Integration am Arsch – so sieht die Schulsituation im Vorzeigemultikultiviertel aus

11.4.2016

DISCLAIMER: Ja, das hier ist öffentlich – aber ein privates Blog, nix mit journalistischem Anspruch. Was ich schreibe, gibt meine ganz persönliche Sicht der Dinge wieder und ist kein neutraler Bericht.
Wenn jemand die Welt anders siehst als ich, ist das nicht schlimm. Vielleicht habe ich auch einen Aspekt übersehen? Dann tritt bitte in Kontakt. Fruchtbare Diskussionen entwickeln sich nur, wenn man auch seine Sicht der Dinge sagt. Als Kommentar, in einer Mail oder persönlich.
Du möchtest etwas genauer wissen, z.B. über welchen Laden ich schreibe? Dann frag mich. Ich unterhalte mich gerne.
Gerade, wenn man bereits mehr über mich weiß, als ich hier je preisgegeben habe, sollte das doch kein Problem sein.

Das hier ist zwar im Internet, aber wir beide sind Menschen.
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Ich habe unsere Kanzlerin nicht gewählt, aber in den letzten Monaten war ich trotzdem stolz auf sie, auf Ihre Menschlichkeit, auf diesen Optimismus: „Wir schaffen das!”
Allein, ich kann es nicht recht glauben. Denn Integration im eigentlichen Wortsinne (nämlich Aufnehmen statt Mitnehmen, Miteinander statt Nebeneinander) haben wir bislang schon kaum geschafft – das sehe ich täglich in meiner Umgebung.

Wir wohnen in einem sogenannten „Multikulti”-Viertel – die Statistik zeigt (2010) etwa 40% Ausländer und 20% Deutsche mit Migrationshintergrund. Bleiben 40% Deutsche, zu denen wir zählen. Ach, sagen wir einfach einmal, um von dieser leidigen Nationalitätsdebatte wegzukommen: deutsche Muttersprachler. Denn wenn man sich von beliebigen „Deutschen” mal die Stammbäume ansähe: irgendein Migrationshintergrund ist da immer irgendwo. Bei Muttersprachlern halt nur mindestens zwei Generationen zurück.

In der ersten Klasse unserer Tochter sieht das Verhältnis allerdings dramatisch anders aus: hier sind von 22 Kindern 5 ohne direkten Migrationshintergrund. Und ganze 3 (von den Eltern aus den Elternabenden zu schließen – es waren nicht alle da) aus „Familien wie uns”, so nenne ich jetzt einfach mal Familien, die ähnlich ticken wie wir, was Erziehung/Bildung/Freizeitgestaltung/Lebensweise/Werte angeht – das heisst noch nicht, daß wir befreundet sein müssten (und auch nicht, daß „Familien wie wir” keinen Migrationshintergrund haben müssen). Ungefähr die Hälfte der bei den Elternabenden anwesenden Eltern konnte nicht gut genug Deutsch, um der Lehrerin zu folgen. Es gab durchaus mehrere Elternabende – wenn Eltern zu keinem kommen, bedeutet das m.E. schon ein gewisses Desinteresse.
Im Laufe des Schuljahres kam noch ein Flüchtlingskind komplett ohne Deutschkenntnisse dazu. „Willkommensklassen” für erste Sprachintegration sind überfüllt, jetzt wird direkt integriert, was das Kraut auch nicht mehr fett macht die Gesamtituation wohl tatsächlich nur minimal verändert. Vermutlich hat das in Raketes Klasse sogar ein Steinchen ins Rollen gebracht, da ausgerechnet der schlimmste Rowdy der einzige ist, der Arabisch kann und damit das Helfen lernt. (Ich weiß, es ist schwer zu folgen, wenn ich dauernd einschiebe, aber: ich weiß von einer Grundschule im Villenviertel, welche Aufregung es gab, als drei Flüchtlingskinder – für die gesamte Grundschule – zugeteilt wurden! Im Speckgürtel Nürnbergs protestiert der komplette CSU-Ortsverband mit dem halben Vorort gegen eine zu eröffnende 40-Mann-Flüchtlingsunterkunft – während in Multikultivierteln wie der Südstadt und Gostenhof hunderte untergebracht werden ohne vorhergehende Anwohnerinformationen – denn auch hier gilt wohl: die kennen das, die können das, und wir hier oben bleiben schön unter uns. )

Im Hort sieht die Quote noch schlimmer aus – hier sind von 50 Kindern meines Wissens 3 muttersprachlich deutsche Kinder*. Ich kenne nicht alle, also verdoppeln wir mal großzügig auf 6. Das ist lächerlich wenig! Die ErzieherInnen machen einen Superjob, ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Die Kinder sprechen weitestgehend fließend deutsch (wenn auch z.T. in einem Tonfall, den ich meiner Tochter gerne vorenthalten hätte. Kein Grinsesmiley.), auch wenn ihre Eltern das nicht tun. Im Hort lernen sie die Regeln sozialen Umgangs und eine Menge mehr. Zum Beispiel ist die deutschsprachige Hausaufgabenbetreuung Gold wert, wenn ich einer afrikanischstämmigen Mutter glauben darf, die mir in astreinem Deutsch erklärte, sie könne ihrem Sohn da nicht helfen, ihr Deutsch sei zu schlecht. Ich bin mir sicher, ich darf ihr glauben – ohne Hort hätten diese Kinder noch eine Chance weniger.
Unlängst war Rakete bei einer Hortfreundin zum Geburtstag eingeladen. Als einzige Deutsche unter 15 Kindern. Die Mutter des Geburtstagskindes konnte kein Deutsch. Das Geburtstagskind kümmerte sich zwar um Rakete, aber ich musste danach noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sie je wieder auf eine Party geht… Hätte ich das vorher gewusst – hätte ich sie auch hingeschickt? Ich bin mir nicht sicher. Immerhin hätte ich ihr nicht nahegelegt, lieber gleich zuhause zu bleiben…
Auf einem Elternabend klagte mir eine italienische Mutter ihr Leid: die Lehrerin hätte ihr empfohlen, ihre Tochter solle doch, um die Sprache zu verbessern, auch mit deutschen Kindern spielen. Ihre Antwort: „Aber wir kennen keine!”

Ist das Integration? Wohl kaum. Das ist Ghettoisierung, ob gewollt oder zufällig.

An einen Zufall allerdings glaube ich nicht. Ich sehe doch die Familien wie uns auf der Straße, auf dem Spielplatz, im Bioladen. Wir sind hier nicht so allein wie in der Grundschule. Woran also liegt’s?

Meine persönliche Meinung: Öffentliche Schulen sind für „Familien wie uns” unattraktiv. Wer es kann/schafft/sich leisten kann, versucht seine Kinder auf eine private Schule zu schicken (z.B. Montessori/Waldorf/Jenaplan/kirchlich). (Zugegeben: den Versuch haben wir auch gemacht. Ich hab’s halt versaut. Ja, für mich ist das eine persönliche Niederlage. Ob es für meine Tochter tatsächlich ein Nachteil sein wird, müssen wir beobachten. Im Moment sehe ich die Sache leider eher düster.)
Und dafür gibt’s z.B. folgende Gründe:

1. Die Bildungsqualität. Da hat man in der Privatschule mehr Einfluß, mehr Transparenz, mehr Sicherheit.

2. Möglicherweise spielt auch für die ein oder andere Familie auch eine Rolle: die Abwesenheit (oder wenigstens deutlich reduzierte Anwesenheit) von sozial schwachen, bildungsfernen, migrationsbehafteten Schichten. Klingt hart? Ist aber so. Privatschulen können schön mit integrativen Konzepten voller Toleranz, Rücksicht und Miteinander werben – tolerant innerhalb der weißen, gutsituierten Mittel- und Oberschicht. Da dürfen dann auch ruhig ein paar Behinderte körperlich herausgeforderte dabei sein. („Wir schaffen das”, sagen die da oben und sind stolz auf ihre Streitschlichter-AG, während sie ausblenden, dass die Integration der Migranten eine Handvoll Deutsche versucht zu stemmen. Hallo Polemik, Du hast mir noch gefehlt.)

3. Die öffentliche Hortsituation ist desaströs. Im Februar ist Hortanmeldung, die wenigsten „Familien wie wir”, die wir kennen, hatten vor Juli eine Hortzusage. Wenn überhaupt! Da ist eine Privatschule mit integrierter Mittagsbetreuung einfach die sicherere Bank, wenn man nicht ab September seinen Job aufgeben will.
Die Stadt Nürnberg regelt bei der Hortanmeldung mittels eines Punktesystems die Reihenfolge der Platzvergabe: es gibt je einen Punkt für Wohnen im Sprengel, Erstklässler, beide Eltern arbeiten. Und z.B.: Ergotherapie nötig, Logopädie nötig, Sprachförderung deutsch nötig, Migrationshintergrund (hier ist es egal, ob der Elternteil mit Migrationshintergrund perfekt deutsch spricht), schwierige Familienverhältnisse, soziale/finanzielle Benachteiligung, soziale Auffälligkeiten…
Das bedeutet: ein Kind mit Migrationshintergrund, das bestenfalls im Kindergarten ein wenig deutsch gelernt hat (für die städtischen Kindergärten gilt ein ähnliches Vergabesystem, d.h. bereits hier sind die Quoten der deutschen Muttersprachler im einstelligen Prozentbereich!), im Sprengel wohnend und in die erste Klasse kommend, bekommt einen Hortplatz, während Familien wie uns ein Pünktchen fehlt.
(* Die 3 Kinder ohne Migrationshintergrund in Raketes Hort sind nur mit Glück, Nachdruck und Hartnäckigkeit hineingerutscht…)
Das wäre m.E. dann in Ordnung und gerecht, wenn es für die anderen Kinder ebenfalls eine Betreuung gäbe, aber so ist es eben nicht. So bleiben derzeit in diesem Teil Gostenhofs die Kinder mit Migrationshintergrund und sozialen Benachteiligungen unter sich – und die Eltern der anderen suchen eine andere Lösung, kündigen einen Job oder ziehen weg.
Ich halte die Arbeit, die in den Horten geleistet wird, für immens wichtig – hier werden den Kindern Werte vermittelt und Freizeitmöglichkeiten angeboten, die sie zuhause nicht haben. Hier wird ein Samenkorn gelegt, das es Kindern ermöglichen kann, aus der Parallelgesellschaft zuhause auszubrechen.
Aber es müsste einfach genügend Plätze geben, um allen Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam zu lernen und zu leben! Hier komme ich auf die italienische Mamma zurück: von wem könnten Kinder besser deutsch lernen als von ihren Spielkameraden? Hier im Hort werden Ghettos geschaffen. Jedenfalls in unserer Grundschule bestimmt die Hortaufteilung auch die Klassenverteilung. Im Nachbarsprengel gibt es mehr Horte und die Verteilung ist weitaus gesünder, obwohl sich der Stadtteil gesamt nicht unterscheidet.

Drei Gründe. Ich könnte noch mehr finden.
Der letzte ist politisch und möglicherweise gewollt. Die ersten beiden sind gesellschaftlich.

ÄNDERN MÜSSEN WIR ALLE!

Jede Familie, die sich für eine private Lösung entscheidet, verschlimmert die Situation an der Regelschule. Das halte ich gesamtgesellschaftlich nicht nur für ungesund – sondern eigentlich für höchst asozial.

Ich wünschte ich hätte eine Lösung. Ich wünschte, ich könnte Frau Merkel und den Rest der Republik erreichen (im Sinne von „sie kapieren lassen”), wenn ich sage: Klar schaffen wir das – aber nur ZUSAMMEN!

So lange aber halte ich mich an den Worten einer anderen „Mutter wie mir” fest, die mir letztens begeistert erzählte, sie halte die Einschulung an der Sprengelschule trotz aller kulturellen wie sozialen Herausforderungen für die einzig richtige: „Da lernt mein Sohn das echte Leben. Er sieht, wie es in anderen Familien zugeht, was andere für Probleme haben. Und zuhause zeigen wir ihm, wie er damit umgehen kann. Wir stärken ihm das Rückgrat, das er da draussen eh braucht.”
Schule und Hort sind nur Teile des Alltags unserer Tochter. Den Hauptteil leisten wir.
Ich muss es einfach schaffen, mir über die anderen beiden weniger Sorgen zu machen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Tschakka, ich schaffe das! Und den Rest, zusammen schaffen wir ihn auch.

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weitere Artikel zum Thema:
Gedanken zur Einschulung, Teil 1 und 2
Zweiklassen-Bildung


Die lustige Seite des Themas

1.10.2015

Meine Tochter erzählte mir nach dem ersten Schultag: „Die Lehrerin hat gesagt, daß wir in der Schule alle Deutsch sprechen sollen. Im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof.”
Ihr Klassenkamerad hängte bei seiner Mutter noch etwas dran: „Das finde ich eigentlich auch sehr gut. Ich kann nämlich gar kein Türkisch.”

(Vermutlich auch kein Griechisch, Russisch, Polnisch, Tschechisch sowie Sprachen aus Indien und Zentralafrika. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht.)


Fazit nach der ersten Woche Schule

21.9.2015

Vier Tage Schule – check.
Gepackte Brotdose zuhause vergessen – check.
Hausaufgabe machen „vergessen” – check.
Sich über zuwenig Proviant in der (diesmal mitgenommenen) Brotdose beschwert – check.
Neuen Pulli in der Schule verloren – check.
Freitags gar nix aus der Brotdose gegessen und dafür die Box übers Wochenende im Ranzen gelassen (Bio live) – check.

Ich glaube, die erste Klasse könnten wir schonmal überspringen.


flüchtige Begegnungen

12.9.2015

Ich war letzte Woche mit Rakete in Wien. Am Westbahnhof habe ich zum ersten Mal ohne Fernseher dazwischen die Bilder gesehen: erschöpfte Menschen,auf Grünflächen schlafend. Helfer mit Wasserflaschen und Proviantkisten. Menschen mit Aufklebern am Shirt, auf denen die Sprachen stehen, die sie sprechen. Und direkt daneben geht der Alltag weiter.
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Auf der Rückfahrt setzt sich ein junger Mann neben uns, etwas dunklerer Teint als wir, mit Hipster-Halstuch und ohne Gepäck. Unsere Blicke kreuzen sich nicht, ich zweifle keinen Moment daran, daß da ein Einheimischer mir gegenüber sitzt, er wirkt sicher, bewegt sich so souverän in seiner Umgebung, scheint sie ganz alltäglich wahrzunehmen.
Bei der Fahrkartenkontrolle wird klar: er hat zwar einen Fahrschein, spricht aber kein Wort Deutsch oder Englisch. „Jo Servus”, grantelt der Schaffner beim Blick auf seinen Fahrschein, „Frankenberg, wo soll des denn sein? Do san’s hier oba foisch.” Der junge Mann lächelt, jetzt doch unsicher, und holt einen ausgedruckten Reiseplan heraus. „Soso, Burgenland. Na immerhin wissmer edds dehs. No, da sans eh net gohns vakehrt. Steign’s in St.Pölten ahs und nehmans den Regionalzug nach [Dingsdabumsda]” Der Mann guckt fragend. Ich nehme einen Kugelschreiber und male ihm zwei Züge auf seinen Plan. Und Pfeile. Und kreise die Zielorte ein. Male ein Männchen, das von Zug zu Zug geht. Er lächelt, nickt. Wir fahren in St.Pölten ein, ein paar Passagiere machen sich zum Aussteigen bereit. Der Schaffner versucht noch herauszufinden, auf welches Gleis er den Mann schicken soll, da kommt gerade ein Mann vorbei, dem das gewünschte Ziel bekannt ist. „Der fahrt auf Gleis 11. Geh, i bring eam hi, i hob eh nu Zeit.”
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Viele Leute steigen ein, der Wagen füllt sich mit hauptsächlich Männern, wenig Gepäck, ich meine die Strapazen der letzten Wochen in den Gesichtern lesen zu können. Auf die Plätze jenseits des Ganges setzen sich zwei Männer, eine Frau und ein etwa dreijähriges Mädchen.
Ich würde dem kleinen Mädchen gerne etwas zur Ablenkung geben. Ein Pixibuch? Wir checken den Vorrat. Nichts davon ist ohne Worte verständlich. Und nichts unverfänglich („Ein Haus ist ein Zuhause” für jemanden, der keines mehr hat? Wie taktlos…) oder dem Kind bekannt. Ein Schwein als Held, geschenkt. Aber auf Schlittschuhen?
Das Mädchen schläft ein. Ich versuche Rakete weiter Antworten auf ihre Fragen zu geben. Schlittschuhfahrende Schweine nähme sie mir eher ab als diese Geschichten. Wie, einfach weggehen? Ohne Koffer, Auto, Schlafsack? Haben die wenigstens eine Zahnbürste dabei?
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Eine Österreicherin kommt zur Nachbarfamilie, will ihnen einen Geldschein geben. Sie erklärt auf Englisch, daß es ein Geschenk sei. Die Männer verstehen sie nicht, wehren ab, suchen den Haken. Die Spenderin erklärt weiter und weiter. Ich stehe auf und greife ein, im wahrsten Wortsinne. Nehme den Schein, die Hand des Mannes und schließe sie um den Schein. So hat mir meine Oma immer unmißverständlich Geld geschenkt. Dazu ein Lächeln. Ich ziehe mich zurück und schäme mich ein bißchen für meine Forschheit. Jetzt lächeln sich die Österreicherin und die beiden Männer an. Die Frau hat derweil die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut. Was sie alles gesehen haben mag…
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In Linz stehen am Bahnsteig viele Jugendliche zwischen Türmen von Wasserflaschen. Als der Zug hält, stürmen sie durch die Wägen und drücken allen, die nicht aussehen wie alltägliche Reisende, Flaschen und Lunchpacks in die Hand. Sie rufen irgendetwas in einer fremden Sprache, es hat etwas überfallartiges. Die Flüchtlinge scheinen darüber nicht erstaunt. Der Vater des schlafenden Mädchens reicht Rakete lächelnd einen Müsliriegel. Sie zuckt zurück (vielleicht wegen der Zahnbürste – darüber denkt sie noch heute nach). Das tut mir so leid für den Mann, aber was soll ich tun? Ich habe ihr die letzten Stunden so viel zu erklären versucht, ich kann ihr nicht verdenken, daß ihr all das hier Angst macht. Ich habe keine Angst, aber verstehen tue ich es auch nicht.
Nur, daß all diese Flüchtlinge Menschen sind, das ist mir jetzt, ohne Mattscheibe zwischen uns, noch klarer als es ohnehin schon war.
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In Wels, dem letzten österreichischen Bahnhof, füllt sich der Zug bis zum letzten Stehplatz. In Passau holt die Polizei alle ohne Ausweis heraus. Keiner protestiert – keiner der Herausgeholten. Die „normal” Reisenden fordern mehr Höflichkeit. Den jüngeren Polizisten braucht das zum Glück keiner zu sagen.
Als die Flüchtlinge den Zug ruhig verlassen, räumt eine Passagierin alles Essbare aus ihrer Handtasche und reicht es den Aussteigenden: einen Apfel, eine Bäckertüte, ein Tütchen Bonbons.
Die Flüchtlinge sind nicht die einzigen hier, die Menschen sind.
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In Nürnberg angekommen, ist alles wie immer. Keine Wasserflaschenpyramiden auf den Bahnsteigen, keine Helfer, keine Warnwesten.
Wir warten auf die U-Bahn, dort gibt es Info-Monitore, auf denen hauptsächlich Werbung läuft, ab und zu ein paar Schlagzeilen. Platz für Hintergründe ist da nicht. Ich lese zwischen Sonnenstudiowerbung und einem Minicartoon: „Innenminister: Wie viele von ihnen sind IS-Kämpfer?”
Ich könnte kotzen darüber, daß irgendwo jemand sitzt und nur diesen einen Satz herausholt, um ihn den Unbeteiligten entgegenzuwerfen. Immer schön Angst machen, Hass schüren, Dummheit bedienen. Was Medien für eine Macht haben!
In meiner Tasche ein Müsliriegel. Diese Begegnungen vergesse ich nicht.


Hortplatzmisere – ein offener Brief

15.4.2015

Sehr geehrte Politik, sehr geehrte Stadt, sehr geehrte Gesellschaft!

Unsere Tochter wird im Herbst sechs Jahre und kommt in die Schule. Je nach Stundenplan wird sie dort rechnerisch montags bis freitags von 8 bis 12:15 Uhr sein, mal eine Stunde länger, mal eine kürzer.
Derzeit besucht sie einen Kindergarten, den wir von 8 bis 16 Uhr gebucht haben (maximal wäre bis 17 Uhr möglich), ihr kleiner Bruder geht zeitgleich in die Krippe derselben Einrichtung, ab September dann dort in den Kindergarten.
Wir Eltern arbeiten beide und sind, weil beide selbstständig, halbwegs flexibel in unserer Zeiteinteilung – aber auf ca. 40 Stunden (bzw. ich mindestens 20-30) zu „normalen” Arbeitszeiten müssen wir dennoch kommen. Wir brauchen also eine Betreuung unseres Schulkindes, von 11:15 Uhr (dem frühesten Schulschluss) bis mindestens 14, besser 16 Uhr.

Im Grundschulsprengel gibt es mehrere Horte für Grundschulkinder, städtische und private. Die städtischen bewerten die Dringlichkeit eines Platzes mit einem Punktesystem: so zählt „beide Eltern arbeiten” einen Punkt, ebenso wie „Sprachförderung nötig” oder „schwierige Familienverhältnisse”. Insgesamt gibt es maximal neun Punkte – wir haben drei (beide arbeiten, wohnen im Sprengel, Kind ist Schulanfänger) und das reicht nicht für einen Platz. Offensichtlich sind, jedenfalls in unserem Stadtviertel, Hortplätze hauptsächlich da, um benachteiligten Kindern die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Keine Frage, das ist eine wichtige Arbeit, die muss getan werden, und vermutlich noch weit mehr davon! Aber wie kann es sein, daß nach diesem Punktesystem ein nicht deutsch sprechender Elternteil zuhause ist, während sein Kind im Hort die Landessprache lernt – und eine Familie wie wir abends diskutiert, wer ab Herbst seinen Job aufgibt?
Ja, das mag polemisch klingen, aber es ist unsere Realität: hier sind Horte gar nicht da, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Hier sind sie da, um zu verhindern, dass sich Parallelgesellschaften bilden.

Bei den privaten Horten sieht es nicht anders aus: alles voll, keine Chance, wir haben sowenige Plätze. Die Mittagsbetreuung in der Schule (Betreuung bis 14:30, kein Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung – nur „Verwahrung”) ist ebenfalls hoffnungslos voll und macht keine Hoffnungen.

Ein einziger privater Hort hätte tatsächlich einen Platz; ich versuche es kurz zu machen. Die machen da sicher einen super Job, sind unheimlich engagiert (wir kennen da eine Pädagogin persönlich) und reißen sich den Arsch auf für Ihre Kinder. Gehen mit ihnen schwimmen und fahrradfahren, machen Ausflüge und kochen mit ihnen. Leider kostet ein Platz dort nicht 80€ im Monat wie ein städtischer Hort sondern ab 280€ aufwärts – zuzüglich Essensgeld. Auf meine großen Augen kam folgender Dialog: „Ja, das klingt viel. Aber das zahlt ja das Jugendamt.” – „Äh, nein, das glaube ich nicht. Beziehungsweise würden wir das gar nicht erst versuchen (weil wir Deppen denken, Förderung ist für Benachteiligte – und uns bislang für „normal” hielten – aber das ist eine andere Sache und für die nächste Tirade reserviert)…” – „Ach so? Tja, Selbstzahler haben wir hier eher selten.”
Das Geld ist die eine Sache, warum dieser Hort für uns nicht unbedingt die Lösung unseres Problems ist. Wichtiger für uns ist: wegen des „pädagogischen Auftrags” (Teilhabe und so…) wird ein „Verbleib” des Kindes bis mindestens 17 Uhr gewünscht – „sonst können wir unsere Aktivitäten wie Schwimmkurs usw. nicht machen”. Das ist verständlich. Allerdings: Schwimmkurs usw. macht der Hort, um den Kindern etwas zu ermöglichen, das ihre Familien ihnen nicht geben. Das trifft auf unser Kind nicht zu. Unser Kind ist, hart gesagt, hier nicht Zielgruppe. Und ich würde gerne wenigstens den späten Nachmittag noch mit meinem Kind verbringen…

Theoretisch gibt es noch die Möglichkeit, auch Grundschulkinder bei Tagesmüttern unterzubringen. Ergebnis nach den Telefonaten bei den zwei örtlichen Vermittlungsstellen: es gäbe evtl. eine Tagesmutter, allerdings nicht annähernd in Schul- oder Wohnungsnähe (jedenfalls nicht zu Fuß oder Fahrrad) – und eine im Einzugsgebiet – „die spricht allerdings kaum Deutsch. Also eher keines.”
(Statt langer Worte stellen Sie sich hier bitte vor: das Bild eines sehr, sehr weit offenen Mundes.)

Und dann gibt es noch die von der Stadt eingerichtete Beratungsstelle für die Hortplatzsuche. Als ich dort anrief, entspann sich sinngemäss folgender Dialog: „Guten Tag, wir haben keinen Hortplatz. [Details zu Schule, Wohnort, unternommenen Anstrengungen…] – Wie sieht es aus mit städtischen Zentralhorten oder ähnlichem?” – „Ganz schlecht. Ich kann Ihnen keine Hoffnungen machen. Haben Sie denn schon [U, V, W] probiert?” – „Ja. Auch [X, Y und Z]. Aber offensichtlich sind hier Horte gar nicht für arbeitende Eltern gedacht, sondern um gesellschaftliche Arbeit zu leisten.” – „Das mag stimmen und tut mir auch leid. Aber diese Erwartungshaltung an die Stadt ist doch auch egoistisch! Ich kann Ihnen nur raten: versuchen Sie, selbst eine Lösung zu finden. Sie können das ja! [meinte: „Im Gegensatz zu gesellschaftlich/sozial/sprachlich benachteiligten Familien”, ohne das so auszusprechen]”
- (Siehe oben: sehr, sehr, sehr, sehr weit offener Mund. Maulsperre Dreck dagegen.) „Sicher, das überlegen wir auch: drei andere Eltern mit ähnlichen Vorstellungen finden, und dann nimmt jeden Wochentag ein anderer die vier Kinder mitnachhause. Und Freitags ist frei. Klar, das ist die allerletzte Möglichkeit – aber die können wir ja erst im September anleiern, wenn die Klassen feststehen und man die Eltern kennenlernt…” – „Ja, entweder so oder Sie suchen sich eine pensionierte Lehrerin, die das für die dreivierfünf Kinder macht. Da findet sich schon eine Lösung! Kopf hoch!”
Die gute Frau wollte mir wirklich Mut machen, sie klang sym- und empathisch, aber ich bin entsetzt: müssen wir wirklich selbst noch eine Betreuung auf die Beine stellen, nur weil wir es können?!

Bitte erklären Sie mir das. Erklären Sie mir, warum nicht schon bei der Krippenplatzoffensive jemand daran gedacht hat, daß die Kinder älter werden und die Berufssituation der Eltern und damit der Betreuungsbedarf bleibt (im Idealfall. Achtung, Ironie: wenn der Job flöten geht, bekommt man ja dann doch einen Hortplatz – aus Härtefallgründen…)
Erklären Sie mir, wie wir Eltern in unserer Situation ab Herbst planen sollen – und erzählen Sie mir nicht, wir sollten doch einfach umziehen, weil wir es können.

Ganz ehrlich: nicht wir können. Sie können. Uns kreuzweise.


„Das ist doch kein Beinbruch – das ist nur Grundschule.” Gedanken zur Einschulung, Teil 2: unsere Möglichkeiten.

22.3.2015

Rakete kommt also im September in die Grundschule. Sagt der Brief auf dem Küchentisch, und der Schularzt wird sicher dasselbe sagen, wenn er sie denn irgendwann vor September untersucht haben wird. Wir Eltern sagen das sowieso.

Wir Eltern sagen auch: och komm, mach mal normal. Nix Montessori, nix Waldorf, nix Jenaplan, erstens aus Prinzip (wir sind auch mit staatlichen Schulen anständige Menschen geworden), zweitens wegen der dort befürchteten Eltern und drittens ist das alles zum Glück eh viel zu weit weg, um überhaupt in die nähere (!) Auswahl zu kommen. In unserer Welt wollen Kinder nach der Schule einander zum Spielen besuchen kommen und in unserer Welt ist der Schulweg, jedenfalls in der Grundschule, zu Fuß.
Bleiben, in nahezu gleicher Laufnähe: die städtische Sprengelschule, die städtische Sprengelschule für den Sprengel eine Straße weiter und eine kirchliche Gesamtschule mit integrierter Grundschule. Erstere und letztere haben wir uns zum jeweiligen Informationstag angesehen.

Die kirchliche Gesamtschule hat auf mich einen hervorragenden Eindruck gemacht – ein tolles Schulklima (durch verschiedene uns bekannte dort untergebrachte Kinder bestätigt), ein modernes Konzept (erste und zweite Klasse werden gemeinsam unterrichtet), engagierte LehrerInnen und das alles in nicht den modernsten, aber sauberen und großzügigen Räumen, voller pädagogischer Materialien. Eine anregende Lernumgebung. Nicht verwunderlich: die Schule hat einen sehr guten, vielleicht ein wenig elitären Ruf. Die Kindernamen auf der Dienstetafel hatte ich alle schon einmal gehört, gut drei Viertel davon hätte ich auch selbst vergeben. Bei der Anmeldung sollte Rakete ein Bild malen und ihren Namen dazu schreiben. Keine Frage, ob sie das schon kann (kann sie).

Engagiert wirkten die LehrerInnen unserer Sprengelschule ganz sicher auch, vielleicht sind sie es sogar noch mehr. Das weiß man ja immer erst hinterher. Aber im Eingang der – wunderschönen alten (man könnte „Emil und die Detektive” darin drehen) – Schule sitzt ein Sicherheitsmann. Äh?! Die Schule beherbergt auch ein Förderzentrum (früher: „Sonderschule”), der Platz ist beengt (aber hoch! Altbau!) und das Mobiliar weit über seinem Zenit. Man ist stolz auf einen Computerraum, aber die übrigen Materialien wirken armselig.
Die Tränen kamen mir, als der Rektor erzählt, die Schule bekommt von Sternstunden täglich für jede Klasse einen großen Frühstückskorb – „weil viele Kinder zuhause kein Frühstück bekommen”.
Die Lehrerinnen baten uns Eltern, mit den Kindern bis zum Schulanfang zu üben: aufpassen, wenn die Lehrerin redet. Nicht reinreden. Warten, bis man dran ist. „Den Namen schreiben braucht keiner können (s.o.: an der anderen Schule wurde das vorausgesetzt, schon ein halbes Jahr vor der Einschulung!), aber bitte sorgen Sie dafür, daß Ihr Kind seinen Namen kennt. Den, der in den Papieren steht.” Das sei kein Witz – immer wieder gebe es Kinder, die zuhause anders genannt werden und auf den offiziellen Namen nicht hören. „Das macht halt alles ein wenig schwierig…” An der Wand hingen die Namen der Kinder aus diesem Klassenzimmer. Zwei von 24 hätte ich fehlerfrei schreiben können.
Ach, und: „Bitte sorgen Sie dafür, daß Ihr Kind regelmässig in den Kindergarten geht. Und in den Deutsch-Förderkurs.” Sinngemäss kam danach: „Es reicht, wenn pro Klasse fünf Kinder kein Deutsch sprechen”.
Die Lehrerinnen gaben noch Tips zum Schulranzen und zur Schultüte (voll mit Gummibärchen ist zu schwer! Z.B. ein kleines Spiel/Malbuch/Spielzeug füllt und ist leicht… und die Spitze kann man mit Zeitungspapier füllen!) und baten uns Eltern zum Abschluss noch, bitte dringend zu beachten: „Bildschirmzeit pro Tag maximal 30 Minuten!”.
Da begann ein Vater, der mir bis dahin eigentlich noch recht sympathisch war, zu diskutieren: „Äh, Moment, eine halbe Stunde, das ist doch unrealistisch, das wissen Sie doch selbst! Nach einer halben Stunde ist doch gerade mal eine Folge Sponge Bob rum, da kriegt doch niemand sein Kind vom Fernseher weg!” Die Lehrerinnen argumentierten mit Synapsenbildung, Lerntheorien, Motorik und beharrten auf ihrer Forderung. Der Vater blieb bei seiner Meinung, meinte dann aber versöhnlich „Ach, aber in den 30 Minuten ist dann ja bestimmt nicht der Computer mit drin. Da gibt es ja schöne Vorschulprogramme, da mache ich selbst gerne mit.” Die Lehrerinnen setzten wieder an, ich entschuldigte mich und ging. Ich wäre sonst geplatzt.

Ganz unabhängig von den zu erwartenden Eltern (die an der kirchlichen Schule sicher nicht weniger unglaubliche Geschichten hergäben) haben wir auf der Basis aller Eindrücke versucht, zu entscheiden, welcher der beiden Schulen die bessere für unsere Rakete sei.
Die kirchliche wäre quasi die Fortführung von Raketes Kindergarten: Familien, die halbwegs ähnlich ticken wie wir; Förderung individueller Talente; das Konzept mit der 1/2-Klasse käme Rakete sehr entgegen. Ganz davon abgesehen kennt Rakete dort schon einige Kinder bereits aus dem Kindergarten.
In der Sprengelschule dagegen müsste Rakete sich nicht nur an die neue Situation „Schule” gewöhnen, sondern auch einen ganz anderen Wind. Und das allein, denn ihre Kindergartenfreunde gehen entweder an diverse private Schulen oder die andere Sprengelschule, für die wir 50m falsch wohnen.

Unsere Entscheidung ist klar, aber leider liegt sie nicht bei uns. Die kirchliche Schule hat mehr Anmeldungen als Plätze. Die werden angeblich verlost.

Ich mache es kurz: Rakete ist nicht gelost worden. Insgeheim befürchte ich, daß ich es beim Anmeldegespräch versaut habe, aber jetzt ist ohnehin nichts mehr zu machen. Ganz ehrlich: ich komme mir vor wie eine Versagerin, weil ich es nicht geschafft habe, meinem Kind die für es bessere Alternative zu ermöglichen.

Diese Woche war die offizielle Anmeldung in der Sprengelschule. Mehr dazu das nächste Mal. Kein Witz am Ende.


kleiner Rant am Rande: Gedanken zur Einschulung, erster Teil

26.2.2015

DISCLAIMER: Ja, das hier ist öffentlich – aber ein privates Blog, nix mit journalistischem Anspruch. Was ich schreibe, gibt meine ganz persönliche Sicht der Dinge wieder und ist kein neutraler Bericht.
Wenn jemand die Welt anders siehst als ich, ist das nicht schlimm. Vielleicht habe ich auch einen Aspekt übersehen? Dann tritt bitte in Kontakt. Fruchtbare Diskussionen entwickeln sich nur, wenn man auch seine Sicht der Dinge sagt. Als Kommentar, in einer Mail oder persönlich.
Du möchtest etwas genauer wissen, z.B. über welchen Laden ich schreibe? Dann frag mich. Ich unterhalte mich gerne.
Gerade, wenn man bereits mehr über mich weiß, als ich hier je preisgegeben habe, sollte das doch kein Problem sein.

Das hier ist zwar im Internet, aber wir beide sind Menschen.
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Es ist ein Kreuz mit dem Elternsein. Das haben sich bestimmt auch schon unsere Eltern und Großeltern und Urgroßeltern gedacht, aber die hatten ganz andere Probleme. Hey, ich bin natürlich haferstrohmopsfroh, daß wir keinen Hunger und keinen Krieg haben. Aber müssen es wirklich DIE ANDEREN sein?
Es ist nämlich so: im September kommt Rakete in die Schule.

So einfach ist das. Dachte ich. Man ahnt: falsch gedacht. Einfach war das nur in meiner Vorstellung. Und ich will jetzt gar nicht wettern gegen die Schulranzenindustrie (Obwohl mir durchaus danach wäre. Fresst doch Eure zuckrige Einhornscheiße selber!) und die Hortplatzmisere (Krippenplatz kriegen war schwer. Kindergartenplatz kriegen war echt hart. Hortplatzkriegen ist unmöglich.) Ich will ankotzen gegen diesen Scheißdruck, der uns allen gemacht wird: Du musst Deinem Kind gefälligst immer das Bestmögliche geben!

Und was das beste ist, das wissen immer alle anderen. Ständig und überall und das müssen sie dir natürlich permanent unter die Nase reiben. Das fing an mit „Stillen vs. Flaschenmilch”, ging weiter mit „Familienbett vs. Kinderzimmer” und „Tragen vs. Kinderwagen” und hat mit „Bio-vegan-glutenfrei-ohneLactose vs. irgendwas-aus-dem-Supermarkt” noch lange kein Ende.

Wir also haben im vergangenen Jahr gelernt, daß wir Rabeneltern sind, weil wir „nächsten September kommt Rakete in die Schule” einfach so hinnehmen. Die Besser-Eltern nämlich wissen natürlich: das Beste für jedes Kind ist, so spät wie irgend möglich eingeschult zu werden (die Allerbesten-Eltern präferieren natürlich Homeschooling, aber das geht ja hierzulande leiderleider nicht – deswegen gibt es von denen zum Glück eher wenig. Die sind alle schon außer Landes). Und ich naives Ding hatte mir insgeheim gedacht „zum Glück ist Rakete ein Muss-Kind, da kommen wir gar nicht in die Bredouille, selbst über ihren Schulstart entscheiden zu müssen” – da kommen sie von allen Seiten auf uns eingeprasselt, die guten Ratschläge: ja bitte, habt Ihr noch nie von „Zurückstellen” gehört? Das ist derzeit offensichtlich der Standard für denkende Eltern: erspart Eurem zarten Kind gefälligst noch ein wertvolles Jahr lang diese staatlichen Mühlen – ganz egal, ob Euer Kind sich schon scheckig freut auf neue Herausforderungen.

Zu Beginn war ich noch halbwegs cool, ich hatte Argumente (z.B. „Rakete freut sich aber auf die Schule” – ja, ich bin so naiv…), aber die Umstimmen waren rigoros. Das Klima im Kindergarten (wohlgemerkt das allgemeine durch die Leitung verbreitete Klima, keinesfalls aber Raketes Erzieherinnen, direkt darauf angesprochen – die befürworten einen regulärenn Schuleintritt absolut), die Großeltern, befreundete Eltern… alle wussten alles besser. Das Fass zum Überlaufen bzw. mich dann doch zum Zweifeln brachte die 70jährige kinderlose Nachbarin der befreundeten Lehrerfamilie, Fleischereifachverkäuferin in Rente. Ohne Rakete auch nur zu kennen (und ohne daß ich um einen Rat gebeten hätte), riet sie mir dringend zur Rückstellung, unbedingt.

LEUTE! Geht’s noch?! Kümmert Euch bitte um Euren eigenen Scheiß, statt überall reinzuwissen! Solange ich meine Kinder ganz offensichtlich nicht verwahrlosen lasse, haltet gefälligst Eure Klappe! Kehrt vor Eurer eigenen Tür und gesteht anderen Eltern zu, selbst zu wissen, was das Beste für ihr Kind ist (es sei denn, sie fragen Euch ausdrücklich nach Eurer Meinung).
Denn ob Ihr’s glaubt oder nicht: es gibt solche und solche und es gibt immer wen, dem irgendwas (z.B. zu frühe Einschulung – wir reden hier aber von regulär!) geschadet hat. Aber, bitte nehmt das hin: es gibt tatsächlich auch immer Gegenbeispiele. Es ist schwer genug in unserer Zeit der fast unbegrenzten Möglichkeiten, Entscheidungen zu fällen. Und wenn einer eine getroffen hat, dann lasst ihn bitte auch dazu stehen und stellt sie nicht ungebeten in Frage.

Ich weiß nicht, ob man’s merkt: ich ärgere mich sehr. Auch darüber, daß hier mein Standardspruch „sie bekommt Zähne” nicht passt. Zum eigentlich Thema Einschulen demnächst mehr. Wenn mir kein Rauch mehr aus den Ohren qualmt.


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