Raketenphilosophie – heute: Nihilismus

20.6.2013

Meine Kinder sind das, was Großeltern „gute Esser” nennen. Ich nenne sie verfressen. Und freue mir (leider nur gedanklich) Löcher in den Bauch, wenn die Rakete Olivien mit Gorgonnzo (Betonung auf „gonn”) futtert, während andere Mütter ihre Kinder mit Tricks zu einem Stückchen Marmeladenbrot zu zwingen versuchen.

Trotzdem gibt es auch Dinge, die sie nicht essen mag: Pilze, Lauch, Zwiebeln. Und neuerdings noch etwas, wie dieser Dialog am Abendbrottisch ans Licht gebracht hat:

Rakete (pult etwas aus ihrem Salat): „Das da mag ich nicht. Das Weisse.”
Ich: „Das ist Käse, Rakete. Der heißt Mozzarella. Iss ihn einfach mit.”
Rakete: „Aber der schmeckt mir nicht.”
Ich: „Das kann gar nicht sein, der schmeckt nämlich nach gar nichts.”
Rakete: „Gar nichts schmeckt mir dann halt nicht.”
Ich seufze.
Rakete: „Dann ist das nämlich so. Wenn einem nichts nicht schmeckt, dann mag man nichts halt nicht. Wie ich.”

Philosophie braucht sie schonmal nicht mehr zu studieren. Hoffentlich dankt mir das das Lehrpersonal.


Raketengeschichten: Friedhöfe und andere Leidenschaften

15.5.2013

Ich stehe mit Rakete und Risiko an einer Straßenbahnhaltestelle; gegenüber steht eine hohe Friedhofsmauer. Risiko bekommt mal wieder spontan Zähne oder der Geier weiß, was ihn plagt – jedenfalls konzentriere ich mich auf ihn, bis mir auffällt: alle ebenfalls Wartenden amüsieren sich mehr oder weniger still über meine Tochter. Die springt nämlich herum und singt „Cool, cool, cool! Da drüben ist mein Opi eingebuddelt!” Ich staune. Über ihre plötzliche Extrovertiertheit, über ihre Freude (findet sie doch sonst die Tatsache, keinen Opi mehr zu haben, schon – zurecht – eher traurig) aber vor allem über ihre korrekte Folgerung, daß dahinter ein Friedhof sein muss (nicht der, auf dem ihr Opi eingebuddelt ist – der hat nämlich gar keine Mauer – aber immerhin).
Ich kläre sie auf, daß der Opi ganz woanders liegt und erzähle das Ganze abends den Möhrchenprinzen. Der erklärt die Sache mit der Mauer ungerührt: Rakete habe halt auf dem Haltestellenschild „Johannisfriedhof” gelesen.

Das wäre jetzt auch nicht verwunderlicher als das Unterscheidenkönnen einer Friedhofs- von einer anderen Mauer, denn die Rakete kennt tatsächlich schon einige Buchstaben (nochmal für die neuen Leser: sie ist dreieinhalb).
Sie haut nämlich immer die großen Kinder aus dem Kindergarten an, ihr welche beizubringen (nicht, daß ich von den Dingern keine Ahnung hätte, aber zum Glück fragt sie mich nicht, denn eigentlich finde ich das noch viel zu früh; von meiner Einstellung zu Frühförderung und Homeschooling ganz abgesehen) und dann sitzt sie am Maltisch und schreibt Einkaufszettel.

Ich staune über Sätze wie „Warte, Mama, ich will mir noch das M anschauen”, die sie ruft, von einer Brücke ins Wasser schauend. „Welches M?!”, frage ich und spähe nach amerikanischen Fastfoodketten. Nichts. „Na, das M, das die Enten da malen”, antwortet sie und zeigt auf die beiden Enten, deren Spur durchs Wasser nebeneinander – eben ein M ergibt. Da bin ich platt.
Nicht so positiv überrascht bin ich davon, daß ihr erstes komplett „gelesenes” Wort „CAMPARI” ist. Sollte man vielleicht nicht so laut rausposaunen. Verständlich aber ist es, „Fränkisches Vollbier” ist viel schwerer, weil nicht durchgängig großgeschrieben. (Lange nicht mehr gekalauert! Voll-Bier ist schließlich kein Buchsta-Bier…)

Aber irgendwas muss schließlich noch für die Schule bleiben. Sind ja nur noch knapp über zwei Jahre.

(Passt nur mit Mühe dazu, aber will noch aufgeschrieben werden: letztens zum ersten Mal ein Freunde-Buch aus dem Kindergarten ausfüllen dürfen. „Rakete, da steht ‚ich mag nicht:’ – was magst du denn nicht?” – „Schreib: ‚Räuber und Pilze’. Immerhin darf ich noch für sie schreiben. Puh.)


Familienfetzen

29.4.2013

Mal wieder eine lose Sammlung von Kleinigkeiten, die einzeln keinen Blogpost machen…
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Den Gegensatz früher (Leben ohne Kinder) – heute illustriert sehr treffend die Frage „Wohin gehen wir jetzt noch was trinken?”.
Früher war die Gegenfrage „Wo gibt’s gutes Bier?”.
Heute: „Wo gibt’s einen Wickeltisch?”
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Die Rakete ist dreieinhalb und sie bastelt sehr gerne. Malen ist nicht so ihr Ding; nur in seltenen Fällen („Das ist ein Schweinebraten!”) ähneln ihre Krakeleien dem Bild, das Erwachsene so von Sachen haben. Umso erstaunter war ich, als sie mir folgendes Bild zeigte; ich finde das sowas von klar, daß ich vielleicht schon ein bißchen betriebsblind bin. Was seht Ihr?
raketenkunst
Ich frage sie, ob das wirklich von ihr ist. Ja. Ob sie das wo abgemalt habe? Nein. Ich fasse es nicht. Woher kann mein Kind eine Geburtstagstorte (mit Kerzenflamme!) malen? Das frage ich nicht, stattdessen sie: „Willst Du gar nicht wissen, was das ist, Mama? Das weißt Du doch sonst immer nicht.” Ja, ich will. „Das ist die Arbeit von Papa, wie er sich ein Tie-Sött (=T-Shirt) anzieht.” Ach so. Na dann. Melde ich das Kind wieder ab von der Kunstakademie. (Und Ihr glaubt schön weiter zu wissen, was Papas Job ist…)
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Elterngespräch im Kindergarten, routinemäßig einmal im Jahr, die Eltern werden auf dem Laufenden gehalten, wie die Erzieherinnen so die Entwicklung sehen. Sie beurteilen diese anhand des „Baums der Erkenntnis”, einer Aufstellung verschiedener Fähigkeiten, die ein Kind im Laufe seines Lebens, oft aufeinander aufbauend, erlernt. In der „Verständnis”-Kategorie sind dies zum Beispiel „Verständnis vom Jahres-, Wochen- und Tageslauf; selbstverständliches Verwenden von Zeitbegriffen wie ‚Vormittag’ und den Wochentagen”. Bei den motorischen Fähigkeiten z.B. „selbst anziehen” oder „an einer Zickzacklinie entlangschneiden”. Die bereits erlernten Fähigkeiten hat die Erzieherin umkringelt. Es sind viele Kringel, auch alle o.g. Dinge sind umkringelt. Ich staune, weigert sich die Rakete doch zuhause standhaft, die Schuhe selbst anzuziehen, auch Klamotten sind ein Drama.
Und Sonntagmittag erst der Dialog: „Papa, gibt’s endlich Abendessen?” – „Wir haben vor drei Stunden gefrühstückt. Was ist dann das nächste Essen?” – „Warm?” – „Vielleicht. Auf jeden Fall zu Deinem Glück nicht erst das Abendessen. Dazwischen kommt noch?” – „Nachtisch?” – „Nein. Es ist zwölf Uhr. Das ist die Mitte vom Tag. Was essen wir da?” – „Brot?” – „Welche Tageszeit haben wir?!?” – „Ach so. Sommer.”
Zeitgefühl: absoluter Check. Im Kindergarten kann sie’s vermutlich.
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Risiko hat endlich sich treffende Backenzähne und isst mit, statt gefüttert zu werden. Wir haben aber auch lange gebraucht, es zu kapieren: leg ihm ein Brot hin – er nimmt es in die Hand und guckt blöd. Leg ihm ein Brot hin und schneide es in kleine Bissen – er nimmt in jede Hand ein Stück und guckt blöd. Leg ihm ein Brot hin, schneide es und gib ihm eine Gabel – er isst, als hätte er vier Wochen nichts bekommen und schreit, sobald das letzte Stück vertilgt ist. Er ist aber nicht immer so reinlich – im Sandkasten geht einiges. Sollten wir ihm vielleicht tatsächlich vorm Essen die Hände waschen?
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Apropos Rabenmutter: zum ersten Mal das Kind im Kindergarten vergessen – check. Ich bin nicht stolz drauf, aber sowas passiert (es waren fünf Minuten). Fürs iphone gibt’s sicher ne App dagegen.
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Und dann war da noch die Woche Urlaub, spontan gebucht und am Zielflughafen (Fliegen! Mit klapptischaffinem Kleinkind! Das sagt einem keiner vorher!) spontan in ein anderes Hotel gebracht worden. Ich frage mich ja schon, wie es im Zeitalter von Internet und Vernetzung von ungefähr allem heute noch möglich ist, daß man ein Hotel bucht, das die Saison erst einen Monat später beginnt. Beklage mich aber nicht, solange die Hotelkette noch eines mit fünf Sternen hat, das schon offen ist. Wow.
Und das allergrößte Wow gibt’s für Risikos Frisurenwandlung. Niedlichkeitsfaktor unendlich. Ich kam aus dem Hachen nicht mehr raus.

urlaub

Schon lang wieder zuhause. Die Blumenspritze ist nicht das Wahre. Wir müssen wohl doch ans Meer ziehen. Gnää.


a day in the life a hard day’s night – aus dem Leben einer Mutter

27.3.2013

[Wann beginnt der Tag? Der Rakete Bilderbücher behaupten: mit Sonnenaufgang. Lüge. Der Mutter Tag beginnt bereits am Abend zuvor: früh im Bett > der Tag hat Chancen. Gesundheitlich angeschlagen / Alkoholgenuss / spät im Bett > ein Halbhoch den Automatismen.
Wissenschaftlich korrekt beginnen wir für diese Momentaufnahme mal um Mitternacht. Wenn es wirklich gut lief, hatte ich vielleicht schon zwei Stunden Schlaf (ja, 22:00 Uhr. Ich würde ja auch gerne länger die Zeit geniessen, in der beide Kinder schlafen, alleine: mit welcher Energie?).]

00:05 Uhr: Ich wache zum ersten Mal auf, vom Schnarchen des Möhrchenprinzen. Ich remple und motze ein wenig, jemand grunzt, dann ist Ruhe. Herrlich. Ich brauche schätzungsweise zwanzig Minuten, bis ich wieder eingeschlafen bin.

01:35 Uhr: Risiko weint, der Lautstärke nach schon länger. Ich stehe auf, gehe ins Kinderzimmer und stecke ihm den Schnuller wieder rein. Ruhe. Ich tappe zurück und liege noch ein halbes Stündchen wach.

02:33 Uhr: Risiko weint. Rüber, Schnuller, zurück. Sofortiger Tiefschlaf.

03:40 Uhr: Risiko weint. Ich remple den Mann an: „Dein Sohn.”, von der anderen Betthälfte kommt Grunzen. Risiko weint lauter. Ich raunze lauter. Der Mann grunzt lauter. „Verdammt noch mal, ich war schon zweimal!”, brülle ich und halte mir die Ohren zu. Ein paar Minuten, einige Tritte und etliche Dezibel später wankt der Mann hinüber, wankt zurück, Ruhe. Dann: Schnarchen. Ich liege wach.

04:05 Uhr: Risiko weint. Macht nix, kann ja eh nicht schlafen. Rüber, Schnuller, zurück. Risiko weint. Rüber, Schnuller, in der Küche Milch gemacht. Risiko weint lauter. Ich gebe ihm die Milch (obwohl er eigentlich schon längst nachts keine mehr braucht, aber mir ist nicht nach Diskussionen) und danke jenem höheren Wesen, das wir verehren für Raktes guten Schlaf. Ein zweites waches Kind würde eindeutig meine Fähigkeiten überschreiten. Risiko will die Milch nicht. Risiko will auch seinen Schnuller nicht. Ich rede ihm gut zu. Das will er auch nicht. Ich brauche einige Minuten, bis mir einfällt, daß die Milch zwei Grad zu kühl sein könnte, gehe in die Küche und mache sie wärmer. Risiko brüllt sich die Lungen frei. Gegenüber gehen die ersten Lichter an.

04:25 Uhr: Risiko inhaliert die Milch, als hätte er wochenlang nichts getrunken. Ich kauere am Boden neben seinem Bett, weil ich nicht möchte, daß eine evtl. vorzeitig losgelassene Flasche ihre Milch in die Matratze suppt. Ich warte, bis er endlich fertig ist. Da entdecke ich im Bettchen eine halbleere Flasche, die ihm wohl der Möhrchenprinz gegeben haben muß. (Am nächsten Tag erfahre ich: um 1 Uhr. Da muß ich dann wohl mal kurz geschlafen haben.) Ich unterdrücke den Instinkt, das Bett sofort abzuziehen, um den Matratzenschaden gering zu halten. Risiko ist fertig, grunzt, dreht sich herum, Tiefschlaf. Ich gehe ins Bett. Ruhe. Wachliegen.

05:00 Uhr: Ein Kratzen unterm Fußboden lässt mich aus dem Halbschlaf (ja, doch…) hochschrecken: die Maus ist wieder da. Das Geräusch ist nicht zu lokalisieren, aber ziemlich sicher unter dem Boden. Oder? Ich lausche. Denke über andere Wege nach, als sie der Kammerjäger bereits eingeschlagen hat. Will dem Vieh das Feld nicht überlassen. Denke an grausige Waffen und üble Gifte. Nehme mir vor, die Rakete nie mehr „Mäuschen” zu nennen.
Immer, wenn ich doch wegdämmere, beginnt das Geräusch wieder. Immerhin ist es offensichtlich nur eine. Ich wünsche mir, der Mann würde schnarchen, damit ich die Maus nicht mehr höre.

06:10 Uhr: Ich höre Risiko fröhlich brabeln und dann Rakete sagen: „Wir dürfen noch nicht aufstehen, Risiko, es ist noch Nacht, sagt meine Uhr.” Ich preise die Spielzeugindustrie und gelobe, nie mehr über den hohen Batterieverbrauch des bekloppten Nachtlichtes zu lästern (wozu braucht Mrs. Zehnstundenschlaf ein Nachtlicht!?). Ich würde gerne noch ein Stündchen schlafen, aber es geht nicht. Ich höre meinen Kindern zu und muß lächeln. Stimmt nicht, ich würde gerne lächeln. Mir fehlt die Kraft.

07:00 Uhr: Vermutlich bin ich vor fünf Minuten doch weggesackt. Jetzt poltert Rakete ins Zimmer, „Das Licht ist aus! Der Tag beginnt!” krakeelend (Danke, Spielzeugindustrie…). Ich schrecke schreiend aus dem allertiefsten Tiefschlaf hoch, das Herz klopft bis zum Hals. Offensichtlich auch der Rakete, die mit dieser Reaktion nicht gerechnet hat. Halb schreit sie panisch, halb heult sie hysterisch. Hinter ihr wankt gerade Risiko ins Bild, erschreckt sich fürchterlich, stolpert und schlägt mit der Stirn gegen den Türstock. Der Lärm wird infernalisch. Als mir meine Beine wieder gehorchen, sprinte ich zu meinen Kindern, um sie beide zu trösten. Mit nackten Beinen knie ich auf dem kalten Fußboden, während mir in jedes Ohr ein Kind schreit. Ich verfluche den Erfinder des Wortes Familienglück.

07:05 Uhr: Des Möhrchenprinzen Wecker klingelt. Er schlägt kurz um sich, dann die Augen auf und wünscht einen guten Morgen. Seine ehrliche, ausgeschlafene gute Laune ist meine erste Kriegserklärung an den kommenden Tag.

[Wird fortgesetzt, war ja nicht mal ein Dritteltag bis jetzt. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie die Mutter schimpfen hören: „Rakete, jetzt geh’ endlich Händewaschen!” – „Aber warum, ich habe mir doch heute gar nicht im Po gepult!?”]


Ohrenschmalz, Gott erhalt’s (aus der Reihe „fränkische Dialoge”)

14.3.2013

Beim Abendessen erzählen wir uns, was wir den Tag über so gemacht haben. Ich war mit Risiko eine Freundin in Ihrem neuen Job besuchen.

Möhrchenprinz: „Und was ist das für ein Laden?”
Ich: „Die verkaufen da Espressoautomaten und beraten auch.”
Rakete (entrüstet): „Ich will auch einen!”
Wir Eltern sehen sie entgeistert an.
Rakete, unbeirrt: „Mama, wenn Du da nochmal hingehst, kaufst Du mir dann bitte einen?”
Ich: „Rakete, Espresso ist Kaffee. Das brauchst du nicht.”
Rakete: „Ich brauche auch keinen Kaffee! Ich brauche einen Piraten!”


Meine Familie und ich (so kleine Anekdoten am Rande)

12.3.2013

Um unnötige Diskussionen zu vermeiden („warum darf ich XY nicht?” – „Weil ich das nicht will und ich bin Deine Mama und damit der Bestimmer.” – „Und was sagt der liebe Gott dazu?”), sollte die Rakete manche Dinge nicht unbedingt hören. Wenn es nicht anders geht, buchstabiere ich solche Worte (z.B. G-E-S-C-H-E-N-K oder N-A-C-H-T-I-S-C-H, wobei sie E-I-S schon kennt…) für den Möhrchenprinzen. Der lauscht jedesmal hochkonzentriert, um anschließend das Wort zu wiederholen. Mit Fragezeichen. Ohne Buchstabieren. Manchmal könnte ich wirklich die Wände hochgehen möchte ich mir „laß mich auch noch Deine Mama sein” aufs T-Shirt sticken.

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Risiko ist dreizehneinhalb Monate alt. Seine motorische Fähigkeiten sind weit genug für ein paar Schritte. Ohne Lenken, Notbremse mit Po, ständig springt irgendeine Wand in den Weg. Riesendrama, jedes Mal.
Geistig fehlt noch das Verständnis, daß kein Essen in den Mund passt, solange der Schnuller drinsteckt. Riesendrama, jedes verdammte Mal.
Unvorstellbar, daß er eines Tages vermutlich mit den Augen rollt, wenn ich anrufe herbeame, weil das Internet kaputt ist der Pflegeroboter Widerworte gibt. (Womit indirekt auch meine Mutter hier auftaucht.)

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Rakete ist dreieinhalb und eine große Kaufladen-Verkäuferin. Sie weiß, daß die Ware vor dem Zahlen „gehüpt” (= gescannt) werden muß und wieviel Pfand es auf Bierflaschen gibt („zwölfzehn”). Wenn man mit ihrem kleinen Bruder einkaufen kommt, fragt sie beflissen: „darf er schon Gelbwurst – der Kleine?!”. Sie hat den Servicegedanken inhaliert. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. (Sie kann mir den Roboter schließlich auch neuprogrammieren.)


Erziehung ist wie Heimwerken, nur ohne Werkzeug

19.2.2013

Handwerker wissen: nach fest kommt ab*.
Eltern wissen: nach müd kommt blöd.

[* Erklärung für Gehirnarbeiter: einer Schraube, an der man weiterdreht, obwohl sie schon festsitzt, reißt der Kopf ab; die kriegt man dann eher nicht mehr heraus, man wäre also mit dem kleineren Übel des Nicht-ganz-Festsitzens besser gefahren. Hier sieht man: die beiden Weisheiten sind eigentlich die gleiche.]


Mensch, Mädchen / Junge, Junge

15.2.2013

Als wir uns für Kinder entschieden, war der Plan „erst ein Junge, dann ein Mädchen”. Der Grund für die Reihenfolge war ganz pragmatisch: dann wollen sie vielleicht auch in der Pubertät noch miteinander zu tun haben, immerhin hat der blöde Bruder nette Freunde und Schwesterchen lustige Freundinnen.
Ich wurde schwanger und der Arzt prophezeite anhand des Ultraschalles einen Jungen. Wir freuten uns, ich begann die Ausstattung zu besorgen: Kinderwagen, Klamotten, Zubehör. Jetzt erst realisierte ich: ja Scheiße, das ist ja fast alles schon gegendert! Die Industrie macht das schon geschickt: entweder rosa mit Rüschen oder dunkelblau mit Bagger drauf, schon ist die Zielgruppe halbiert und fürs nächste Kind muß mit 50/50-Chance alles neu sein. Nicht nur, daß mir beide Extreme einfach nicht gefallen; der Plan im Hintergrund stimmte ja auch für Neutralität.
Ich lief durch Geschäfte, stöberte im Internet, ging auf Basare. Gefühlte 90% der Sachen waren ziemlich eindeutig für Jungs oder Mädchen. Bei allem anderen schlug ich zu: Ringel-T-Shirts, Mützen, Jacken ohne Rosa, Jeans ohne Glitzerblümchen und Baumaschinen. Ein überschaubarer Haufen fürs erste Jahr. Der Kinderwagen wurde grün.

Tja, der Bauch wurde dann doch ein Mädchen. Ab dem Moment, in dem wir das wussten, bekamen wir von lieben Freunden kistenweise Klamotten geschenkt. Sie ahnen es: zumeist rosa und mit Rüschen. Jetzt hatten wir wirklich alles und mittlerweile war mir klar, daß Äußerlichkeiten eben Äußerlichkeiten sind. Meine Güte, dann hat sie halt mal Rosa an. Solange wir sie nicht dreimal am Tag umziehen und auch sonst wie ein Püppchen behandeln – egal.
Rakete kam, schrie und wurde gewickelt. Sie trug mal einen grünen Strampler, mal einen gelben und mal einen pinken mit „Hello Kitty” vornedrauf. Nicht nur dem Möhrchenprinz, auch mir war es komplett egal. Wir waren froh, wenn genug Essen im Haus war und das Telefon stillstand.

Rakete war gerade drei geworden, als klar war, daß Risiko ein Junge werden würde. Ich saß wieder hormongesteuert zwischen Klamottenkisten und war schockiert, wieviel ich aussortieren musste. „Musste” weil nicht nur die Gesellschaft irritiert reagiert auf Jungs, die Rosa tragen – sondern weil die Gesellschaft anfängt bei Oma, Opa, Tante, Onkel – und erschreckenderweise auch mir. „Erschreckend”, weil ich mich für emanziert halte. Aber wenn das schon bei Kinderklamotten aufhört?!

Risiko trägt die rosa Strumpfhosen seiner Schwester auf, dabei finde ich nichts (hey, er ist gerade mal ein Jahr alt, im Kindergarten reden wir dann nochmal drüber), auch pinke Ringel in Hose und T-Shirt sind für mich kein Grund zum Aussortieren. Dafür trägt er (jedenfalls solange er seinen eigenen Willen noch nicht artikulieren kann) keine Rüschen, keine Blümchen und kein Glitzer.
Trotzdem muß ich mich schon dafür hin und wieder rechtfertigen („aber das ist doch ein Junge!”)!
Rakete ist jetzt dreieinhalb und Klamotten sind ihr, im Gegensatz zu mancher Kindergartenfreundin (noch?) reichlich egal. Mich freut’s, sie mag die Sachen, die sie hat: wenige Kleidchen, viele „neutrale” Jeans und Shirts/Pullis, von denen ich Risiko nach meinen heutigen Standards auch noch gut die Hälfte anziehen würde (der Rest, leider: verirrte Rüschchen oder Überdosis Rosa). Was er davon dann mag („Hello Kitty”? darf er, mit Handkuß, tausendmal lieber als „Cars”!), werden wir sehen.
Trotzdem (ahnen Sie es?) muß ich mich hin und wieder rechtfertigen für Raketes Bärenmütze, die dunkelblaue Matschhose, den Weltall-Pulli („aber es gibt doch so schöne Sachen für Mädchen!”).

Ich fürchte, das wird alles mit den Jahren nicht einfacher. Auch wenn sich im Vergleich zu vor fünfzig Jahren natürlich schon eine Menge getan hat (demnächst mal: Zitate aus unserem Babybuch von 1966; die Haare werden Ihnen zu Berge stehen!) – die Fronten sind verhärtet. Ich bin froh um Kampagnen wie die von pinkstinks und ich freue mich über jeden kleinen Jungen, der mit lackierten Nägeln in den Kindergarten geht.

„Burschikose” Mädchen sind gesellschaftlich meist noch eher anerkannt als „metrosexuelle” Jungs. Vielleicht ist es schon deshalb ganz gut, daß unser Plan nicht aufging: im besten Falle macht bei uns Rakete im Raketensweater den Weg frei für Risiko in Rosa. Ich gelobe hiermit schonmal hoch und heilig: wenn er will, darf er. Nicht nur die Strumpfhose unter der Jeans.


Selfmade-Mamas (mal wieder eine Tirade)

8.2.2013

Das Internet ist voll von Muttiblogs und ganz, ganz viele davon finde ich ganz, ganz schrecklich. Weil alles rosa ist oder alles hellblau, auf jeden Fall mit Rüschchen und Bärchen und Tierchen und Schneckchen. Weil alles dutzidutzi ist und es immerimmer nur um die Kinder geht. Weil entweder alles immer Sonnenschein ist oder immer überall Wehwehchen und Luxusproblemchen galore. (Das mag der Grund sein, warum ich kaum mehr selbst blogge: erstens rege ich mich so auf über den Rest des Internets und zweitens will ich das nicht genauso machen…)
Und dann gibt es da noch die Blogs der DIY-Mütter, die bei mir immer so supermamimäßig aus dem Monitor springen: Schau, ich kann Cupcakes! Guck, ich kann nähen! Tadaaa, meine Kinder kriegen Brote in Autoform und Lunchboxen zum Niederknien! Vor allem wenn sonst kaum etwas gepostet wird, finde ich diese Blogs ganz besonders schlimm, denn dieses Kreativblankziehen kommt oft genug einfach wie Selbstbeweihräucherung rüber. Einerseits verständlich, wer immer „nur” Kinder betreut, dem fehlt oft genug Bestätigung… andererseits aber fürchte ich, daß die meisten Mamis, die da zwischen Zeilen gegen die Kolleginnen mit weniger Zeit oder zwei linken Händen hetzen (ich lese da oft ein „selbstgemacht ist besser als gekauft, weil: Lieeeebö” raus), gar nicht raffen, daß sie gar nicht für die Gören basteln, sondern fürs eigene Selbstbewusstsein. Ob die Kinder vieler Hobbynäherinnen wirklich so ganz anders rumlaufen wollen als ihre Freunde? (Auch schlimm finde ich diese Blogs, weil die Ideen leider oft wirklich super sind und ich mir eigentlich nicht mehr soviel vornehmen wollte…)

Das Internet muß man nicht lesen, man kann es sogar ausmachen. Ein Segen! Leider gibt es diese Mütter auch in der Wirklichkeit. Da fehlt mir oft die Möglichkeit, einfach das Fenster zu schließen.

[Achtung, wenn Sie auch bei Kreativmuttis Ausschlag bekommen: hören Sie hier auf.]

Heute jedoch haben mir zwei solche Supermuttis sehr große Freude gemacht:

Seit Wochen sprach die Rakete von der Kindergarten-Faschings-Party, wer als was geht und was sie sein will. Das änderte sich jeden Tag: Frosch, Wasserfall, Pipi Langstrumpf? Die Prinzessinnen-Fraktion bearbeitete sie täglich, ich merkte das abends. Es fiel mir schwer, mich nicht einzumischen (Am Ende wohl noch rosa? Mit Rüschen? Mich schüttelt’s!), aber als es zwei Abende nacheinander doch „Hexe” war, da ging ich los, kaufte einen Hexenhut und ein bißchen Tüll (muß ja sein…) und nähte aus Resten das Kleid dazu. Ich verbrachte Stunden vor der Nähmaschine, nähte, trennte wieder auf, machte enger und weiter (Schnittmuster? Wozu? Man ist doch kreativ!), schnibbelte Fransen und ja, ein bißchen Enttäuschung war dabei, wenn die Rakete beim Anprobieren nicht vor Freude ganz in die Luft ging. Das machte mir aber nur klarer: ich mach’ das hier nicht für die Kleine. Ich mach das auch nicht aus Sparsamkeit (ein fertiges Kostüm vom Discounter kostet eher weniger als das Material). Ich mach das für mich. Weil ich mal wieder was „schaffen” will. Wer täglich kaum mehr tut als Windel um Windel wechseln und Aufräumen und Staubsaugen und Aufräumen und Wäschemachen und Aufräumen (…), für den kann Einmal-etwas-Fertig-Haben einen Orgasmus toppen.
Zum Glück wollte die Rakete doch auch heute noch, zur Feier, Hexe sein (ich gebe zu: Steine vom Herzen und so…) Ich brachte sie zum Kindergarten. Da strömten kleine Polizisten herein, jede Menge Prinzessinnen („Ich bin eine Kronen-Hexe!” rief die rosa Raketenfreundin zur Begrüssung), weitere Hexen, Marienkäfer, Teddybären und eine kleine Brigade Feuerwehrmännchen. Alle mit riesigen Augen und vor Aufregung ganz aus dem Häuschen. Ich hatte mal wieder Tränen in den Augen, so rührte mich die Freude der Kleinen. Ich Mutti!
Als ich ging, unterhielten sich vor der Türe noch die gleichen Mütter, die bereits bei unserem Eintreffen jedes Kind bewundert hatten. Ich schnappte ein paar Wortfetzen auf: „Schon schön. Aber ein bißchen schade finde ich schon, daß alle in gekauften Kostümen kommen. Wo bleibt denn da die Phantasie? Muss immer alles so kommerziell sein? Also ich habe außer eurem und Klaas-Konrads noch kein einziges Selbstgemachtes gesehen.”

Ganz meine Meinung eigentlich. Trotzdem: über beide Backen grinse ich nicht deswegen. Sondern weil sie auch die Rakete begrüsst hatten. Ich gehe heute als Rumpelstilzchen: ach wie gut, daß niemand weiß, daß auch ich so eine Kreativmutti bin!
Ganz ehrlich: das macht mich glücklicher als ein „Toll gemacht!”. Weswegen es auch kein Foto gibt. Am Ende heißt es noch, ich würde das nur für Fremdbestätigung machen…
Hoppla, mal wieder Zeit fürs Windelwechseln. Hallo Alltag. (tänzelt ab, singend: „Ach wie gut, daß niemand weiß…”)


Risikos Berufswunsch

9.1.2013

„Na kleiner Mann, was willste denn mal werden?”
entwicklungshelfer
„Entwicklungshelfer!”