Integration am Arsch – so sieht die Schulsituation im Vorzeigemultikultiviertel aus

11.4.2016

Ich habe unsere Kanzlerin nicht gewählt, aber in den letzten Monaten war ich trotzdem stolz auf sie, auf Ihre Menschlichkeit, auf diesen Optimismus: „Wir schaffen das!”
Allein, ich kann es nicht recht glauben. Denn Integration im eigentlichen Wortsinne (nämlich Aufnehmen statt Mitnehmen, Miteinander statt Nebeneinander) haben wir bislang schon kaum geschafft – das sehe ich täglich in meiner Umgebung.

Wir wohnen in einem sogenannten „Multikulti”-Viertel – die Statistik zeigt (2010) etwa 40% Ausländer und 20% Deutsche mit Migrationshintergrund. Bleiben 40% Deutsche, zu denen wir zählen. Ach, sagen wir einfach einmal, um von dieser leidigen Nationalitätsdebatte wegzukommen: deutsche Muttersprachler. Denn wenn man sich von beliebigen „Deutschen” mal die Stammbäume ansähe: irgendein Migrationshintergrund ist da immer irgendwo. Bei Muttersprachlern halt nur mindestens zwei Generationen zurück.

In der ersten Klasse unserer Tochter sieht das Verhältnis allerdings dramatisch anders aus: hier sind von 22 Kindern 5 ohne direkten Migrationshintergrund. Und ganze 3 (von den Eltern aus den Elternabenden zu schließen – es waren nicht alle da) aus „Familien wie uns”, so nenne ich jetzt einfach mal Familien, die ähnlich ticken wie wir, was Erziehung/Bildung/Freizeitgestaltung/Lebensweise/Werte angeht – das heisst noch nicht, daß wir befreundet sein müssten (und auch nicht, daß „Familien wie wir” keinen Migrationshintergrund haben müssen). Ungefähr die Hälfte der bei den Elternabenden anwesenden Eltern konnte nicht gut genug Deutsch, um der Lehrerin zu folgen. Es gab durchaus mehrere Elternabende – wenn Eltern zu keinem kommen, bedeutet das m.E. schon ein gewisses Desinteresse.
Im Laufe des Schuljahres kam noch ein Flüchtlingskind komplett ohne Deutschkenntnisse dazu. „Willkommensklassen” für erste Sprachintegration sind überfüllt, jetzt wird direkt integriert, was das Kraut auch nicht mehr fett macht die Gesamtituation wohl tatsächlich nur minimal verändert. Vermutlich hat das in Raketes Klasse sogar ein Steinchen ins Rollen gebracht, da ausgerechnet der schlimmste Rowdy der einzige ist, der Arabisch kann und damit das Helfen lernt. (Ich weiß, es ist schwer zu folgen, wenn ich dauernd einschiebe, aber: ich weiß von einer Grundschule im Villenviertel, welche Aufregung es gab, als drei Flüchtlingskinder – für die gesamte Grundschule – zugeteilt wurden! Im Speckgürtel Nürnbergs protestiert der komplette CSU-Ortsverband mit dem halben Vorort gegen eine zu eröffnende 40-Mann-Flüchtlingsunterkunft – während in Multikultivierteln wie der Südstadt und Gostenhof hunderte untergebracht werden ohne vorhergehende Anwohnerinformationen – denn auch hier gilt wohl: die kennen das, die können das, und wir hier oben bleiben schön unter uns. )

Im Hort sieht die Quote noch schlimmer aus – hier sind von 50 Kindern meines Wissens 3 muttersprachlich deutsche Kinder*. Ich kenne nicht alle, also verdoppeln wir mal großzügig auf 6. Das ist lächerlich wenig! Die ErzieherInnen machen einen Superjob, ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Die Kinder sprechen weitestgehend fließend deutsch (wenn auch z.T. in einem Tonfall, den ich meiner Tochter gerne vorenthalten hätte. Kein Grinsesmiley.), auch wenn ihre Eltern das nicht tun. Im Hort lernen sie die Regeln sozialen Umgangs und eine Menge mehr. Zum Beispiel ist die deutschsprachige Hausaufgabenbetreuung Gold wert, wenn ich einer afrikanischstämmigen Mutter glauben darf, die mir in astreinem Deutsch erklärte, sie könne ihrem Sohn da nicht helfen, ihr Deutsch sei zu schlecht. Ich bin mir sicher, ich darf ihr glauben – ohne Hort hätten diese Kinder noch eine Chance weniger.
Unlängst war Rakete bei einer Hortfreundin zum Geburtstag eingeladen. Als einzige Deutsche unter 15 Kindern. Die Mutter des Geburtstagskindes konnte kein Deutsch. Das Geburtstagskind kümmerte sich zwar um Rakete, aber ich musste danach noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sie je wieder auf eine Party geht… Hätte ich das vorher gewusst – hätte ich sie auch hingeschickt? Ich bin mir nicht sicher. Immerhin hätte ich ihr nicht nahegelegt, lieber gleich zuhause zu bleiben…
Auf einem Elternabend klagte mir eine italienische Mutter ihr Leid: die Lehrerin hätte ihr empfohlen, ihre Tochter solle doch, um die Sprache zu verbessern, auch mit deutschen Kindern spielen. Ihre Antwort: „Aber wir kennen keine!”

Ist das Integration? Wohl kaum. Das ist Ghettoisierung, ob gewollt oder zufällig.

An einen Zufall allerdings glaube ich nicht. Ich sehe doch die Familien wie uns auf der Straße, auf dem Spielplatz, im Bioladen. Wir sind hier nicht so allein wie in der Grundschule. Woran also liegt’s?

Meine persönliche Meinung: Öffentliche Schulen sind für „Familien wie uns” unattraktiv. Wer es kann/schafft/sich leisten kann, versucht seine Kinder auf eine private Schule zu schicken (z.B. Montessori/Waldorf/Jenaplan/kirchlich). (Zugegeben: den Versuch haben wir auch gemacht. Ich hab’s halt versaut. Ja, für mich ist das eine persönliche Niederlage. Ob es für meine Tochter tatsächlich ein Nachteil sein wird, müssen wir beobachten. Im Moment sehe ich die Sache leider eher düster.)
Und dafür gibt’s z.B. folgende Gründe:

1. Die Bildungsqualität. Da hat man in der Privatschule mehr Einfluß, mehr Transparenz, mehr Sicherheit.

2. Möglicherweise spielt auch für die ein oder andere Familie auch eine Rolle: die Abwesenheit (oder wenigstens deutlich reduzierte Anwesenheit) von sozial schwachen, bildungsfernen, migrationsbehafteten Schichten. Klingt hart? Ist aber so. Privatschulen können schön mit integrativen Konzepten voller Toleranz, Rücksicht und Miteinander werben – tolerant innerhalb der weißen, gutsituierten Mittel- und Oberschicht. Da dürfen dann auch ruhig ein paar Behinderte körperlich herausgeforderte dabei sein. („Wir schaffen das”, sagen die da oben und sind stolz auf ihre Streitschlichter-AG, während sie ausblenden, dass die Integration der Migranten eine Handvoll Deutsche versucht zu stemmen. Hallo Polemik, Du hast mir noch gefehlt.)

3. Die öffentliche Hortsituation ist desaströs. Im Februar ist Hortanmeldung, die wenigsten „Familien wie wir”, die wir kennen, hatten vor Juli eine Hortzusage. Wenn überhaupt! Da ist eine Privatschule mit integrierter Mittagsbetreuung einfach die sicherere Bank, wenn man nicht ab September seinen Job aufgeben will.
Die Stadt Nürnberg regelt bei der Hortanmeldung mittels eines Punktesystems die Reihenfolge der Platzvergabe: es gibt je einen Punkt für Wohnen im Sprengel, Erstklässler, beide Eltern arbeiten. Und z.B.: Ergotherapie nötig, Logopädie nötig, Sprachförderung deutsch nötig, Migrationshintergrund (hier ist es egal, ob der Elternteil mit Migrationshintergrund perfekt deutsch spricht), schwierige Familienverhältnisse, soziale/finanzielle Benachteiligung, soziale Auffälligkeiten…
Das bedeutet: ein Kind mit Migrationshintergrund, das bestenfalls im Kindergarten ein wenig deutsch gelernt hat (für die städtischen Kindergärten gilt ein ähnliches Vergabesystem, d.h. bereits hier sind die Quoten der deutschen Muttersprachler im einstelligen Prozentbereich!), im Sprengel wohnend und in die erste Klasse kommend, bekommt einen Hortplatz, während Familien wie uns ein Pünktchen fehlt.
(* Die 3 Kinder ohne Migrationshintergrund in Raketes Hort sind nur mit Glück, Nachdruck und Hartnäckigkeit hineingerutscht…)
Das wäre m.E. dann in Ordnung und gerecht, wenn es für die anderen Kinder ebenfalls eine Betreuung gäbe, aber so ist es eben nicht. So bleiben derzeit in diesem Teil Gostenhofs die Kinder mit Migrationshintergrund und sozialen Benachteiligungen unter sich – und die Eltern der anderen suchen eine andere Lösung, kündigen einen Job oder ziehen weg.
Ich halte die Arbeit, die in den Horten geleistet wird, für immens wichtig – hier werden den Kindern Werte vermittelt und Freizeitmöglichkeiten angeboten, die sie zuhause nicht haben. Hier wird ein Samenkorn gelegt, das es Kindern ermöglichen kann, aus der Parallelgesellschaft zuhause auszubrechen.
Aber es müsste einfach genügend Plätze geben, um allen Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam zu lernen und zu leben! Hier komme ich auf die italienische Mamma zurück: von wem könnten Kinder besser deutsch lernen als von ihren Spielkameraden? Hier im Hort werden Ghettos geschaffen. Jedenfalls in unserer Grundschule bestimmt die Hortaufteilung auch die Klassenverteilung. Im Nachbarsprengel gibt es mehr Horte und die Verteilung ist weitaus gesünder, obwohl sich der Stadtteil gesamt nicht unterscheidet.

Drei Gründe. Ich könnte noch mehr finden.
Der letzte ist politisch und möglicherweise gewollt. Die ersten beiden sind gesellschaftlich.

ÄNDERN MÜSSEN WIR ALLE!

Jede Familie, die sich für eine private Lösung entscheidet, verschlimmert die Situation an der Regelschule. Das halte ich gesamtgesellschaftlich nicht nur für ungesund – sondern eigentlich für höchst asozial.

Ich wünschte ich hätte eine Lösung. Ich wünschte, ich könnte Frau Merkel und den Rest der Republik erreichen (im Sinne von „sie kapieren lassen”), wenn ich sage: Klar schaffen wir das – aber nur ZUSAMMEN!

So lange aber halte ich mich an den Worten einer anderen „Mutter wie mir” fest, die mir letztens begeistert erzählte, sie halte die Einschulung an der Sprengelschule trotz aller kulturellen wie sozialen Herausforderungen für die einzig richtige: „Da lernt mein Sohn das echte Leben. Er sieht, wie es in anderen Familien zugeht, was andere für Probleme haben. Und zuhause zeigen wir ihm, wie er damit umgehen kann. Wir stärken ihm das Rückgrat, das er da draussen eh braucht.”
Schule und Hort sind nur Teile des Alltags unserer Tochter. Den Hauptteil leisten wir.
Ich muss es einfach schaffen, mir über die anderen beiden weniger Sorgen zu machen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Tschakka, ich schaffe das! Und den Rest, zusammen schaffen wir ihn auch.

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weitere Artikel zum Thema:
Gedanken zur Einschulung, Teil 1 und 2
Zweiklassen-Bildung


Die lustige Seite des Themas

1.10.2015

Meine Tochter erzählte mir nach dem ersten Schultag: „Die Lehrerin hat gesagt, daß wir in der Schule alle Deutsch sprechen sollen. Im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof.”
Ihr Klassenkamerad hängte bei seiner Mutter noch etwas dran: „Das finde ich eigentlich auch sehr gut. Ich kann nämlich gar kein Türkisch.”

(Vermutlich auch kein Griechisch, Russisch, Polnisch, Tschechisch sowie Sprachen aus Indien und Zentralafrika. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht.)


Zwei-Klassen-Bildung

1.10.2015

Damals, als ich für Rakete einen Kindergarten gesucht habe, habe ich mich schon darüber aufgeregt: in unserem ach so hippen Viertel, wo man so cool Multikulti lebt (Latte Macchiato zum britischen Designerkinderwagen, Kinder in skandinavischer Mode – ach, wir sind so beyond borders!), spiegeln die Kinderbetreuungseinrichtungen nicht im geringsten den Stadtteil wider.
Mittlerweile kenne ich Kindergärten und Horte und für alle gilt: die öffentlichen Einrichtungen sind nahezu komplett mit Kindern aus sozial schwachen und/oder migrierten Familien gefüllt. In den privaten Einrichtungen sind, zugespitzt, die Akademikerkinder (zumeist muttersprachlich deutsch). Meine Erfahrungen zeigen: letztere kommen in die öffentlichen Einrichtungen auch gar nicht hinein, weil die anderen bevorzugt werden. Staat und Stadt versuchen, die schwachen aufzufangen. Die anderen bauen weiter an ihrer Welt. Integration ist das nicht.

Ab der Grundschule ändert sich ein wichtiger Punkt: jetzt müssen alle in die Schule und die Regelschule muss auch alle nehmen. Eigentlich wäre das die Gelegenheit, endlich Multikulti und Integration zu leben.
Und damit meine ich die Familien, die ich hier (in den Kommentaren) „Eltern, die sich um ihre Kinder und um die Gesellschaft kümmern. Die über ihren Tellerrand sehen und Werte haben und diese leben möchten” genannt habe (unabhängig von sprachlichem und kulturellem Hintergrund), ab jetzt der einfachheit halber abgekürzt FWW (Familien wie wir).

Ich weiß, wir haben auch versucht, unserer Tochter die staatliche Schule zu „ersparen”, aber immerhin nur halbherzig. Es hätte noch einige mehr Möglichkeiten gegeben. Bei unserer Wunschschule (der logischen Fortsetzung unseres Kindergartens mit 95% FWW) sind wir gescheitert. Jetzt ist Rakete an der Schule im Nachbarsprengel (eine glückliche Fügung Wunder hat uns im allerletzten Moment noch einen städtischen Hortplatz beschert, der zum Nachbarsprengel gehört), wo in ihrer Klasse gefühlt ein Viertel FWW sind (in unserem eigentlichen Sprengel wären es gefühlt ein Zehntel gewesen). Beim ersten Elternabend hatte ich den Eindruck, daß die Hälfte der anwesenden Eltern der Lehrerin sprachlich nicht komplett folgen konnte.

Ich weiß, in unserem Viertel ist die Quote eigentlich anders. Die teuren Kinderwägen am Spielplatz, die großen Autos vor den Kindergärten, die Läden und Cafés und ihr Publikum sprechen eine andere Sprache. Das sind nicht alles Touristen. Hier wohnen eine Menge FWWs und einige mit nicht wenig Geld.
Solange aber die ihre Kinder in die privaten Schulen (ob in die eine im Viertel oder in die anderen im restlichen Stadtgebiet) schicken (bzw. täglich fahren, über die Autos will ich mich gar nicht weiter auslassen), statt sie mit den Kindern der Nachbarn zu Fuß in die Regelschule gehen zu lassen, solange bleibt Integration ein leeres Wort.

Ihr separiert Euch! Ihr kuschelt Euch in Eure Komfortzone, Ihr kauft Euch für Eure heile Welt die Outdoor-Extension. Und damit nehmt Ihr allen anderen die Möglichkeit, mit Euch zusammenzuwachsen, zu einer funktionierenden Gesellschaft. Im Kindergarten hattet Ihr keine Wahl, zugegeben. Aber die Sprengelschule nimmt Euch mit offenen Armen auf, nicht nur weil sie muss.
Denkt doch bitte mal darüber nach.

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Zu diesem Thema gab es letztens im SZ-Magazin ein sehr lesenswertes Interview mit der Soziologin Cornelia Koppetsch. Leider hat sie auch keine Lösung.

Sie bemängeln auch, dass wir unsere Bildung entwerten, indem wir uns immer weiter bilden. Wie das?
Wir beobachten, dass viele besorgte Eltern zu immer aufwendigeren Mitteln greifen, um die Zukunft der Kinder zu sichern: Elitekindergärten, Privatschulen, Auslands-aufenthalte. Wenn immer mehr Menschen in immer höhere Bildung investieren, werden herkömmliche Bildungseinrichtungen und Bildungszertifikate entwertet. Es findet ein Überbietungswettbewerb statt: Wir können auf so viele Lehrlinge zurückgreifen, wir nehmen jetzt nur noch die mit Abitur – dann landen Realschulabsolventen in ungelernten Jobs, und die Hauptschüler kriegen gar keinen. Alles rutscht eine Stufe tiefer, weil die Spitze immer exzellenter wird. Oder die Elite-Universitäten: Die Ehrgeizigen zieht es dorthin, die übrigen Universitäten werden zu zweitklassigen Bildungsanstalten herabgestuft. Nur: Die Berufsaussichten für den Einzelnen werden dabei nicht besser. Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.

Wie könnte man dem Einhalt gebieten?
Das weiß ich nicht. Ich kann es nur feststellen. Wenn man sich auf das Wettbewerbsspiel einlässt, trägt man dazu bei, dass diese Strukturen reproduziert werden. Das Mitspielen enthält eine Mittäterschaft. Dessen muss man sich bewusst sein.


Fazit nach der ersten Woche Schule

21.9.2015

Vier Tage Schule – check.
Gepackte Brotdose zuhause vergessen – check.
Hausaufgabe machen „vergessen” – check.
Sich über zuwenig Proviant in der (diesmal mitgenommenen) Brotdose beschwert – check.
Neuen Pulli in der Schule verloren – check.
Freitags gar nix aus der Brotdose gegessen und dafür die Box übers Wochenende im Ranzen gelassen (Bio live) – check.

Ich glaube, die erste Klasse könnten wir schonmal überspringen.


was leichtes zwischendurch

5.9.2015

Wir sind abends im örtlichen Biergarten verabredet, die Kinder wollen nachmittags schon los und nerven im Dreisekundenrhythmus, ich bestehe darauf, noch auf Papa zu warten. Plötzlich höre ich laute Laute aus dem Kinderzimmer („iiiiii-aaaaa”) und habe sonst auf einmal fünf Minuten Ruhe.
Dann kommt Rakete, sagt „Schuhe an, wir können gehen. Ich häng mal das Schild an die Tür, dann weiss Papa, wo er hinmuss.”
schansänbroi
DAS also ist ihre Motivation zum Schreibenlernen. Okay.


Der große Bereit-für-Kinder?-Test

15.8.2015

Sehen immer so idyllisch aus, die Pärchen mit Kinderwagen, ne? Die strahlenden Mütter, die stolzen Väter, eisverschmierte Grinsekinder an den Händen, hüpfend im Park, sich gegenseitig Toffifee in die Münder werfend. Da kann man als Kinderloser schon neidisch werden und sich fragen, ob das dritte Cabrio wirklich die Leere füllt…

Pssst, ich verrat’ Euch was: das soll man auch. Das Fragen. Die Strahleeltern machen das nämlich extra – Werbung für Kinder. Renten sicher machen und so. Und ausserdem wollen die nicht alleine sein mit den anderen 23 Stunden des Tages, die nicht so harmonisch laufen („Aus ROTEN Bechern trinke ich nicht!”, „Mama, ich muss kotz…uärggs”, „Papa, Lisa hat in mein Puppenhaus gekackt!”).

Wenn Sie also so weit sind, über Kinder nachzudenken: es gibt einen einfachen Trick, festzustellen, ob Sie wirklich bereit sind.

Was ein Baby tatsächlich für Anfänger ziemlich gut simuliert – will auch in einer Tour irgendwas, oben was rein oder unten was raus und gefühlt übersteigt die Anzahl der Forderungen die der Belohnungen ums tausendfache: kaufen Sie sich erstmal einen Kaffeevollautomaten.
Wenn Sie dann immer noch ein Kind wollen, hilft der schon mal immens gegen den jahrelangen Schlafentzug.

Für den überlege ich noch an einer realistischen Simulation. Bleiben Sie dran. Oder machen Sie einfach schonmal Kinder. Wir sehen uns dann im Park. Vergessen Sie die Toffifees nicht.


„Guck mal, ich kann mich total zurücknehmen!”

28.7.2015

Ich mag ja diese Muttiblogs nicht, auf denen ständig die tollsten selbstgemachten Sachen gezeigt werden: Mona-Lisa-Pausenbrote und zwölfstöckige Geburtstagstorten für Zweijährige und Flamencokleidchen aus alten Hermés-Tüchern.
Für mich sieht das immer aus wie „guck mal, was ich tolles kann” oder „guck mal, wie arg ich meine Kinder liebe”, also immer wie „guck mal, ich bin ja wohl mal die geilste Mutti der Welt, also her mit Euren Beifall-Kommentaren” (und gleichzeitig: „guck mal, was Du alles nicht auf die Reihe kriegst”).

Aber manchmal… ach, was soll’s.

Ich bin nämlich stolz wie Bolle.
Auf meine Tochter, die in ein paar Wochen in die Schule kommt. Und ja, auch auf mich. Nicht deshalb, weil ich ihre Schultüte genäht habe. Die ist laienhaft zusammengeschustert. Sondern weil ich es (weitestgehend) geschafft habe, ihr dabei die Gestaltungsfreiheit zu überlassen. Weil ich Ihr nur Vorschläge gemacht habe, ohne ihr reinzureden. Und meine Fresse, das fiel mir schwer. Wäre es nach mir gegangen, das Ding sähe jetzt ganz anders aus.
Aber es ist ja schließlich ihr großer Tag, und ich habe schon schlechtes Gewissen genug, weil z.B. alle ihre Freundinnen ihren Ranzen selbst aussuchen durften – und wir ihr einfach ohne Diskussion einen gebrauchten (von der Cousine) besorgt haben. Gleichzeitig bin ich über diesen Ranzen heilfroh, denn unser Kind trägt täglich keine rosa Glitzereinhörner im Gegenwert eines Kleinwagens Monatslebensmitteleinkaufs herum, und wenn diese Schultasche bei uns im Flur steht, dann droht auch niemandem Augenkrebs.

Jetzt also sollte sie wenigstens ihre Schultüte selbst bestimmen dürfen. Ich stellte sie vor die Wahl (und ehrlich, verdammt noch mal, ich habe das immer viel neutraler formuliert!): soll ich beim vom Kindergarten organisierten Gruppenbasteln mit den anderen Muttis eine kackhässliche Wellpappenachtecktüte mit einem kitschtriefenden Moosgummi-Mangamädchen bekleben, obendran fisseliges Krepppapier, das bei ersten Öffnen reisst und im Regen blutet? Oder möchtest Du nicht vielleicht lieber eine Schultüte aus Stoff, den Du Dir selbst aussuchen darfst, und wenn der Schulanfang vorbei ist, können wir sie mit Watte stopfen und Du hast ein Kuschelkissen, das Dich immer an Deinen Schulanfang erinnert? Hm? Na?
Sie war sich tatsächlich nicht sicher! Bis ich diesen Stoff entdeckte. Prinzessin! Schloss! Einhorn! Ausmalen! Ihre Entscheidung war gefallen, und sie war unumstösslich.

Blöd, wenn dann der einzige Händler in Deutschland selbst noch auf die Lieferung aus USA wartet… nach mehreren Wochen Raketenquengeln (gut, wir waren zwischendurch auch noch im Urlaub) fand ich doch noch eine andere Bezugsquelle. Püüh!

Dann holten wir die Stoffmalstifte raus und ich hielt mich sowas von zurück! Ich glaube ja an „weniger ist mehr” und hätte weit weniger eingefärbt, ich hätte das Schloss nicht komplett schwarz zugekleistert, die Prinzessin hätte bei mir farbige Schuhe, ich hätte, ach. Stattdessen habe ich mich danebengesetzt, „schön machst Du das” herausgequetscht und mich auf meine Finger gesetzt und auf die Zunge gebissen.
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Später zeigte ich ihr mögliche Stoffe für Spitze und oben und ich habe mich so zusammengerissen, keine Empfehlungen auszusprechen! Ich habe rosa und lila ohne Murren akzeptiert ohne Gender-Vorträge zu halten (aber ich gebe zu: ich habe nicht gesagt, daß ich auch Rüschen nähen kann). Schließlich durfte sie noch Litzen und Bänder aussuchen und bestimmen, wohin was soll. Genäht habe ich es dann, als sie schlief. Selten habe ich sie so schnell aus dem Bett hüpfen sehen wie heute morgen!
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Man kann also sagen: wir sind beide stolz.
Ich habe die erste Challenge geschafft. Jetzt muss ich noch üben, den Rand zu halten, wenn sie jemals selbst Klamotten kombiniert (das nämlich überlässt sie noch immer mir; auch deshalb jetzt mein Vorstoss zum Selberentscheidenlassen) und in zehn Jahren dann bin ich sowas von Zen, wenn sie ihren ersten Freund mitbringt, ach.
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kleiner Rant am Rande: Gedanken zur Einschulung, erster Teil

26.2.2015

Es ist ein Kreuz mit dem Elternsein. Das haben sich bestimmt auch schon unsere Eltern und Großeltern und Urgroßeltern gedacht, aber die hatten ganz andere Probleme. Hey, ich bin natürlich haferstrohmopsfroh, daß wir keinen Hunger und keinen Krieg haben. Aber müssen es wirklich DIE ANDEREN sein?
Es ist nämlich so: im September kommt Rakete in die Schule.

So einfach ist das. Dachte ich. Man ahnt: falsch gedacht. Einfach war das nur in meiner Vorstellung. Und ich will jetzt gar nicht wettern gegen die Schulranzenindustrie (Obwohl mir durchaus danach wäre. Fresst doch Eure zuckrige Einhornscheiße selber!) und die Hortplatzmisere (Krippenplatz kriegen war schwer. Kindergartenplatz kriegen war echt hart. Hortplatzkriegen ist unmöglich.) Ich will ankotzen gegen diesen Scheißdruck, der uns allen gemacht wird: Du musst Deinem Kind gefälligst immer das Bestmögliche geben!

Und was das beste ist, das wissen immer alle anderen. Ständig und überall und das müssen sie dir natürlich permanent unter die Nase reiben. Das fing an mit „Stillen vs. Flaschenmilch”, ging weiter mit „Familienbett vs. Kinderzimmer” und „Tragen vs. Kinderwagen” und hat mit „Bio-vegan-glutenfrei-ohneLactose vs. irgendwas-aus-dem-Supermarkt” noch lange kein Ende.

Wir also haben im vergangenen Jahr gelernt, daß wir Rabeneltern sind, weil wir „nächsten September kommt Rakete in die Schule” einfach so hinnehmen. Die Besser-Eltern nämlich wissen natürlich: das Beste für jedes Kind ist, so spät wie irgend möglich eingeschult zu werden (die Allerbesten-Eltern präferieren natürlich Homeschooling, aber das geht ja hierzulande leiderleider nicht – deswegen gibt es von denen zum Glück eher wenig. Die sind alle schon außer Landes). Und ich naives Ding hatte mir insgeheim gedacht „zum Glück ist Rakete ein Muss-Kind, da kommen wir gar nicht in die Bredouille, selbst über ihren Schulstart entscheiden zu müssen” – da kommen sie von allen Seiten auf uns eingeprasselt, die guten Ratschläge: ja bitte, habt Ihr noch nie von „Zurückstellen” gehört? Das ist derzeit offensichtlich der Standard für denkende Eltern: erspart Eurem zarten Kind gefälligst noch ein wertvolles Jahr lang diese staatlichen Mühlen – ganz egal, ob Euer Kind sich schon scheckig freut auf neue Herausforderungen.

Zu Beginn war ich noch halbwegs cool, ich hatte Argumente (z.B. „Rakete freut sich aber auf die Schule” – ja, ich bin so naiv…), aber die Umstimmen waren rigoros. Das Klima im Kindergarten (wohlgemerkt das allgemeine durch die Leitung verbreitete Klima, keinesfalls aber Raketes Erzieherinnen, direkt darauf angesprochen – die befürworten einen regulärenn Schuleintritt absolut), die Großeltern, befreundete Eltern… alle wussten alles besser. Das Fass zum Überlaufen bzw. mich dann doch zum Zweifeln brachte die 70jährige kinderlose Nachbarin der befreundeten Lehrerfamilie, Fleischereifachverkäuferin in Rente. Ohne Rakete auch nur zu kennen (und ohne daß ich um einen Rat gebeten hätte), riet sie mir dringend zur Rückstellung, unbedingt.

LEUTE! Geht’s noch?! Kümmert Euch bitte um Euren eigenen Scheiß, statt überall reinzuwissen! Solange ich meine Kinder ganz offensichtlich nicht verwahrlosen lasse, haltet gefälligst Eure Klappe! Kehrt vor Eurer eigenen Tür und gesteht anderen Eltern zu, selbst zu wissen, was das Beste für ihr Kind ist (es sei denn, sie fragen Euch ausdrücklich nach Eurer Meinung).
Denn ob Ihr’s glaubt oder nicht: es gibt solche und solche und es gibt immer wen, dem irgendwas (z.B. zu frühe Einschulung – wir reden hier aber von regulär!) geschadet hat. Aber, bitte nehmt das hin: es gibt tatsächlich auch immer Gegenbeispiele. Es ist schwer genug in unserer Zeit der fast unbegrenzten Möglichkeiten, Entscheidungen zu fällen. Und wenn einer eine getroffen hat, dann lasst ihn bitte auch dazu stehen und stellt sie nicht ungebeten in Frage.

Ich weiß nicht, ob man’s merkt: ich ärgere mich sehr. Auch darüber, daß hier mein Standardspruch „sie bekommt Zähne” nicht passt. Zum eigentlich Thema Einschulen demnächst mehr. Wenn mir kein Rauch mehr aus den Ohren qualmt.


statt getwittert:

10.2.2015

Wenn mich jemand fragt, was ich mir wünsche, zu Geburtstag oder Weihnachten oder einfach so, ich sag’ ja immer: „nix”. Weil, Fluch des Erwachsenseins: kauft man sich ja alles selbst, dann wenn man was will.

Just heute morgen fiel mir jedoch ein: doch, ich wünsche mir etwas. Sehr, sehr,sehr. Eine schalldichte, von innen abschließbare Klotür. Sehr arg wünsche ich mir die und sehr dringend. Nicht erst Weihnachten. Morgen.


Frohes Neues!

8.1.2015

Bevor es wieder heisst „ey, auf Deinem Blog passiert ja gar nix mehr!” hier schnell eine Meldung von der Schnupfennasenfront. (Würde das hier noch länger stillstehen, bekäme ich ja irgendwann gar keine Emails mehr von Agenturen, die mir eine „Zusammenarbeit” mit „lukrativen Einnahmemöglichkeiten” anbieten…)

Nämlich: hier ist alles ruhig.

Nichtsdestotrotz nutze ich noch die Gelegenheit, um allen Mitlesenden ein wunderbares, entspanntes, glückliches und gesundes neues Jahr zu wünschen.

Und redet bitte nicht immer nur von den Kindern.

Direktlink zum Link der Väter, die kein Stück besser sind als wir Mütter zur Elternhymne: Christoph und Lollo!

PS: Die Kulturmenschen lernen bitte das hier für die nächste Vernissage auswendig. Und jetzt alle: „Trägt sein Schöpfer einen Hut?”


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