[Teil 1 hier]
Schäufele also. Es war nicht einfach, das richtige Fleisch zu bekommen. Globalisierung am Arsch, innerhalb Deutschlands können schon ein paar hundert Kilometer eine Welt von der anderen trennen. In der einen gibt es bei jedem Metzger die Schweineschulter im Ganzen, mit Knochen auf der einen und Schwarte auf der anderen Seite – und in der anderen Welt isst man grauen Brei aus ausgekochtem Schweinskopf und zerhackt den Rest des Tiers direkt in Rippchen und Gulasch. Immerhin, in Sachen Freundlichkeit tun sich die beiden Regionen nichts, und so hatte ich einige Fleischtheken durch, bis ich mich schließlich in die Metzgerei am Ende der Straße traute, die gefühlt nur zweimal wöchentlich für ein paar Stunden geöffnet war.
Ich brauchte mehrere Anläufe, bis ich eine Öffnungsphase erwischte. Der Laden war bis zur Decke gefliest worden, und die Sockel der Glastheken gleich mit, kurz nach dem Krieg muß das gewesen sein. Seither war nur noch geputzt worden, vermutlich täglich, das verrieten die Kanten der Fliesen und die Abstellgitter für die Handtaschen, aber die einzige Modernisierung in all den Jahren beschränkte sich auf einen Schirmständer aus Messing und drei Plastikstühle für die ebenfalls in die Jahre gekommene Kundschaft. Die saß dort zwischen den beiden Regalen mit Senf und Wurst in Gläsern, fächelte sich mit der Fleischereifachzeitschrift „Lukullus” Luft zu, mischte sich ab und zu in die Gespräche an der Theke ein und wartete ansonsten geduldig, bis sie an der Reihe war. Der genaue Zeitpunkt dafür war schlecht zu bestimmen, denn es gehörte offensichtlich zum Spiel dazu, erst umständlich zu zahlen, seine Papiertüte zu nehmen, sich vom Metzger oder seiner Frau per Handschlag zu verabschieden, in atemberaubender Langsamkeit zur Türe zu schlurfen und dann im letzten Moment doch noch einmal zumzudrehen, weil man ein Achtelpfund Aufschnitt vergessen hatte.
Man fragt sich ja im Laufe so eines Lebens oft, wo nur die Zeit geblieben ist. Ich weiß es seitdem. Fast ein bißchen zu früh, verdirbt die Spannung.
Hier hatte man vermutlich alle Zeit der Welt, und das ist nicht wenig.
Als ich endlich an der Reihe war und der Metzgersgattin mit dem akuraten grauen Pagenkopf erklärte, was ich am Freitag gerne hätte, legte sie den Kopf schief, bat mich, alles zu wiederholen, schaute noch einmal komplett verunsichert und strich sich dann erklärend die Haare hinter die beidseitigen Hörgeräte: „Also ich glaube, für Sie sind die nicht kompatibel. Besser, Sie reden mit meinem Mann.”
(Ich habe da noch lang drüber nachgedacht und bin zu keinem Ergebnis gekommen. Ich habe noch oft dort eingekauft, und die Frau erkannte mich immer sofort, war stets freundlich zu mir und winkte mich weiter.)
„Machen Sie sich nix draus. Bei manchen klappt’s eben nicht”, sagte ihr Mann und ich hatte ernsthaft Angst um meine Zukunft.
Die Schweineschultern ließ er mir dann ganz, als er am Freitagfrüh wieder ein komplettes Schwein geliefert bekam. Ich hatte den LKW-Fahrer ausladen gesehen, vom Markt kommend, ich hatte Gelbarühm und Suppengemüse auf dem Arm und der Mann eine Schweinehälfte über den Schultern wie in alten Bilderbüchern die dicken Tanten ihren Silberfuchs.
Etwas später betrat ich den Laden, und die Frau hinter der Theke nickte mir zu, deutete auf ihre Ohren und zuckte mit den Schultern. Dann rief sie „nicht warten!” und wies mir die Tür, die sie hinter sich aufstieß. Der Raum dahinter war noch höher gekachelt, oder wirkte wenigstens so. Vermutlich war die Decke nicht ausgelassen. Außerdem fehlte der Schirmständer und die Kunden.
Ich ging hinter die Theke und in den Schlachtraum. Dort hingen Fleischstücke von der Decke und Würste, Eimer voller Gewürze standen auf Edelstahlarbeitsflächen, es roch nach frischem Brät. So kann eine Küche auch aussehen, dachte ich. Es war hell und aufgeräumt. Ich vermißte etwas.
Der Fleischer trug keine Kippe, dafür Gummistiefel bis über die Knie, eine verschmierte Schürze und in der Hand ein Beil. Irgendwie nicht die schickste Situation, vor allem wenn man weiß, daß die Frau hinter der Tür einen nicht hören kann.
„So, und jetzt sagen Sie mir, wie Sie das Fleisch wollen und was das überhaupt wird”, raunzte er mich an und wetzte das Werkzeug. Dann zwinkerte er: „Und das Rezept sagen Sie mir auch noch.”
Abends schleppte ich dann drei Taschen voller Schwein und Zeug in das Restaurant am Eck. Jesus* hielt zum Staunen kurz beim Gläserpolieren inne und Enzo rieb sich vor Freude die Hände. Und dann stand ich zum ersten Mal in einer echten Profiküche. Auch wenn sie absolut nicht so aussah.
Aber das erzähle ich ein andermal. Wenn ich mich nur nicht immer so verzetteln würde! Bei manchen klappt’s eben nicht. Meinte er das?
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* Nur, damit das nicht falsch einreißt: Jesus spricht sich Chäh-Suss. Also der stolze Spanier jetzt, den anderen bitte weiter normal lesen. Obwohl, warum eigentlich?