Nimm das, Valentin!

14.2.2009

uralt

Ach nee, das war ja damals. Heute ist süßer!

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Die Idee ist leider nicht von mir, dafür aber das Rezept [Hey, in cups messen. Soweit kommt’s noch. Ihr seid doch fixiert, Ihr Amis!]: 250g Butter schaumig rühren, 250g Zucker dazu, ein Päckchen Vanillezucker, eine Prise Salz, abgeriebene Zitronenschale, 3-4 Eier, alles ordentlich verquirlen und dann 500g Mehl mit einem Päckchen Backpulver mischen und dazusieben, 100-200ml Milch dazu, bis die Konsistenz „schwer und pappig” erreicht ist. Als Füllung super: Preiselbeeren. Zum Füllungsbohren eignet sich prima ein Apfelgehäuseausstecher und wem wie mir die Buttercreme mißlingt, der nimmt einfach Zuckerguß (mit Zitronensaft wird’s nicht gar so süß). Geht auch, irgendwie.

Am Schluß kommt’s ja eh nur drauf an, das Zeug mit ordentlich Liebe zu fabrizieren, verdammtnochmal.

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Dazu unbedingt servieren: Züriwest mit I schänke dr mis Härz. Musikalischer Zuckerguß, gewissermaßen.

[Ich schenke dir mein Herz / mehr hab’ ich nicht / du kannst es haben wenn du’s willst es ist ein gutes / und es gibt noch ein paar andere, die’s nehmen würden / aber dir würd’ ich’s geben”]

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Damit man wenigstens weiß, wovon man heute kotzt.


Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 4 von x): jetzt aber. Fast.

14.1.2009

Es ist gar nicht so, daß ich es spannend machen will, ehrlich, die Geschichten werden immer von selbst so lang, ich kann da gar nichts für. Und auch dieses Mal kann ich nicht direkt dort anknüpfen, wo ich das letzte Mal aufgehört habe, meine Erinnerung ein einziger Filz, alles miteinander verwalkt, da kann man keine Faser mal eben so rausziehen, immer kommt ein ganzer Wust mit.

Jedenfalls: ich war ja auch vor Enzo schon mal in der Gastronomie, in einem der moderneren fränkischen Lokale, wie sie seit ein paar Jahren hip und hipper werden, wo man die gutbürgerliche Küche rehabilitiert, wo es Schweiners und Schäufele und Klöß gibt, aber eben auch einen Salat dazu, den man essen kann, der nicht aus monatelang in Essig eingelegtem Wurzelgemüse besteht, das beim Servieren immer noch schwimmt. Das Lokal lag sehr zentral und hatte einen idyllischen großen Biergarten direkt auf der Stadtmauer, die Gäste waren mehrheitlich Touristen, aber ein paar einheimische Stammgäste zog das Schäufele immer wieder an, und das sagt einiges über dessen Qualität.
Dort also hatte ich ein paar Sommer Biere und Teller geschleppt, und als mein Aufbruch gen Norden anstand, da wollte ich noch schnell das Schäufelerezept bergen und mitnehmen, damit in der Fremde wenigstens der Ofen nach Heimat roch.
An meinem letzten Tag dann, das Mittagsgeschäft war vorbei, bis zum Abend noch ein bißchen hin, und die Küchenmannschaft saß entspannt im Garten, das Besteck war sortiert und die Tische gedeckt, da setzte ich mich neben Manfred, den gemütlichen dicken Koch und fragte ihn: „Sag mal, ich geh’ doch weg, da krieg’ ich bestimmt Heimweh, da brauch’ ich dringend das Rezept von dir. Wie macht man bitte Schäufele?”
So kannte ich Manfred nicht. Statt mir gönnerhaft ein bißchen von der großen weiten Küche zu erklären, wurde er rot, sprang auf, brüllte mich an „richtig rum, verdammt nochmal!”, daß es mir den Pony aus dem Gesicht blies und stapfte wutentbrannt davon.
Vollkommen baff und eingeschüchtert fragte ich die anderen am Tisch, was an meiner Frage falsch gewesen sei. „Eigentlich nichts. Nur heute war der vollkommen falsche Tag. Er dachte wohl, du willst ihn verarschen. Weil doch heute morgen die neue Küchenhilfe da war, erster Tag, und die sollte die Schäufele vorbereiten und in die große Backform packen. Naja, und sie dachte, sie wäre besonders schlau und brächte ein paar mehr darin unter, indem sie die (gerne trapezförmigen, Anm. d. s.) Stücke abwechselnd mit der Schwarte nach oben und nach unten schlichtete. Tja, das war’s dann mit dem Probearbeiten.”
Das also war das unmenschliche Gebrüll aus der Küche gewesen, und ich hatte gedacht es hätte sich einer verbrüht. Mit der Schwarte nach unten! Damit die auch ja nicht knusprig wird, eine Todsünde ist das natürlich, und eine unsägliche, unverzeihliche Dummheit sowieso. Verständlich, daß Manfred darüber kein Wort mehr verlieren wollte, es hätte ihn wahrscheinlich zerrissen vor Wut, und so erklärte mir einer der anderen Köche, worauf ich zu achten hätte.

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Originalzettel mit Rezeptfragmenten, Tinte auf Papier, 1998, i.B.d.K.

Enzo war gespannt, das merkte man daran, daß er ganz zu rauchen vergaß, seine Kippe lag auf der Kante des Gasherds und die Asche wurde lang und länger. Ich packte das Fleisch aus, sechs Riesentrümmer halbierte Schweineschulter mit Schwarte. „Das ist die Oberseite”, erklärte ich vorsichtshalber und begann sie mit einem scharfen Messer rautenförmig einzuschneiden. Das ist einer der Momente, wo man für gutes, scharfes Werkzeug tatsächlich jeden Preis zahlen würde.
Dann viertelte ich ein paar Zwiebeln und röstete sie in der Bratenform dunkelbraun (das gibt der Soße die Farbe), gab grobe Stücke Karotten, Lauch und Sellerie dazu, goß mit Wasser und dunklem Bier auf („ein, zwei Daumenbreiten hoch”, hatte der Koch gesagt und seine Daumen hochgehalten, so groß und dick wie Kölschgläser) und stellte die Fleischstücke darauf, die ich vorher in einer Mischung aus Salz, Pfeffer und gemahlenem Kümmel gewälzt hatte. Schwarte nach oben, klar.
„Unde etzte?”, fragte Enzo, und gleichzeitig durchbrach Jesus die Schwingtür mit einem Bündel Bons in der Hand: „Gäste! Vier Tische! Chäss-chän, iss brauch dich etz, raus mittir!”
Ich legte die Schürze ab, wusch mir die Hände, sagte Enzo, daß die Form zwei Stunden bevor wir essen wollen würden in den Ofen müsse, bei 180 Grad, er solle mir dann bescheid geben, und wegen des Klößbrotes käme ich eine Stunde später wieder, dann nahm ich mir ein frisches Brot vom Regal über der Spülmaschine und verschwand in den Gastraum.


Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 3 von x): das große Auspacken

8.1.2009

Der letzte Teil ist lange her, aber ach. Ich könnte jetzt schreiben daß ich viel zu beschäftigt war, um endlich zum Garpunkt zu kommen oder zu abgelenkt oder zu kaltfüßig, aber die Wahrheit: wieder ach. Eine faule Sau bin ich manchmal eben, und das ist nicht nur nicht gelogen, sondern auch fast so etwas wie eine Überleitung.

Zeit sollte man nämlich haben, das ist ein Grundgesetz und gilt für alles. Fürs Wolkenzählen, für die Familienplanung und fürs Kochen sowieso. Und für ein Schäufele gleich dreimal und erst recht dann, wenn man es für Enzo kocht, denn der schaute streng und strenger zu, wie ich meine Einkäufe auspackte. „Waaasse dasse? Teige für Klösse? Fertige? Nichte deine Ernste.” Ich verwechselte sein Entsetzen noch mit einem Scherz und erklärte ihm, daß ich dafür den Segen meiner Oma habe, die hatte ich extra angerufen wegen des Rezeptes. Sie hatte eine halbe Stunde über die letzten Todesfälle im Dorf referiert und über Kartoffelreiben und über das richtige Verhältnis von rohen zu gekochten Kartoffeln und über Knödelhilfe, die sei unabdingbar und außerdem schon wieder teurer geworden und ich hatte bereits arge Angst gehabt, in meiner neuen Heimat so etwas nicht einmal hoffnungslos überteuert, sondern schlicht gar nicht zu finden, da hatte sie geschlossen: „Aber ach, Kind, du kannst auch einfach Kloßteig nehmen, das merkt keiner. Das hat nichtmal der Onkel Hans gemerkt, damals, 73, bei der Hochzeit von Gerti und Rolf, und das will was heißen. Mußt halt aufpassen, daß genug Bier im Haus ist. Und vergiß bloß das Klößbrot nicht! Ich muß jetzt los, zum Friedhof, in einer halben Stunde ist die Alberts Margarete dran, die kennst du doch noch, die hatte immer die schönen Geranien. Naja, irgendwann ist alles verblüht, denk dran. Und ans Klößbrot!”

[An dieser Stelle muß ich einfach noch etwas einschieben, das gar nichts weiter mit dem Schäufele zu tun hat, dafür aber mit meiner Oma. Die kann nämlich eine verdammt coole Sau sein, und damit paßt das doch wieder hierher.
Meine Oma war Schneiderin, auf einer Singer-Maschine mit Tretmechanismus hat sie die Garderobe ihrer Kinder genäht, später die der Enkel und Urenkel und ich besitze ein Sofakissen von ihr, auf dem hin und wieder die Kugelschreibermarkierungen für die Nähte herausspitzen, denn irgendwann ließen die Augen nach und die Gicht fraß die Finger, aber aufgehört mit dem Nähen hat sie deshalb nicht.
Sie ging arg auf die Achtzig zu, als mir bei einem Besuch einmal eine Einkaufstasche ins Auge fiel, für die jede hippe Berlinerin gemordet hätte: in schlichtem Schnitt, aus schwarzem Cord, zwischen dem das bunt geblümte Innenfutter herausblitzte. Ich bekundete mein Gefallen, in der vagen Hoffnung, die Tasche geschenkt zu bekommen, das hatte oft geklappt, aber diesmal nicht, diesmal baute sie sich auf und voller Stolz erklärte sie, weshalb sie diese Tasche genäht hatte und nicht hergeben könne: „Weißt du, wenn du erstmal in mein Alter kommst, da gehst du nicht mehr dreimal am Tag in den Ort. Da legst du die Sachen zusammen. Und: wenn du in mein Alter kommst, da sterben dir die Bekannten weg, fast täglich ist eine Beerdigung auf dem Friedhof von einem, den man kennt. Und manchmal sogar zwei! Und dazwischen ist dann eine Stunde, was soll ich da machen? Da geh’ ich zur Enzinger und kauf ein bissel was ein, was ich so brauch’. Und dann geh’ ich wieder zum Friedhof. Aber wie sieht das denn aus, wenn man da am Grab steht, alle in schwarz und du mit einer knallbunten Tasche? Da setz’ ich mich immer vorm Friedhof auf die Bank und dreh’ die Tasche um. Und danach wieder.”
Daß man mit der bunten Tasche nicht auf den Friedhof will,  gebongt – aber mit der schwarzen zu den dunklen Klamotten nicht im Ort gesehen werden wollen, das und deren Lösung ist eine Art der Eitelkeit, die mir höchsten Respekt abverlangt. Eines Tages wird diese Tasche mir gehören, und Leute: ich erzähl’ die Geschichte dann jedem, der sich neben mich auf die Friedhofsbank setzt. Versprochen.]

Guten Gewissens also hatte ich den Kloßteig gekauft, auch wenn er aus Thüringen kam, aber fränkischer wäre erst recht zuviel verlangt gewesen und wenn es um zusammenwachsen geht, muß man da schon aus beiden Richtungen dran arbeiten, fand ich. Zumal es tatsächlich keine Knödelhilfe gab. Daß ich beim Blaukraut ebenso lax zum Fertigprodukt griff, verdankte ich ebenfalls dem eingeschränkten Sortiment, im Umkreis von drei Supermärkten war kein Kohlkopf zu erstehen und mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen „das merkt keiner, nur genug Bier!” im Kopf kauft sich’s dann doch recht einfach ein.

Enzo dagegen war auch durch die zwei Taschen voller Bierflaschen nicht zu beruhigen. „Rotekohl aussem Glasse! Icke bitte dicke!” rief er, stapfte in den Keller, kam mit einem Kopf unterm Arm zurück und sah mich entsetzt: „Enzo, ganz ehrlich, ich weiß gar nicht, wie man Blaukraut macht. Das dauert doch ewig und meine Oma sagt…”
„Nixe gegen deine Oma, aber dasse macke ick und die Klöße auck!” Ich muß die Augenbrauen hochgezogen haben, da zischte mir die bengalische Küchenhilfe zu: „Er hat in Schwaben gelernt. Aber erinner’ ihn nicht dran, sonst gibt’s wieder wochenlang nur Wild.” Ich sah wieder zu Enzo, der stand da, grinsend, die Arme in die Seiten gestemmt, kampfeslustig, und ich wußte: wenn ich ihn ließe, hätte er gewonnen, 2 zu 1, Beilagen gegen Fleisch, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
„Okay, Enzo. Du machst das Blaukraut, aber mit Äpfeln und Nelken! Und meinetwegen den Kloßteig. Aber danach übernehme ich. Am Ende machst Du das Klößbrot nicht rösch genug.” In dem Moment war mir gar nicht bewußt, was das für eine Frechheit dem Chef gegenüber war, aber Enzo antwortete „Inne Ordnunge. Wasse iste Klößbrote?!” und ich hatte gewonnen.

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Danger! Suspense!

21.12.2008

Spannender als jeder Tatort: die Schnupfen-Challenge.

„Und da greift das Kribbeln wieder an. Wird sie es diesmal schaffen, den Teller mit der Nudelsuppe sicher abzustellen, bevor… sie kämpft, aber das Niesen kommt näher…”

Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie das Häschen nasal flüstern hören: „Da, halt mal. Schnell!”


Sonntagsarbeit

17.11.2008

Ich bin konvertiert.

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Zum Backwahn.

[Weil Habenwollen ansteckt: Link zum Hersteller]


Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 2 von x): Exkurs ins Fleischliche

3.11.2008

[Teil 1 hier]

Schäufele also. Es war nicht einfach, das richtige Fleisch zu bekommen. Globalisierung am Arsch, innerhalb Deutschlands können schon ein paar hundert Kilometer eine Welt von der anderen trennen. In der einen gibt es bei jedem Metzger die Schweineschulter im Ganzen, mit Knochen auf der einen und Schwarte auf der anderen Seite – und in der anderen Welt isst man grauen Brei aus ausgekochtem Schweinskopf und zerhackt den Rest des Tiers direkt in Rippchen und Gulasch. Immerhin, in Sachen Freundlichkeit tun sich die beiden Regionen nichts, und so hatte ich einige Fleischtheken durch, bis ich mich schließlich in die Metzgerei am Ende der Straße traute, die gefühlt nur zweimal wöchentlich für ein paar Stunden geöffnet war.

Ich brauchte mehrere Anläufe, bis ich eine Öffnungsphase erwischte. Der Laden war bis zur Decke gefliest worden, und die Sockel der Glastheken gleich mit, kurz nach dem Krieg muß das gewesen sein. Seither war nur noch geputzt worden, vermutlich täglich, das verrieten die Kanten der Fliesen und die Abstellgitter für die Handtaschen, aber die einzige Modernisierung in all den Jahren beschränkte sich auf einen Schirmständer aus Messing und drei Plastikstühle für die ebenfalls in die Jahre gekommene Kundschaft. Die saß dort zwischen den beiden Regalen mit Senf und Wurst in Gläsern, fächelte sich mit der Fleischereifachzeitschrift „Lukullus” Luft zu, mischte sich ab und zu in die Gespräche an der Theke ein und wartete ansonsten geduldig, bis sie an der Reihe war. Der genaue Zeitpunkt dafür war schlecht zu bestimmen, denn es gehörte offensichtlich zum Spiel dazu, erst umständlich zu zahlen, seine Papiertüte zu nehmen, sich vom Metzger oder seiner Frau per Handschlag zu verabschieden, in atemberaubender Langsamkeit zur Türe zu schlurfen und dann im letzten Moment doch noch einmal zumzudrehen, weil man ein Achtelpfund Aufschnitt vergessen hatte.

Man fragt sich ja im Laufe so eines Lebens oft, wo nur die Zeit geblieben ist. Ich weiß es seitdem. Fast ein bißchen zu früh, verdirbt die Spannung.
Hier hatte man vermutlich alle Zeit der Welt, und das ist nicht wenig.

Als ich endlich an der Reihe war und der Metzgersgattin mit dem akuraten grauen Pagenkopf erklärte, was ich am Freitag gerne hätte, legte sie den Kopf schief, bat mich, alles zu wiederholen, schaute noch einmal komplett verunsichert und strich sich dann erklärend die Haare hinter die beidseitigen Hörgeräte: „Also ich glaube, für Sie sind die nicht kompatibel. Besser, Sie reden mit meinem Mann.”
(Ich habe da noch lang drüber nachgedacht und bin zu keinem Ergebnis gekommen. Ich habe noch oft dort eingekauft, und die Frau erkannte mich immer sofort, war stets freundlich zu mir und winkte mich weiter.)
„Machen Sie sich nix draus. Bei manchen klappt’s eben nicht”, sagte ihr Mann und ich hatte ernsthaft Angst um meine Zukunft.

Die Schweineschultern ließ er mir dann ganz, als er am Freitagfrüh wieder ein komplettes Schwein geliefert bekam. Ich hatte den LKW-Fahrer ausladen gesehen, vom Markt kommend, ich hatte Gelbarühm und Suppengemüse auf dem Arm und der Mann eine Schweinehälfte über den Schultern wie in alten Bilderbüchern die dicken Tanten ihren Silberfuchs.
Etwas später betrat ich den Laden, und die Frau hinter der Theke nickte mir zu, deutete auf ihre Ohren und zuckte mit den Schultern. Dann rief sie „nicht warten!” und wies mir die Tür, die sie hinter sich aufstieß. Der Raum dahinter war noch höher gekachelt, oder wirkte wenigstens so. Vermutlich war die Decke nicht ausgelassen. Außerdem fehlte der Schirmständer und die Kunden.
Ich ging hinter die Theke und in den Schlachtraum. Dort hingen Fleischstücke von der Decke und Würste, Eimer voller Gewürze standen auf Edelstahlarbeitsflächen, es roch nach frischem Brät. So kann eine Küche auch aussehen, dachte ich. Es war hell und aufgeräumt. Ich vermißte etwas.
Der Fleischer trug keine Kippe, dafür Gummistiefel bis über die Knie, eine verschmierte Schürze und in der Hand ein Beil. Irgendwie nicht die schickste Situation, vor allem wenn man weiß, daß die Frau hinter der Tür einen nicht hören kann.

„So, und jetzt sagen Sie mir, wie Sie das Fleisch wollen und was das überhaupt wird”, raunzte er mich an und wetzte das Werkzeug. Dann zwinkerte er: „Und das Rezept sagen Sie mir auch noch.”

Abends schleppte ich dann drei Taschen voller Schwein und Zeug in das Restaurant am Eck. Jesus* hielt zum Staunen kurz beim Gläserpolieren inne und Enzo rieb sich vor Freude die Hände. Und dann stand ich zum ersten Mal in einer echten Profiküche. Auch wenn sie absolut nicht so aussah.

Aber das erzähle ich ein andermal. Wenn ich mich nur nicht immer so verzetteln würde! Bei manchen klappt’s eben nicht. Meinte er das?

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* Nur, damit das nicht falsch einreißt: Jesus spricht sich Chäh-Suss. Also der stolze Spanier jetzt, den anderen bitte weiter normal lesen. Obwohl, warum eigentlich?


Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 1 von x)

25.10.2008

Ob es etwas miteinander zu tun hat? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: ich denke oft, immer öfter, an dieses Eckhaus in dieser mittelmäßigen Stadt in der Mitte von Deutschland. Und von jeder Mattscheibe flimmern nur mehr Köche, Küchen, Kuchen und Werbung für Fertigsuppen.

Ich war fremd in der Stadt, ich hatte eine Wohnung, mein Studium, soviel Zeit wie ich mir nahm und kein Geld fürs Kino. Und eines Abends ging ich einfach mal nicht an dem Restaurant vorbei, dessen Preise draußen hingen und unerreichbar waren für mein Budget, ich nahm den direkten Weg und erwartete die Hautevolee, mindestens jedoch ein halbvolles Haus, aber die schönen alten Stühle in dem dunklen Raum waren leer und hinter der Theke stand einer, der Gläser polierte, unendlich gelangweilt, aber dabei stolz wie ein Rassehengst.
Kaum traute ich mich zu fragen, tat es aber schließlich doch und der Mann verschwand hinter den schwarzen Schwingtüren und kam mit Danny deVito zurück, der ein von oben bis unten bekleckertes Kochkostüm trug, kein Zweifel, um ein solches mußte es sich handeln, denn ein Koch würde doch niemals in der Küche rauchen, geschweige denn zwei Zigaretten gleichzeitig im Mund halten, eine frisch angezündete und die alte daneben. Er hieße Enzo, meinte DeVito, streckte mir seine kleine, fettig glänzende Hand hin und wies mir einen Stuhl zu. Ihm gehöre der Laden.

Zwei Tage später fing ich an, dort zu kellnern. Freitags, samstags und wenn sonst etwas anstand, half ich Jesus, dem stolzen Spanier, nahm Bestellungen auf, lernte mit links vier Teller zu tragen und rechts nochmal drei, deckte Tafeln ein, schleppte Weinkisten, programmierte die Kasse um und schraubte Schranktüren fest. Wir waren schnell ein gutes Team, Jesus und ich, ich übernahm bereitwillig die Gäste, die er schon kannte und deshalb mir zuwies und wenn bei mir jemand eine der teureren Weinflaschen bestellt hatte, kümmerte er sich um „de Brimmeboriumme mit de Dekantierequatsche”. Meine Güte, ich war Anfang zwanzig und konnte fünfzehn Landbiere am Faßgewicht erkennen, das war meine Gastroerfahrung, ich hatte noch viel zu lernen in dieser anderen Liga.
Und Enzo und Jesus gaben sich alle Mühe. Jeder verdammte Teller, den Enzo raushaute, eine Kippe im Mund und die nächste schon in der Hand, war ein Meisterwerk, auf der Zunge explodierte jeder Bissen, den ich abbekam. Und ich bekam einige ab. „Kommstu gleick Kücke zurück! Hab’ ich nock Stück für dick!”, schallte es, wenn ich mir mit großen Augen große Teller mit duftendem Fleisch auf die Arme lud, um sie den magersüchtigen Geliebten der örtlichen Unternehmer zu bringen, wissend, sie würden beim Abtragen genauso aussehen. Die brachte ich raus und wenn ich zurückkam in die kleine, niedrige, heiße Küche, stand auf der Spülmaschine ein Teller für mich und eine Gabel und daneben Enzo, fahrig von einem Bein aufs andere hüpfend. „Und? Schmeckte? Findste? Gibte bei Eucke aucke?” Enzo war Sarde, er kochte vorwiegend alte, bäuerliche Gerichte aus verschiedenen Regionen Italiens, er wußte zu jedem eine Geschichte, er konnte stundenlang über Bohneneintöpfe reden, aber genauso leidenschaftlich wollte er alles wissen über die deutsche Küche und vor allem ihre regionalen Unterschiede. Woher ich käme war denn auch seine erste Frage gewesen, als ich mich vorgestellt hatte, „Franke! Glösse! Wundabah!” hatte er gerufen, und ich durfte probearbeiten. So war das bei ihm, und nach meinem ersten Abend, als die beiden Küchenhilfen, Jesus, er und ich zwischen den letzten Gästen saßen, Wein tranken und einen Brei aus den Resten des Tages löffelten, der an Geschmack alles übertraf, was ich bis dato unter Eintopf kannte, da legte Enzo seine dicken Finger auf meine und fragte, was denn die kulinarische Spezialität meiner Heimat sei. „Schäufele”, antwortete ich, „Schweineschulter mit Schwarte, aus dem Ofen, mit Kartoffelklößen und Blaukraut” und Enzo sagte: „Ick würde mick freun, wennde hier arbeite willste. Kannste bleibe. Kommste morge wiede. Abba nächste Freitag kockste für uns Schäufele.”

So hatte die Geschichte angefangen.

Und ein andermal erzähle ich sie weiter.


Viva Wochenende

22.9.2008

Zwei Stunden lang versucht herauszubekommen, wo das Wasser hereinkommt. Also ins Auto, in den Fahrerfußraum. Elend stinkt der Teppich schnell. Vergossen: mehrere Flaschen Regenwasser. Verschlissen: mehrere Dichtungen. Wahrheit? Nicht gefunden. Vergessen: Innenlicht auszumachen. Tolle Wurst und das merkt man erst montags.

Letztes Steherrennen der Saison: wegen Regens ausgefallen. Immerhin: die mitgenommenen Damen sind jetzt auch angefixt. Haben nämlich Sträuße abgesahnt. So geht Kundenbindung. Merken.

Auch merken: man findet nur etwas auf dem Flohmarkt, wenn man nicht mit dem Auto hinfährt, sondern die Schätze noch ein paar Stunden mitschleppen muß. Weidenfahrradkorb, Wasserkocher, Wandmusterwalze: 13€. Nudelholz und schwedische Kekspresse (nur echt mit Doppelzahnstange!) mit 12 Einsatzscheiben: 1,80€. Endlich, endlich, endlich Spritzgebäck professionell selbermachen können: unbezahlbar.sawakeks.jpg_________________________________________________________________________

Und dann noch dem Staub beim Fallen zugesehen. Sollte man sich patentieren lassen. Meditieren ist ein verhibbeltes Drecksrennen dagegen.


Scharfschützen

24.8.2008

Die Antwort auf meinen persönlichen Fruchtfliegenalarm: ich habe mir jetzt eine Gemüsearmee angeschafft.

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Wär’ doch gelacht, wenn die Jungs die Dinger nicht in den Griff kriegen.


Grüner Gaumen (Gartentip)

30.7.2008

Es ist eigentlich gar kein Garten, es sind nur ein paar Töpfe auf dem Balkon, und oft genug vernachlässige ich das Grün- und Braunzeug bitterlich. Aber, echt wahr jetzt, ohne Schmäh und Firlefanz, ich hab’s jetzt raus und für das Pflanzenzeug einen ultimativen (drunter macht man’s ja nicht mehr) Tip:

Seit ich ihnen täglich schmutzige Wörter zuflüstere, werden die Tomaten von Tag zu Tag röter. Ehrlich.

(Von wegen die dümmsten Bauern. Die versautesten! Und ich habe die dicksten Eier. -Tomaten.)