit ist die Freiheit!). Ein Reihenhaus am Stadtrand, mit Carport und Garten? Bleib mir weg! Es gibt nur zwei Gründe, die mich ab und an über einen Umzug nachdenken lassen: Rakete und Risiko. Gefahren im Straßenverkehr, die hier bescheidene Schulsituation, anderswo so viel Spielraum im Grünen. Der Möhrchenprinz und ich sind beide Vorstadtkinder, haben unsere Kindheit gefühlt auf Feldern und Baustellen und im Wald verbracht, eigenständig herumstreifend. Die geteilte Coladose auf dem Discounterparkplatz scheint uns eine schwache Alternative dazu. Aber sind wir als Eltern wirklich dazu verpflichtet, eine Entscheidung zu treffen dem (vermeintlichen?) Kindeswohl zuliebe? Wir wollen nicht rausziehen an den Stadtrand und erst recht nicht weiter, wir wollen nicht aufs Auto angewiesen sein. Wir lieben diese Wohnung in diesem alten Haus. Noch 48 Jahre hier? Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Aber warum nicht?

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Es hat einen spießigen Ruf, aber schon längst haben schon viel jüngere und hippere Leute als wir das alles entdeckt. Wir sind keine Pioniere mehr (jedenfalls bundesweit gesehen – hier senken wir den Altersdurchschnitt noch enorm), aber darauf kommt es uns auch gar nicht an. Es wird ein Scheißhaufen voll Arbeit sein, aber wir freuen uns drauf. Vor allem auf die lauschigen Sommerabende mit Grillerei, auch wenn wir noch keine Ahnung haben, wie das Bier ohne Strom kalt werden soll.
Unser Häuschen im Grünen hat die zugelassenen 24 Quadratmeter (davon gehen 14 ab für Geräteraum und überdachter Terrasse) und ist 600 Meter Luftlinie von unserer Wohnung entfernt – oder zehn Fahrradminuten, zu Fuß eine halbe Stunde.
Es ist ein Kompromiss. Wenn der Abend still wird, hört man auf einmal doch die Stadtautobahn. Aber dann streift der Wind durch die Weinranken, und wenn man sich nah genug dransetzt, ist das lauter. Und dann muß man eh mal heim, weil die Kinder ins Bett müssen. In einer Viertelstunde sind sie das auch.
Noch. Das dauert keine 48 Jahre, bis wir länger da sitzen können. Ohne Strom. Und ohne Internet. Draußen. In unserem Schrebergarten. Wo sie hingehört, meine Hollywoodschaukel.


Unser Pfirsich. Ja, der einzige. Wieviele der wohl in 48 Jahren trägt?


Wann, wenn nicht jetzt?

21.6.2012

Mein Vater fuhr ein Motorrad, das damals schon ein Oldtimer war: Baujahr 1952, sehr schwarz, sehr laut, sehr eindrucksvoll (jedenfalls für eine Neunjährige). Statt Sitzbank zwei Gummisättel, und auf dem hinteren saß manchmal ich, die Drittklässlerin im hellblauen Popeline-Mantel, mit dem blauen Kinderjethelm. Mein Vater holte mich von der Grundschule ab und ich war stolz wie nur irgendmöglich, und weil das Teil keine Blinker hatte, rief mein Vater „rechts” oder „links” und ich hielt meinen Arm hinaus, in der festen Überzeugung, dringend gebraucht zu werden.
Wenn mein Vater dieses Ding fuhr, konnte ich ihn gefühlt zehn Minuten vorher heimkommen hören – so laut und so charakteristisch lief diese Maschine. Einmal war er mit mir eine Ausfahrt auf der Autobahn gefahren. Mit meinem heutigen Wissen können wir nur wenig schneller als 80 gewesen sein – in meiner Erinnerung war es Lichtgeschwindigkeit und mein Mäntelchen beinahe dem Fahrtwind geweiht.

Ich war 15, als mein Vater starb und meine Mutter weigerte sich, mir die Maschine aufzuheben. Sie schenkte sie seinem besten Freund und ich hatte einiges anderes zu betrauern.

Als ich 20 war, erfuhr ich über Umwege vom Schlaganfall dieses besten Freundes und daß er sowieso nie einen Motorradführerschein hatte. Ich fasste mir ein Herz und schrieb ihm einen Brief: welche Erinnerungen ich an meinen Vater hatte und an diese Maschine und daß ich dieses Motorrad so gerne fahren würde. Und falls er es, aus welchem Grund auch immer, nicht führe, ich würde es ihm so gerne abkaufen.
Ich hörte nie wieder von ihm.

Letztes Jahr starb der beste Freund meines Vaters. Ich hätte es wohl nicht erfahren, wenn nicht sein Erbe mich angerufen hätte: er habe das Haus geräumt, in einem Fach der Schrankwand die Papiere des Motorrades gefunden, letzter TÜV 2008, immer noch zugelassen, zuletzt gefahren wohl in den Neunzigern. Bei den Papieren lag mein Brief. Und jetzt meinte der Erbe, ich solle mir die Maschine abholen.

Der Sohn des Erben war wohl ein wenig sauer, weil das Motorrad ihm noch das Wertvollste der Erbschaft schien. Nach einiger Ebay-Recherche könnte ich ihn leicht trösten: viel Geld ist das Ding nicht wert, nicht einmal in restauriertem Zustand könnte man vom Gegenwert länger als zwei Wochen in Urlaub fahren (und ich spreche von Campingurlaub in Italien mit zwei Kindern, nicht vom Kegelclubausflug nach New York).
Aber was ist schon Geld? Ich denke an meinen Vater, wenn ich im Internet nach Ersatzteilen suche und Erinnerungen sind unbezahlbar.

Ich bin jetzt 36, sitze in der Fahrschule zwischen 16-jährigen und komme mir uralt vor. Ich habe ein Klein- und ein Kleinstkind und mache meinen Motorradführerschein. Nächstes Jahr werde ich wieder arbeiten, noch habe ich Elternzeit und muß „nur” stillen, waschen, Wäsche aufhängen und ab und zu Staubmäuse jagen. Wann also, wenn nicht jetzt?
Ich habe Angst, bekloppt zu sein und noch viel mehr, es nie wieder sein zu können.
Für den Notfall will ich deswegen 60 Jahre alte Technik im Hof stehen haben und einen Helm an der Garderobe.


Vorteilsname, verzweifelt gesucht

12.1.2012

Auf dem Papier waren es am Montag noch genau sechs Wochen, bis wir zu viert sind.
Offiziell wäre jetzt Mutterschutz, in Wirklichkeit ist doch noch einiges liegengeblieben, und damit meine ich Arbeit und noch lange nicht die fünf Millionen Stellen, denen ich meinen neuen Nachnamen noch melden muß oder die Kisten mit den Miniklamotten, die herausgesucht und gewaschen werden wollen. Immerhin kam ich die letzen beiden Wochen mal zu annähernd so etwas wie die Beine hochlegen – dank Feiertagen und Magen-Alarm. Yeah.
Jetzt also Endspurt, und dann hoffentlich doch noch ein paar Tage „Ausspannen”, oder wie das halt heißt mit dauerplappernder Zweijähriger, hyperaktivem Mann und einer Wohnung voller Baustellen. Wird schon, alles, irgendwann, mit der Zeit.

Das einzige, was wirklich drängt (jedenfalls bis acht Tage nach der Geburt wirklich erledigt sein muss), ist die Sache mit dem Namen. Da zeichnet sich noch immer keine Einigung* ab und mir wird langsam etwas mulmig. Die Kriterien sind aber auch hart:

- brülloptimiert: zwei Silben, keinesfalls weniger (dann wird aus Lars nämlich Larsi und solcher Unfug) und nur dann mehr, wenn es eine sinnige zweisilbige Abkürzung gibt
- Klassik schlägt Ethnopop: den Namen sollte man in unserem Kulturkreis schonmal gehört haben. Ich kann mir wenig schlimmeres vorstellen als seinen Namen (und damit sich) ständig erklären zu müssen.
- Idealerweise sollte der Namen unmißverständlich zu schreiben sein – „wie man’s spricht” (Also kein „Christian mit K” oder „Christopher, aber mit Doppel-F”. Schon Phillip/Philipp/Phillipp ist leider grenzwertig.). Ich hoffe ja, daß die Kids jetzt in der Grundschule nicht deswegen schreiben dürfen wie sie wollen, weil sonst niemand auch nur seinen Namen schaffen würde…
- Und dann ist da noch der dreisilbige Nachname, der mit R anfängt. Damit fallen alle Namen weg, die mit R enden: Oskar, Peter, Viktor usw.
- Abbrobo Beder: mir sinn Frangn. Also wir haben das natürlich sprachlich im Griff, unsere Mitmenschen nicht immer. Man muß also damit rechnen, daß harte Buchstaben verweichlicht und Ls herausgewürgt werden. Da ist Beder noch gut bedient gegen Baddrigg, Gonsdandin und Gillijan.
- Hatte ich’s schon gesagt? Es geht hier nur noch um Jungennamen. Der fürs Mädchen steht.

So, und jetzt bitte (nochmal) zahlreich helfen. Familie dankt.

(* Favoriten bislang, jedoch immer mit Haken: Gustav, Henri/y, Anton, Oskar, Richard, Robert. Nur, um mal grob die Richtung abzustecken. Cool auch einer aus der unsäglichen Sammlung von Vorschlägen im am Standesamt überreichten Familienstammbuch: Zackes. Yeah. Hab’ ich das da oben geschrieben mit „sollte man schon mal gehört haben”?)


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