Elternurlaub Prolog: EinBlick in meinen Alltag

2.12.2013

Bisweilen gehe ich am Zahnfleisch, so als Mutter. Und dabei hab’ ich nur zwei Kinder! Mein aufrichtiger Respekt geht an alle, die gelassen mehr wuppen. Meine Nerven sind halt oft schon morgens um acht am Ende, wenn (nach Wecken, Wiederwecken, Wiederwiederwecken, Zum-Klo/Wickeltisch-Zerren, Anziehen, Frühstücken, Bitte-endlich-Zähneputzen und so weiter, andere Eltern wissen gefälligst, was zu dieser Zeit bereits alles geschafft ist) die geschlossene Tür am Kindergarten droht. Dort ist nämlich um 8 Uhr 15 Zapfenstreich, und der Weg dorthin dauert je nach Baustellendichte und Müllabfuhrmenge (zu Fuß wohlgemerkt; ich fürchte nicht Stau, ich fürchte Guckenwollen) ab zehn Minuten aufwärts. Und um acht hat, man ahnt es: keines meiner Kinder auch nur annähernd Jacke, Schal, Mütze, Schuhe an. Geschweige denn ich überhaupt den Schlafanzug aus.

Vermutlich bin ich deswegen die einzige Mutter, die in voller Montur (Jeans über Pyjamahose, Winterjacke mit Schal über vollgerotztem Schlabbershirt, auch bei 12°C bis oben geschlossen, ich weiß warum) ihre Kinder hastig in den Gruppen abgibt, während andere Eltern gemütlich im perfekt gebügelten Hemd/Blüschen – daß sie ihre Hausschuhe nicht dabei haben, ist wirklich alles – noch siebzehn Geschichten vorlesen. Ich bin auch die einzige, für die es am Eingang die Schuh-Überzieher gibt, wegen der Krabbelkinder. Weil ich meine Schuhe nicht ausziehen kann. Ich hab’ nämlich noch nicht mal geschafft, mir Socken anzuziehen. Und die Überzieher vergesse ich beim Rausgehen regelmässig. Jetzt sind die aber nicht aus Plastik zum Wegschmeissen, sondern natürlich liebevoll handgeklöppelt, sodass ich die immer gleich zuhause waschen muss. Und nach zwei Stunden wieder rausnehmen, aufhängen, abhängen, nachmittags nicht mitzunehmen vergessen. Man sieht: eigentlich kann ich gar nicht arbeiten zwischendurch (außer an den Tagen, an denen der Möhrchenprinz die Kinder bringt natürlich), versuche es aber dennoch täglich wieder. Ich hab’ nach dem Kindergarten-Abgeben nämlich gar nicht wirklich frei, nur kurz Zeit zum Frischmachen und Anziehen und dann arbeite ich, ohne daß sich etwa im Haushalt irgendwas veränderte (vom Konto will ich gar nicht reden, bin ich doch schon froh, daß überhaupt Krippen- und Kindergartenplatz nicht permanent Löcher reißen – und ich rede hier vom Familienkonto).

Nachmittags geht der Kinderkram dann ja wieder von vorne los, nur unter erschwerten Bedingungen, weil beobachtet von den anderen Eltern. Die fröhlich pfeifend ihre wohlgekämmte und von selbst in Ausgehmontur gezauberte Fußballmannschaft aus dem Kindergarten abholen und auf einem Bein fahrradfahrend (zugegeben, der vierachsige Chariot vereinfacht die Sache ein wenig) nacheinander in Ballettunterricht, Frühfranzösisch, Babyhockey und den Mittelhochdeutschkurs chauffieren. Während ich mich jeden Tag aufs Neue haareraufend frage: wie, zur Hölle, kriege ich die läppischen zwei Stunden bis zum Abendessen und zur Rückkehr des Möhrchenprinzen, mit den Kindern rum? Denn auch wenn die dreihundert Meter nach Hause schon in einer Viertelstunde geschafft sind – die drei Treppen nach oben dauern nochmal ebensolange – so droht doch das Paradoxon, daß jedes vorgelesene Bilderbuch auf dem Sofa dafür nur Sekundenbruchteile braucht. Gerade, daß es nach dem Buch nicht früher ist als vorher! Ist das Zeit oder Physik oder welche Wissenschaft hätte den Nobelpreis verdient für die brauchbare Erklärung und vor allem die brauchbare Lösung?

Und jetzt mach’ ich’s doch endlich kurz: früher war alles anders und das Gefühl von früher geht tatsächlich auch heute noch. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie stilhäschen jammern hören „Ich möcht’ nicht immer Mama sein, zefix!”. Alles was Sie brauchen: eine Oma und zwei E-Tickets. Der Ausbruch ist möglich!


Ohrwurmalarm! (Mit Erziehungseffekt, immerhin)

26.8.2013

Warum Kinder eigens für sie gepanschte Spezialmusik brauchen sollten, geht wohl keinem Erwachsenen ein, dem jemals Töne wichtig waren*.
Und warum müssen dann auch noch so viele der im Handel erhältlichen Kinderliederalben hirnlose Texte mit grausamem Hammondgeorgel kombinieren? Die Antwort hat bestimmt irgendwas mit Kommerz zu tun, ein leidiges Thema.
Aber daß Kinder, deren Argumentation in allen Lebensbereichen (Kaffee oder Kaba? Cola oder Wasser? Gin oder Tonic? Aufbleiben bis in die Puppen oder um acht ins Bett?) sich sonst auf „ich bin doch aber schon groß!” beschränkt, ausgerechnet bei diesem Thema auf die Kinderversion bestehen, kostet mich die meisten Nerven von allen. Ich habe es versucht und meiner Tochter richtige Musik vorgespielt, mitgeträllert, Autositztänze dazu erfunden – keine Chance. Mit viel gutem Zureden dürfen wir auf Autofahrten nach einer kompletten Kinder-CD (von bereits länger gebeutelten Verwandten geschenkt bekommen – ich frage mich noch immer, was wir denen getan haben) einmal kurz das Lied mit den Brüsten hören, dann ist aber wieder „Kinderlala!” dran. Mittlerweile bestellt auch Risiko bereits beim Hineinsetzen in den Kindersitz lautstark „Lala!”. Das sind die Momente, in denen ich tief einatme und „Kinder sind das größte Glück der Welt! Gefälligst!” mantratisiere, während ich schicksalsergeben die CD starte.
Normalerweise fahre ich dann so lange fort mit meinem Mantra, daß ich in guten Momenten von der Musik kaum mehr etwas mitbekomme. Just gestern jedoch horchte ich auf: hatte das musikalische Schreckgespenst der meisten denkenden Eltern, Rolf Zuckowski*, da nicht etwas von „Bierchen” im Text untergebracht? Ich spulte zurück. Tatsächlich! Da wird ein Kind zwar zwei höllische Strophen und zwei fürchterliche Refrains lang ermahnt, die Pfoten von Papas neuem Technikeinkauf zu lassen, kommt aber fantastischerweise in der dritten Strophe von selbst auf die Idee, dem erschöpften, weil installationserfolglosen, Vater ein Bierchen aus dem Keller zu holen. Hey, das ist doch mal wirklich ein Lied mit rechtschaffen sinnvollem Text! Ab jetzt läuft das in meinem Auto bei Kindertransporten auf Endlosschleife. Solange, bis die Kinder a) die angemessene Reaktion auf schlappe Eltern im Schlaf beherrschen und b) um ordentliche (=mir genehme) Musik betteln. Auf Knien. Trotz Kindersitz*.

*** Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben: meine erste selbstgekaufte Platte war zwar von Genesis, die erste in meinem Besitz jedoch eine andere. Fünf Jahre vor Invisible Touch und vor dem Wissen, daß man gar nicht erwachsen sein muß für Plattenkäufe, nämlich bekam ich zum sechsten Geburtstag eine LP von Rolf und seinen Freunden. Und jetzt bin ich noch ehrlicher: ich liebte sie. Unter Folter würde ich vermutlich sogar zugeben, „Mein Platz im Auto ist hinten” für ein großes Stück Musikgeschichte zu halten. Ohne zu lügen. Ganz ohne Folter gilt das sogar für die Rolf-Version von Banana Boat, unbedingte Hörempfehlung.
Jetzt hab’ ich aber ordentlich gebeichtet. Ist Musikgeschmack, altersgebunden, am Ende erblich? Dann habe ich panische Angst vor Raketes Pubertät. Obwohl der Teil meiner Plattensammlung (Das wüsste man jetzt gerne, was? Ein bißchen Scham und Stolz hab’ ich aber noch…) verscherbelt ist. Heute ist ja im Netz alles noch erhältlich…


it’s all about Namensgebung (heute keine Vornamenstirade!)

26.7.2013

Informierte Eltern wissen: Erziehung ist eine Wissenschaft. Beweisbar, messbar, vollkommen objektiv. Und alle sind sich immer einig. Gerade ist man sich einig: Strafen gehen gar nicht. Belohnungen auch nicht, sind sie doch nichts anderes als negierte Strafen. Argumentation ist das Zauberwort! Erklären Sie Ihrem Kind, warum es das eine tun und das andere lassen möge. Kinder verstehen alles, es ist nur eine Frage der Zeit. Die muss man sich halt nehmen als Eltern, meine Güte, das hat man doch vorher gewusst! (Dass Strafen/Belohnungen des Teufels sind, das könnte ich jetzt mit allerhand Links untermauern. Ich habe aber keine Lust drauf! Gehen Sie doch einfach in ein beliebiges Internetforum – für Eltern, Juristen, Mieter, egal – und eröffnen einen Thread a la „Ich habe meine Tochter auf die stille Treppe geschickt, wir wohnen in einem Mietshaus und die blinde Katze der 90jährigen Nachbarin ist drübergestolpert. Muss jetzt wirklich ich den Tierarzt zahlen oder kann ich das an den Erzeuger weiterleiten?”. Spätestens die dritte Antwort wird irgendwas mit Jugendamt sein, ich gehe jede Wette ein. Wenn das Internet jedoch für Sie Neuland ist, gehen Sie doch einfach mal auf den Spielplatz bei den neugebauten Townhouses im örtlichen Boom-Stadtteil, setzen sich in der Nähe eines Bugaboo-Treffens auf eine Bank und spitzen Sie die Ohren. Da sitzen nämlich die Erziehungsprofis gerne, zwischen Toddlers’ English- und Musikzwerge-Kurs. In jedem Fall erfahren Sie: Strafen und Belohnen ist sowas von out, demnächst singt Heino davon.)

Auch meine Kinder verstehen sicher irgendwann alles – allein meine Geduld reicht mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr 15 Jahre. Vielleicht erkläre ich es auch zu kompliziert oder spreche undeutlich oder bin einfach pädagogisch ein Totalversager, jedenfalls habe ich bei vielen Punkten aufgegeben. Statt Rakete im Supermarkt in der Nähe der Wursttheke Vorträge über die Inhaltsstoffe industriell hergestellter Gelbwurst (und der Notwendigkeit von Brot zu Wurst) zu halten, raune ich ihr nur ein „wenn Du nicht wieder bettelst, kauf’ ich genug Wurst für drei Tage zum Abendbrot” zu. Und das abendliche Zähneputzen ist seit der direkten Kopplung an die Gute-Nacht-Geschichte wesentlich entspannter. Das ist nichts anderes als Belohnung und Strafe, höre ich Sie schnappatmen? Pah! Ich nenne das economic Erziehing. Ich bereite meine Kinder nur auf die Wirklichkeit vor: Leider wohnen wir nicht allein auf einer Südseeinsel, bei uns herrscht Marktwirtschaft, alles geht um Angebot und Nachfrage. Ich verhandle mit meinen Kindern und setze einen Preis fest für eine Leistung, sie können das Angebot annehmen oder ablehnen, wieviel freiheitlicher kann Erziehung sein? Sie müssen halt die Konsequenz tragen, und die wird vorher vereinbart. Statt ihre Hirne mit Argumentationen zuzuballern, biete ich zwei Möglichkeiten an und die Kinder machen ihre persönliche Kosten-Nutzen-Analyse.
Jetzt noch schnell das ganze auf 200 Seiten aufblasen, einen Verlag finden und ich bin die neue Heldin der Spielplatzbänke. Mehr Zeit als früher habe ich ja schon fürs Schreiben, jetzt wo das Argumentieren wegfällt.


5 Jahre und drei Tage (im Blog geblättert wie in einem Tagebuch)

9.7.2013

Fünf Jahre und drei Tage und ungefähr hundert Bratwurstexzesse
und genau zwei Kinder und einen Ringtausch und eine immernoch aufgeschobene Party
und ein verkauftes Auto und ein gekauftes Auto
und einen gekündigten Job und eine hoffentlich irgendwann passable Selbstständigkeit
und einen Umzug später:
sitze ich immer noch auf demselben Balkon. Diesmal ist vieles anders: es ist abends. Ich bin allein, die Kinder schlafen, der Mann ist im Biergarten. Aber derselbe Baum steht daneben. Vor fünf Jahren hätte ich mir nichts davon auch nur gedacht. Da ist immer noch Liebe, und es ist viel, viel mehr.

Ich glaube, ich schleppe mal die Matratze raus und bereite das Frühstück vor.
(Für fünf Uhr dreissig, sonst ist Risiko schneller.)


Raketenphilosophie – heute: Nihilismus

20.6.2013

Meine Kinder sind das, was Großeltern „gute Esser” nennen. Ich nenne sie verfressen. Und freue mir (leider nur gedanklich) Löcher in den Bauch, wenn die Rakete Olivien mit Gorgonnzo (Betonung auf „gonn”) futtert, während andere Mütter ihre Kinder mit Tricks zu einem Stückchen Marmeladenbrot zu zwingen versuchen.

Trotzdem gibt es auch Dinge, die sie nicht essen mag: Pilze, Lauch, Zwiebeln. Und neuerdings noch etwas, wie dieser Dialog am Abendbrottisch ans Licht gebracht hat:

Rakete (pult etwas aus ihrem Salat): „Das da mag ich nicht. Das Weisse.”
Ich: „Das ist Käse, Rakete. Der heißt Mozzarella. Iss ihn einfach mit.”
Rakete: „Aber der schmeckt mir nicht.”
Ich: „Das kann gar nicht sein, der schmeckt nämlich nach gar nichts.”
Rakete: „Gar nichts schmeckt mir dann halt nicht.”
Ich seufze.
Rakete: „Dann ist das nämlich so. Wenn einem nichts nicht schmeckt, dann mag man nichts halt nicht. Wie ich.”

Philosophie braucht sie schonmal nicht mehr zu studieren. Hoffentlich dankt mir das das Lehrpersonal.


Raketengeschichten: Friedhöfe und andere Leidenschaften

15.5.2013

Ich stehe mit Rakete und Risiko an einer Straßenbahnhaltestelle; gegenüber steht eine hohe Friedhofsmauer. Risiko bekommt mal wieder spontan Zähne oder der Geier weiß, was ihn plagt – jedenfalls konzentriere ich mich auf ihn, bis mir auffällt: alle ebenfalls Wartenden amüsieren sich mehr oder weniger still über meine Tochter. Die springt nämlich herum und singt „Cool, cool, cool! Da drüben ist mein Opi eingebuddelt!” Ich staune. Über ihre plötzliche Extrovertiertheit, über ihre Freude (findet sie doch sonst die Tatsache, keinen Opi mehr zu haben, schon – zurecht – eher traurig) aber vor allem über ihre korrekte Folgerung, daß dahinter ein Friedhof sein muss (nicht der, auf dem ihr Opi eingebuddelt ist – der hat nämlich gar keine Mauer – aber immerhin).
Ich kläre sie auf, daß der Opi ganz woanders liegt und erzähle das Ganze abends den Möhrchenprinzen. Der erklärt die Sache mit der Mauer ungerührt: Rakete habe halt auf dem Haltestellenschild „Johannisfriedhof” gelesen.

Das wäre jetzt auch nicht verwunderlicher als das Unterscheidenkönnen einer Friedhofs- von einer anderen Mauer, denn die Rakete kennt tatsächlich schon einige Buchstaben (nochmal für die neuen Leser: sie ist dreieinhalb).
Sie haut nämlich immer die großen Kinder aus dem Kindergarten an, ihr welche beizubringen (nicht, daß ich von den Dingern keine Ahnung hätte, aber zum Glück fragt sie mich nicht, denn eigentlich finde ich das noch viel zu früh; von meiner Einstellung zu Frühförderung und Homeschooling ganz abgesehen) und dann sitzt sie am Maltisch und schreibt Einkaufszettel.

Ich staune über Sätze wie „Warte, Mama, ich will mir noch das M anschauen”, die sie ruft, von einer Brücke ins Wasser schauend. „Welches M?!”, frage ich und spähe nach amerikanischen Fastfoodketten. Nichts. „Na, das M, das die Enten da malen”, antwortet sie und zeigt auf die beiden Enten, deren Spur durchs Wasser nebeneinander – eben ein M ergibt. Da bin ich platt.
Nicht so positiv überrascht bin ich davon, daß ihr erstes komplett „gelesenes” Wort „CAMPARI” ist. Sollte man vielleicht nicht so laut rausposaunen. Verständlich aber ist es, „Fränkisches Vollbier” ist viel schwerer, weil nicht durchgängig großgeschrieben. (Lange nicht mehr gekalauert! Voll-Bier ist schließlich kein Buchsta-Bier…)

Aber irgendwas muss schließlich noch für die Schule bleiben. Sind ja nur noch knapp über zwei Jahre.

(Passt nur mit Mühe dazu, aber will noch aufgeschrieben werden: letztens zum ersten Mal ein Freunde-Buch aus dem Kindergarten ausfüllen dürfen. „Rakete, da steht ‚ich mag nicht:’ – was magst du denn nicht?” – „Schreib: ‚Räuber und Pilze’. Immerhin darf ich noch für sie schreiben. Puh.)


Familienfetzen

29.4.2013

Mal wieder eine lose Sammlung von Kleinigkeiten, die einzeln keinen Blogpost machen…
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Den Gegensatz früher (Leben ohne Kinder) – heute illustriert sehr treffend die Frage „Wohin gehen wir jetzt noch was trinken?”.
Früher war die Gegenfrage „Wo gibt’s gutes Bier?”.
Heute: „Wo gibt’s einen Wickeltisch?”
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Die Rakete ist dreieinhalb und sie bastelt sehr gerne. Malen ist nicht so ihr Ding; nur in seltenen Fällen („Das ist ein Schweinebraten!”) ähneln ihre Krakeleien dem Bild, das Erwachsene so von Sachen haben. Umso erstaunter war ich, als sie mir folgendes Bild zeigte; ich finde das sowas von klar, daß ich vielleicht schon ein bißchen betriebsblind bin. Was seht Ihr?
raketenkunst
Ich frage sie, ob das wirklich von ihr ist. Ja. Ob sie das wo abgemalt habe? Nein. Ich fasse es nicht. Woher kann mein Kind eine Geburtstagstorte (mit Kerzenflamme!) malen? Das frage ich nicht, stattdessen sie: „Willst Du gar nicht wissen, was das ist, Mama? Das weißt Du doch sonst immer nicht.” Ja, ich will. „Das ist die Arbeit von Papa, wie er sich ein Tie-Sött (=T-Shirt) anzieht.” Ach so. Na dann. Melde ich das Kind wieder ab von der Kunstakademie. (Und Ihr glaubt schön weiter zu wissen, was Papas Job ist…)
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Elterngespräch im Kindergarten, routinemäßig einmal im Jahr, die Eltern werden auf dem Laufenden gehalten, wie die Erzieherinnen so die Entwicklung sehen. Sie beurteilen diese anhand des „Baums der Erkenntnis”, einer Aufstellung verschiedener Fähigkeiten, die ein Kind im Laufe seines Lebens, oft aufeinander aufbauend, erlernt. In der „Verständnis”-Kategorie sind dies zum Beispiel „Verständnis vom Jahres-, Wochen- und Tageslauf; selbstverständliches Verwenden von Zeitbegriffen wie ‚Vormittag’ und den Wochentagen”. Bei den motorischen Fähigkeiten z.B. „selbst anziehen” oder „an einer Zickzacklinie entlangschneiden”. Die bereits erlernten Fähigkeiten hat die Erzieherin umkringelt. Es sind viele Kringel, auch alle o.g. Dinge sind umkringelt. Ich staune, weigert sich die Rakete doch zuhause standhaft, die Schuhe selbst anzuziehen, auch Klamotten sind ein Drama.
Und Sonntagmittag erst der Dialog: „Papa, gibt’s endlich Abendessen?” – „Wir haben vor drei Stunden gefrühstückt. Was ist dann das nächste Essen?” – „Warm?” – „Vielleicht. Auf jeden Fall zu Deinem Glück nicht erst das Abendessen. Dazwischen kommt noch?” – „Nachtisch?” – „Nein. Es ist zwölf Uhr. Das ist die Mitte vom Tag. Was essen wir da?” – „Brot?” – „Welche Tageszeit haben wir?!?” – „Ach so. Sommer.”
Zeitgefühl: absoluter Check. Im Kindergarten kann sie’s vermutlich.
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Risiko hat endlich sich treffende Backenzähne und isst mit, statt gefüttert zu werden. Wir haben aber auch lange gebraucht, es zu kapieren: leg ihm ein Brot hin – er nimmt es in die Hand und guckt blöd. Leg ihm ein Brot hin und schneide es in kleine Bissen – er nimmt in jede Hand ein Stück und guckt blöd. Leg ihm ein Brot hin, schneide es und gib ihm eine Gabel – er isst, als hätte er vier Wochen nichts bekommen und schreit, sobald das letzte Stück vertilgt ist. Er ist aber nicht immer so reinlich – im Sandkasten geht einiges. Sollten wir ihm vielleicht tatsächlich vorm Essen die Hände waschen?
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Apropos Rabenmutter: zum ersten Mal das Kind im Kindergarten vergessen – check. Ich bin nicht stolz drauf, aber sowas passiert (es waren fünf Minuten). Fürs iphone gibt’s sicher ne App dagegen.
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Und dann war da noch die Woche Urlaub, spontan gebucht und am Zielflughafen (Fliegen! Mit klapptischaffinem Kleinkind! Das sagt einem keiner vorher!) spontan in ein anderes Hotel gebracht worden. Ich frage mich ja schon, wie es im Zeitalter von Internet und Vernetzung von ungefähr allem heute noch möglich ist, daß man ein Hotel bucht, das die Saison erst einen Monat später beginnt. Beklage mich aber nicht, solange die Hotelkette noch eines mit fünf Sternen hat, das schon offen ist. Wow.
Und das allergrößte Wow gibt’s für Risikos Frisurenwandlung. Niedlichkeitsfaktor unendlich. Ich kam aus dem Hachen nicht mehr raus.

urlaub

Schon lang wieder zuhause. Die Blumenspritze ist nicht das Wahre. Wir müssen wohl doch ans Meer ziehen. Gnää.


a day in the life a hard day’s night – aus dem Leben einer Mutter

27.3.2013

[Wann beginnt der Tag? Der Rakete Bilderbücher behaupten: mit Sonnenaufgang. Lüge. Der Mutter Tag beginnt bereits am Abend zuvor: früh im Bett > der Tag hat Chancen. Gesundheitlich angeschlagen / Alkoholgenuss / spät im Bett > ein Halbhoch den Automatismen.
Wissenschaftlich korrekt beginnen wir für diese Momentaufnahme mal um Mitternacht. Wenn es wirklich gut lief, hatte ich vielleicht schon zwei Stunden Schlaf (ja, 22:00 Uhr. Ich würde ja auch gerne länger die Zeit geniessen, in der beide Kinder schlafen, alleine: mit welcher Energie?).]

00:05 Uhr: Ich wache zum ersten Mal auf, vom Schnarchen des Möhrchenprinzen. Ich remple und motze ein wenig, jemand grunzt, dann ist Ruhe. Herrlich. Ich brauche schätzungsweise zwanzig Minuten, bis ich wieder eingeschlafen bin.

01:35 Uhr: Risiko weint, der Lautstärke nach schon länger. Ich stehe auf, gehe ins Kinderzimmer und stecke ihm den Schnuller wieder rein. Ruhe. Ich tappe zurück und liege noch ein halbes Stündchen wach.

02:33 Uhr: Risiko weint. Rüber, Schnuller, zurück. Sofortiger Tiefschlaf.

03:40 Uhr: Risiko weint. Ich remple den Mann an: „Dein Sohn.”, von der anderen Betthälfte kommt Grunzen. Risiko weint lauter. Ich raunze lauter. Der Mann grunzt lauter. „Verdammt noch mal, ich war schon zweimal!”, brülle ich und halte mir die Ohren zu. Ein paar Minuten, einige Tritte und etliche Dezibel später wankt der Mann hinüber, wankt zurück, Ruhe. Dann: Schnarchen. Ich liege wach.

04:05 Uhr: Risiko weint. Macht nix, kann ja eh nicht schlafen. Rüber, Schnuller, zurück. Risiko weint. Rüber, Schnuller, in der Küche Milch gemacht. Risiko weint lauter. Ich gebe ihm die Milch (obwohl er eigentlich schon längst nachts keine mehr braucht, aber mir ist nicht nach Diskussionen) und danke jenem höheren Wesen, das wir verehren für Raktes guten Schlaf. Ein zweites waches Kind würde eindeutig meine Fähigkeiten überschreiten. Risiko will die Milch nicht. Risiko will auch seinen Schnuller nicht. Ich rede ihm gut zu. Das will er auch nicht. Ich brauche einige Minuten, bis mir einfällt, daß die Milch zwei Grad zu kühl sein könnte, gehe in die Küche und mache sie wärmer. Risiko brüllt sich die Lungen frei. Gegenüber gehen die ersten Lichter an.

04:25 Uhr: Risiko inhaliert die Milch, als hätte er wochenlang nichts getrunken. Ich kauere am Boden neben seinem Bett, weil ich nicht möchte, daß eine evtl. vorzeitig losgelassene Flasche ihre Milch in die Matratze suppt. Ich warte, bis er endlich fertig ist. Da entdecke ich im Bettchen eine halbleere Flasche, die ihm wohl der Möhrchenprinz gegeben haben muß. (Am nächsten Tag erfahre ich: um 1 Uhr. Da muß ich dann wohl mal kurz geschlafen haben.) Ich unterdrücke den Instinkt, das Bett sofort abzuziehen, um den Matratzenschaden gering zu halten. Risiko ist fertig, grunzt, dreht sich herum, Tiefschlaf. Ich gehe ins Bett. Ruhe. Wachliegen.

05:00 Uhr: Ein Kratzen unterm Fußboden lässt mich aus dem Halbschlaf (ja, doch…) hochschrecken: die Maus ist wieder da. Das Geräusch ist nicht zu lokalisieren, aber ziemlich sicher unter dem Boden. Oder? Ich lausche. Denke über andere Wege nach, als sie der Kammerjäger bereits eingeschlagen hat. Will dem Vieh das Feld nicht überlassen. Denke an grausige Waffen und üble Gifte. Nehme mir vor, die Rakete nie mehr „Mäuschen” zu nennen.
Immer, wenn ich doch wegdämmere, beginnt das Geräusch wieder. Immerhin ist es offensichtlich nur eine. Ich wünsche mir, der Mann würde schnarchen, damit ich die Maus nicht mehr höre.

06:10 Uhr: Ich höre Risiko fröhlich brabeln und dann Rakete sagen: „Wir dürfen noch nicht aufstehen, Risiko, es ist noch Nacht, sagt meine Uhr.” Ich preise die Spielzeugindustrie und gelobe, nie mehr über den hohen Batterieverbrauch des bekloppten Nachtlichtes zu lästern (wozu braucht Mrs. Zehnstundenschlaf ein Nachtlicht!?). Ich würde gerne noch ein Stündchen schlafen, aber es geht nicht. Ich höre meinen Kindern zu und muß lächeln. Stimmt nicht, ich würde gerne lächeln. Mir fehlt die Kraft.

07:00 Uhr: Vermutlich bin ich vor fünf Minuten doch weggesackt. Jetzt poltert Rakete ins Zimmer, „Das Licht ist aus! Der Tag beginnt!” krakeelend (Danke, Spielzeugindustrie…). Ich schrecke schreiend aus dem allertiefsten Tiefschlaf hoch, das Herz klopft bis zum Hals. Offensichtlich auch der Rakete, die mit dieser Reaktion nicht gerechnet hat. Halb schreit sie panisch, halb heult sie hysterisch. Hinter ihr wankt gerade Risiko ins Bild, erschreckt sich fürchterlich, stolpert und schlägt mit der Stirn gegen den Türstock. Der Lärm wird infernalisch. Als mir meine Beine wieder gehorchen, sprinte ich zu meinen Kindern, um sie beide zu trösten. Mit nackten Beinen knie ich auf dem kalten Fußboden, während mir in jedes Ohr ein Kind schreit. Ich verfluche den Erfinder des Wortes Familienglück.

07:05 Uhr: Des Möhrchenprinzen Wecker klingelt. Er schlägt kurz um sich, dann die Augen auf und wünscht einen guten Morgen. Seine ehrliche, ausgeschlafene gute Laune ist meine erste Kriegserklärung an den kommenden Tag.

[Wird fortgesetzt, war ja nicht mal ein Dritteltag bis jetzt. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie die Mutter schimpfen hören: „Rakete, jetzt geh’ endlich Händewaschen!” – „Aber warum, ich habe mir doch heute gar nicht im Po gepult!?”]


Ohrenschmalz, Gott erhalt’s (aus der Reihe „fränkische Dialoge”)

14.3.2013

Beim Abendessen erzählen wir uns, was wir den Tag über so gemacht haben. Ich war mit Risiko eine Freundin in Ihrem neuen Job besuchen.

Möhrchenprinz: „Und was ist das für ein Laden?”
Ich: „Die verkaufen da Espressoautomaten und beraten auch.”
Rakete (entrüstet): „Ich will auch einen!”
Wir Eltern sehen sie entgeistert an.
Rakete, unbeirrt: „Mama, wenn Du da nochmal hingehst, kaufst Du mir dann bitte einen?”
Ich: „Rakete, Espresso ist Kaffee. Das brauchst du nicht.”
Rakete: „Ich brauche auch keinen Kaffee! Ich brauche einen Piraten!”


Meine Familie und ich (so kleine Anekdoten am Rande)

12.3.2013

Um unnötige Diskussionen zu vermeiden („warum darf ich XY nicht?” – „Weil ich das nicht will und ich bin Deine Mama und damit der Bestimmer.” – „Und was sagt der liebe Gott dazu?”), sollte die Rakete manche Dinge nicht unbedingt hören. Wenn es nicht anders geht, buchstabiere ich solche Worte (z.B. G-E-S-C-H-E-N-K oder N-A-C-H-T-I-S-C-H, wobei sie E-I-S schon kennt…) für den Möhrchenprinzen. Der lauscht jedesmal hochkonzentriert, um anschließend das Wort zu wiederholen. Mit Fragezeichen. Ohne Buchstabieren. Manchmal könnte ich wirklich die Wände hochgehen möchte ich mir „laß mich auch noch Deine Mama sein” aufs T-Shirt sticken.

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Risiko ist dreizehneinhalb Monate alt. Seine motorische Fähigkeiten sind weit genug für ein paar Schritte. Ohne Lenken, Notbremse mit Po, ständig springt irgendeine Wand in den Weg. Riesendrama, jedes Mal.
Geistig fehlt noch das Verständnis, daß kein Essen in den Mund passt, solange der Schnuller drinsteckt. Riesendrama, jedes verdammte Mal.
Unvorstellbar, daß er eines Tages vermutlich mit den Augen rollt, wenn ich anrufe herbeame, weil das Internet kaputt ist der Pflegeroboter Widerworte gibt. (Womit indirekt auch meine Mutter hier auftaucht.)

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Rakete ist dreieinhalb und eine große Kaufladen-Verkäuferin. Sie weiß, daß die Ware vor dem Zahlen „gehüpt” (= gescannt) werden muß und wieviel Pfand es auf Bierflaschen gibt („zwölfzehn”). Wenn man mit ihrem kleinen Bruder einkaufen kommt, fragt sie beflissen: „darf er schon Gelbwurst – der Kleine?!”. Sie hat den Servicegedanken inhaliert. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. (Sie kann mir den Roboter schließlich auch neuprogrammieren.)