Meine Schwäche: Stärken

19.5.2017

Mein fünfjähriger Sohn sitzt morgens verzweifelt vor seinem Schrank: ich habe gesagt, daß es morgens noch zu kalt ist für kurze Hosen. Seine Schwester trägt bei diesem Wetter Leggins unterm Rock und zieht sie mittags aus.
Ich verstehe seinen Neid, schlage ihm dieselbe Lösung mit kurzer Hose drüber vor, google dazu Bilder von Fußballern mit Leggings unter der Short, er seufzt enttäuscht: „Mama, das ist schon eine gute Idee, aber die Jungs im Kindergarten lachen mich aus.”

Lalala, mein Kind, Du darfst alles was Du willst, solange das niemandem wehtut. Tideldum, mein Schatz, das kannst Du allen sagen. Tralala, mach was du willst und kümmere dich nicht darum, was Paul oder Marc oder Trevor sagen. Lalala.

Rakete geht in die zweite Klasse und manchmal erwähnt sie beim Abendessen irgendeine Situation aus Schule oder Hort – wer wen geärgert hat und wie gemein sie das fand. Ich bin heilfroh, daß sie sich selbst scheinbar gut raushalten kann (kann sie doch, oder?), aber ich wünschte, sie und ihre Klasse hätten andere Probleme. „Lenas Vater hat ihr heute so viel Pausebrot mitgegeben, daß wir es nichtmal zu viert geschafft haben”, sowas in der Art. Hallelujah, was würde ich für ein Loblied singen! Stattdessen bleiben Kinder ohne Pausenbrot und Hausaufgaben die Regel und die Sozialpädagogin, die u.a. wegen eines gemobbten Kindes eingeschaltet wurde, sagt: „Die Klasse ist schwierig, es gibt einige ‚Problemfälle’. Daran können Sie nichts ändern. Aber Sie können Ihre Kinder stärken.”

Lalala, mein Kind, du machst das alles super. Stärk, stärk, stärk! Du hältst dich raus und ärgerst andere nicht. Brumsebim, mein Schatz, was bin ich stolz auf dich. Ich verstehe, tideldum, wie doof du andere findest, die sich nicht an die Regeln halten. Lalala, bitte halt du dich trotzdem weiter dran, auch wenn’s dir scheint, als wärst du die einzige.

Es ist Freitagabend, Rakete wünscht sich „eeeeendlich mal wieder!” Nagellack. Ich hole das Sortiment und das Mikroskop (Scherz.) und lege los. Risiko sitzt dabei und möchte auch. Er sucht sich eine Farbe aus (rot) und noch beim Lackieren sagt er: „Am Sonntagabend machen wir das aber wieder ab. Im Kindergarten will ich das nicht tragen, da sagen die Jungs wieder was. Die Mädchen finden’s aber toll.”

Lalala, mein Kind, hör doch nicht auf die anderen bei so einem Quark. Geschmi-, Geschmo-, Geschmack ist ein Persönlichkeitsrecht. Frag Torben doch mal, warum er Glitzer nicht mag – das ist ja wohl nicht normal, holladio.

Rakete sortiert T-Shirts aus, die sie nicht mehr tragen will. Einige gefallen ihr zwar, aber „die anderen sagen, die sind für Jungs” und sie hat keine Lust auf Diskussion. Andere fallen durch, weil „Sina sagt, Streifen machen dick”.

Lalala, mein Kind, ich finde dich wunderschön, schon immer. Tideldum, wir werden dich immer liebhaben, egal was du anstellen wirst oder wie du aussiehst. Selbst wenn du dick wärst – was du nicht bist, zefixnocheins und auch mit 5 Kilo mehr noch lange nicht wärst – würde das nichts an deiner Schönheit ändern. Stärk, stärk, stärk: wichtig ist bei Menschen nicht das Außen, sondern das Innen. Brumsebim, Nettsein ist wertvoller als Schönsein.

Ach, was stärke ich meine Kinder. Tagein, tagaus. Neben all den anderen „Kleinigkeiten” wie Versorgung, Klamotten, Erziehung singe ich ständig dasselbe Lied, tralala. Ich höre ihnen zu, erkläre Ihnen die Welt und dass nicht immer alles nach Plan läuft. Dass man manche Dinge aushalten muss, dass das wichtigste ist: fair sein, niemandem wehtun. Und DU BIST RICHTIG WIE DU BIST. TIDELDUM, ZEFIX NOCH MAL!
Und eigentlich wäre das ja gar nicht weiter schlimm. Ist eben mein Job als Elter. Brötchen verdienen, Brote schmieren, Klamotten besorgen, putzen, meckern, waschen – und stärken.

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir aber auf: es nervt mich unendlich! Und nerven tut diesmal nicht einmal das ewig gleiche Lied (obwohl gerade das ewig gleiche Lied nerven sollte, aber das ist ja eines der Eltern-Paradoxa: das ewiggleiche Lied ist ja eigentlich das, woran man sich am besten gewöhnt hat seit dem Moment, in dem Kinder ins Leben traten, aber hallo), nein, es nervt, dass Stärken das einzige ist, was ich wirklich tun kann. An den Umständen nämlich kann ich nichts ändern. Sicher, ich kann das Genderding mit den Kindergärtnerinnen besprechen (um zu hören „Kinder sind halt so, das ist Psychologie”). Ich kann wegen des Klassenklimas wöchentlich zu Lehrerin oder Rektorin marschieren. Ich kann versuchen, anderen Kindern auf dem Spielplatz zu erklären, dass Kinder Kinder sind und es keine Spiele/Klamotten/Frisuren für Mädchen oder Jungs gibt. (Und ich weiß, daß das auch Kinder von Müttern machen, die das ganz genauso sehen wie ich! Jungs, die letztes Jahr noch selbst Nagellack liebten! Und ich höre das ewiggleiche Lied „Kinder sind halt so, das ist Psychologie…”)
All das kann ich – ich will das aber nicht, verkackte Axt nochmal! Ich will, dass ich das nicht zum Thema machen muss, weil es einfach gar kein Thema sein sollte. Ich will nicht, daß mir am Ende des Tages immer nur das Stärken bleibt.

Denn ganz ehrlich: das ganze Kinder-Stärken frisst ganz schön Kraft. Und wer stärkt eigentlich mich?
Ich hoffe sehr, daß die beiden Dosen erstmal reichen übers Wochenende. Zschhhhh!


Kleinigkeiten

5.4.2017

Vor ein paar Wochen, Faschingstreiben in der Stadt, die Kinder spielen beim Spielmobil, ich sitze auf einer großen Treppe am Rand des Platzes, wie abgemacht. Irgendwann kommt eine fremde Frau mit meinem weinenden Sohn an der Hand auf mich zu. Sie lacht lauthals: „Ich habe ihn gefragt, wie seine Mama aussieht. Er sagte, sie hat heute eine große schwarze Sonnenbrille auf.”
Daß ich gleichzeitig aussah wie der Depp Hase vom Dienst, hatte Risiko wohl vergessen. Oder es fällt ihm schon nicht mehr auf.

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Und dann war da noch die Glasscherbe, in die Risiko letztens zuhause getreten war. Er zeigte sie mir, ich hatte ein instantschlechtes Gewissen (schlecht gesaugt!), ich ließ mir den Fuß zeigen, zog den Socken aus, konnte nichts finden.
Als der Kleine im Bett war, sah ich die Blutflecken in der gesamten Wohnung. Nach dem Putzen zog ich die Socken aus der Wäsche: einer hatte ein ziemlich großes Loch in der Sohle und war drumherum sehr blutig. Tsunamiesk begrub mich das schlechte Gewissen unter sich: was bin ich für eine schlechte Mutter, die so eine Wunde übersieht?!
Einige Zeit später fiel mir zu meiner Entlastung wenigstens ein: der Kerl hatte mir den falschen Fuß gezeigt.

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Und dann hat noch die alte Plastikspiralenbindemaschine, die ich dereinst einmal bei einer Firmenauflösung mitgenommen hatte, endlich ihre Bestimmung gefunden: Jetzt können die Kinder beim Spielen draußen professionell auf die Spielstraße (in der wir wohnen) hinweisen.
Jedenfalls, wenn einer anhält…


Fünferfetzen

4.2.2017

Risiko ist jetzt fünf und natürlich stolz wie Bolle. Es gab eine Party und jede Menge Geschenke – Playmobil, Lego, Kartenspiele. Glücklich lag er abends im Bett und ließ den Tag Revue passieren. „Und, was war das schönste Geschenk?” Wie aus der Pistole geschossen kam: „Der Tesafilm!”.
Es ist nicht unser erstes Kind, das mit einem eigenen Tischspender und ein paar Rollen Vorrat so glücklich ist. Wenn Sie also ein Geschenk für ein Kind in diesem Alter brauchen, denken Sie an diesen Tip.

Ach, und: Sollten Sie demnächst einen kleinen Jungen mit einem Tritthocker in der Hand alleine auf der Straße sehen: könnte sein, daß er nur alleine einkaufen gehen möchte. Den Hocker braucht er halt, um danach wieder zuhause klingeln zu können.


Wieviel Arbeit ist der Elternalltag?

2.2.2017

Vermutlich die echte Grippe hat mich zehn Tage komplett ausfallen lassen – ich lag fiebrig im Bett, wollte nix essen, meine Konzentration war komplett damit erschöpft, die schmerzstillenden Medikamente rechtzeitig zu nehmen. Ich habe jetzt auch keine große Pflege gebraucht, ich war einfach irgendwie nicht da. Zehn volle Tage.

In diesen zehn Tagen war mein Mann quasi alleinerziehend*, hat alles ohne mich gemacht (und ja, selbstverständlich selbstverständlich!): Kinder wecken, rechtzeitig in Schule schicken/Kindergarten bringen, Kinder wieder in Empfang nehmen, Essen machen, ins Bett bringen. Dazu noch jedes Kind einmal zum Turnen bringen/schicken, eine Musikstunde, und als Bonus war noch ein Kindergeburtstag abzufeiern (für den ich aber schon alles vorbereitet hatte). Beide Kinder sind übrigens von 8-16 Uhr „fremdbetreut” – man sollte also meinen, die Familienzeit ist schon weitestgehend minimiert…

Normalerweise teilen wir diese Aufgaben (irgendwie, jedenfalls bleibt normalerweise nicht alles an einem hängen). Und der Mann ist wirklich kein Jammerer, er schafft meist locker mehr als ich, bevor er sich etwas anmerken lässt. Das nur zum Unterstreichen dieser Aussage auf meine Frage, wie er diese Woche so fand:
„Das kann man schon alles alleine schaffen. Man kann halt nicht voll arbeiten. Und darf ausser der Küche nix aufräumen wollen.”

Dieser Satz beruhigt mich auf eine bestimmte Weise sehr. Ich glaube nämlich meist, ich müsse nebenher viel mehr schaffen, müsste eine noch bessere Mutter sein, müsste geduldiger sein und die Wohnung sauberer, vom Job fange ich gar nicht erst an. Dieser Satz meines Mannes zeigt mir: dieses Elternleben, der pure Alltag, ist verdammt viel Arbeit. Auch zu zweit. Und, hell yeah, er zeigt auch: mein Mann erkennt das, auch an. Dafür müsste ich ihn schon hochleben lassen, wenn ich mir da andere Beziehungen so ansehe.

*Am Schluß kommt trotzdem keine Lösung. Nur die Erkenntnis: zu zweit ist das viel eher machbar. Mein allergrößter Respekt für echte Alleinerziehende!


Last-Minute-Kostüm für Faule

15.1.2017

Aus der Reihe „Au weia, schon wieder Fasching/Halloween/Verkleidungsgeburtstag?!” (weitere Folgen hier oder hier) heute: Supermännchen.

Man nehme:
1 Strumpfhose
1 Unterhose für drüber (der Bagger drauf stört gar nicht, sagt Supermännchen)
1 Umhang (hier aus einem alten Fakeseidenschal)
1 T-Shirt mit Logo (hier: Schlafanzugoberteil), notfalls eines aufkleben/aufmalen/hinzaubern
Rote Socken machen es noch echter – nicht im Bild.

Zurücklehnen. Fertig.

(Rote STOPPERSocken. Sonst Pflaster bereithalten – der Umhang muss ja fliegen.)


alt bleibt alt, da helfen keine neuen Jahre

3.1.2017

Zwei Anhalter Anfang Zwanzig mitgenommen. Wir haben sie gewarnt: bei uns laufen aber Kinderhörspiele! Die Kälte liess sie dennoch einsteigen. Sie haben die Drohung nicht als solche erkannt.

Kurzer Smalltalk, woher, wohin, früher war mehr Anhalterei… gemerkt: woher sollen die das wissen? Dann meine Anekdote von früher (als ich mit 30 – DREISSIG! vor über 10 Jahren!- mal einen amerikanischen Anhalter mitnahm, der mich allen Ernstes fragte „have you been hitchhiking when you were YOUNG?”) und daß man sich übrigens immer jung fühlen kann, kam nicht an.
Immerhin versuchten sie Ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen: ihre Nachbarn seien ja noch älter als wir, und die trampten oft, im Urlaub. Danke, Jungs!
Aber eines müssten sie ja sagen: man lerne wirklich viele verschiedene Leute kennen beim Trampen – aber jemand mit Kindern habe sie ja noch nie mitgenommen. Das sei wirklich eine Premiere! Interessant: sie schoben es auf Angst, die alle Eltern ja grundsätzlich hätten. Wir auf den fehlenden Platz – denn eher wenige Familien haben ja noch eine zweite Rückbank. (Über diese Frage könnte man bei Gelegenheit mal ein bißchen nachdenken: haben alle Eltern Angst? – merken!)
Dann verstummte das Gespräch, laute Autobahn, zu langer Weg für viele Worte. Vermutlich war auch „Bibi und Tina” eine Premiere für die beiden.

Höflich verabschiedeten sie sich von allen, als wir sie an einem Rastplatz wieder rausliessen. Ich hoffe sehr, wir haben sie nicht zu arg geschockt und sie halten uns als strange Anekdote in Erinnerung. Eines Tages vielleicht haben sie selbst Kinder und dann wissen sie: man kann mal cool gewesen sein. Aber Bibi kommt trotzdem.


Ein historischer Tag: der 13.10.2016

14.10.2016

Rakete geht in die zweite Klasse der örtlichen öffentlichen Grundschule, das Thema gab es hier schon oft.

Euphemistisch könnte man das Klassengefüge „kulturell vielfältig” nennen, aber eigentlich ist da wenig Vielfalt. „Melting pot” heißt es so schön auf englisch – in dieser Klasse wird der Topf beherrscht von lauten, wilden, rabiaten Kindern. Erpressungen (um Geld, Süßigkeiten, Freundschaft, unter Jungs auch um körperliche Unversehrtheit) sind an der Tagesordnung. Manche Jungs pinkeln in der Öffentlichkeit auf andere – nicht nur im Wortsinne. Manche Mädchen spielen mit anderen fiese Psychospielchen.

Gestern nun, am 13.10.2016, kam auch meine Tochter mit einem Eintrag im Hausaufgabenheft nachhause, die Eltern sollen die Kenntnisnahme mit Unterschrift quittieren und geloben, mit dem Kind zu sprechen.

Jetzt also ist auch unser Kind ein Problemkind: Rakete hat im Unterricht heimlich Süßigkeiten gegessen!

Ich habe mit ihr gesprochen („Das passiert zum ersten Mal, da muss ich nicht groß schimpfen. Du weisst ja selbst, daß das nicht erlaubt ist. Blöd finde ich nur, daß Du es mir nicht selbst gesagt hast, daß etwas im Hausaufgabenheft steht.”) und habe unterschrieben.

Und heute morgen habe ich ihr zum ersten Mal ein Kaubonbon in die Pausenbox gepackt.


Total normal. Oder?

4.8.2016

Ich hatte es schon mehrfach erwähnt: wir wohnen nicht in einem Einfamilienhaus im Speckgürtel, wir wohnen zentrumsnah in einem Viertel, das als Multikulti gilt, als Künstler- und neuerdings auch Hipster-Stadtteil. Das linke Stadtteilzentrum spricht seit Jahren von Gentrifizierung, tatsächlich wuchsen in den letzten Jahren ein paar überteuerte Edelstadthäuser aus dem siffigen Boden.
Der Rest aber sieht aus wie Berlin-Mitte in den Neunzigern: Altbauten, Graffittis, Eckkneipen, internationale Spezialitäten und Szeneläden. Wir leben hier schon länger als der aktuelle Boom und wir leben hier gerne. Wir leben in der Wohnung, in der vorher des Möhrchenprinzen Oma ihr Leben verbrachte. Und bisher hatten wir keinen Zweifel, daß wir hier hergehören. Bisher.

Bisher dachte ich auch, wir wären total normal. Durchschnitt. Mama, Papa, zwei Kinder. Wunschkinder. Zwei Jobs, das Geld reicht fürs Leben und zwei, drei Wochen Urlaub (Autofahrt, einfache Ferienwohnung) im Jahr. Der Kinderkram ist meist Secondhand. Was wir wirklich brauchen, können wir auch finanzieren, aber z.B. ein Mittelklasseneuwagen oder sechs Wochen Thailand (was halt so für andere normal ist…) wären nicht so ohne weiteres drin.
Mit unseren Kindern gehen wir raus (Spielplatz, fahrrad-, rollschulfahren…) oder basteln und spielen mit Ihnen (wenn sie sich nicht gerade alleine beschäftigen). Ab und zu gibt’s Sandmännchen oder Die Sendung mit der Maus im Fernsehen. Wir beantworten Fragen, erklären die Welt, lesen Bücher vor und jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte.
Ich finde, so sollte NORMAL sein. Nicht weil alle sein sollten wie wir, sondern weil ich fest daran glaube, daß Kinder so die beste Möglichkeit haben, zu denkenden und fühlenden Menschen zu werden. Zu einem tragenden Teil der Gesellschaft.

Mindestens unsere finanzielle Situation ist in unserem Stadtteil leider nicht normal. Und das Verständnis von Erziehung offensichtlich auch nicht… (erschwerend kommt hinzu, daß dann auch noch viele Kinder nicht ausreichend Deutsch können – trotz umfassender Sprachförderung in den örtlichen Kindergärten. Offensichtlich werden diese häufig nicht einmal regelmässig besucht, wie die Erfahrungen der Grundschullehrerinnen belegen…)

Das wurde mir im letzten Jahr – Raketes erstem Grundschuljahr – schmerzhaft klar: Wir sind nicht normal. Wir sind nicht Durchschnitt. Wir sind Aussenseiter. Und damit komme ich nicht recht klar.

(Klar gibt es in unserem Umfeld auch Familien, die so ticken wie wir, die ähnliche Werte haben. Das wissen wir. Einige davon kennen wir ja. Ich nenne diese Familien jetzt einfach mal Fww (Familien wie wir). Die haben z.T. auch „Migrationshintergrund”, sprechen aber (auch) deutsch. Aber die meisten davon kennen wir aus dem Kindergarten, der da sehr homogen zusammengesetzt ist. In der Schule gehen die zahlenmässig unter.)

Rakete geht nach der Schule in einen Hort, in dem von 50 Kindern bisher 3 aus „Familien wie uns” kommen. Sie fühlt sich wohl dort, ich habe ein gutes Gefühl bei dem dort arbeitenden Team, manche Kinder sind in meinen Augen krass (aggressiv, laut, unsozial), aber was sollen wir da tun? Die Alternative ist einen Job aufgeben… solange Rakete dort also gerne hingeht, lassen wir alles wie es ist (und denken, wir können sie ja eh nicht ewig beschützen vor der Welt).

Und dann kommt so ein Gespräch beim Abendessen:

Risiko: „Wir sind im Kindergarten eine echte Wehtu-Gruppe. Dauernd tut sich einer weh.”
Rakete: „Nee, der Hort ist eine echte Wehtu-Gruppe. Da tun sich alle gegenseitig weh.”
Ich: „Dir auch?”
Rakete: „Nee, nur die Jungs. Halt, stimmt nicht, auch Mädchen hauen. Aber ich mach da nicht mit. Aber stell Dir vor, wenn ich so mache”, sie hebt die Hand, „dann rennen manche gleich weg! Obwohl ich ja gar nicht schlagen will, sondern zum Beispiel so…” Sie macht mit dem Arm eine Windmühle. Ihr Blick ist ratlos. Sie versteht das nicht.
Ich versuche zu erklären: „Weißt Du, vielleicht gibt es Kinder in Deinem Hort, für die ist eine erhobene Hand das Zeichen, daß sie gleich geschlagen werden. Es gibt nämlich zum Beispiel auch Eltern, die ihre Kinder schlagen…” Ich fürchte, Sie zu erschrecken. Kann sie sich das vorstellen?
Ich erwarte Unglauben, aber vollkommen cool antwortet sie: „Weiß ich. Zum Beispiel die Mama von der Shayleen aus der dritten Klasse. Da hat die Shayleen mal einen Fünfer gehabt, da haben die im Hort ihren Papa angerufen, daß der sie abholt, damit die Mama sie nicht wieder haut.”

Ich bin schockierter als ich sie erwartet hatte. Wenn das für Rakete schon normal ist, was bekommt sie sonst so mit? Und redet sie mit uns darüber deswegen nicht, weil es für sie eben normal ist? Da isses wieder, das Wort: NORMAL.

„Rakete, das finde ich aber ganz schön schlimm! Du weißt, daß Shayleens Mama das nicht darf, oder? Und daß wir das nie machen werden!”

Sie nickt. „Dafür haben wir halt keine Playstation.”

Und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.


1.Klasse, Bayern: null Punkte.

9.5.2016

1. Klasse Bayern Wenn Rakete die Schule schaffen soll, müssen wir wohl ins Rheinland ziehen – da gäbe es hierfür sicher Punkte. Muahahaaaa.


Integration am Arsch – so sieht die Schulsituation im Vorzeigemultikultiviertel aus

11.4.2016

Ich habe unsere Kanzlerin nicht gewählt, aber in den letzten Monaten war ich trotzdem stolz auf sie, auf Ihre Menschlichkeit, auf diesen Optimismus: „Wir schaffen das!”
Allein, ich kann es nicht recht glauben. Denn Integration im eigentlichen Wortsinne (nämlich Aufnehmen statt Mitnehmen, Miteinander statt Nebeneinander) haben wir bislang schon kaum geschafft – das sehe ich täglich in meiner Umgebung.

Wir wohnen in einem sogenannten „Multikulti”-Viertel – die Statistik zeigt (2010) etwa 40% Ausländer und 20% Deutsche mit Migrationshintergrund. Bleiben 40% Deutsche, zu denen wir zählen. Ach, sagen wir einfach einmal, um von dieser leidigen Nationalitätsdebatte wegzukommen: deutsche Muttersprachler. Denn wenn man sich von beliebigen „Deutschen” mal die Stammbäume ansähe: irgendein Migrationshintergrund ist da immer irgendwo. Bei Muttersprachlern halt nur mindestens zwei Generationen zurück.

In der ersten Klasse unserer Tochter sieht das Verhältnis allerdings dramatisch anders aus: hier sind von 22 Kindern 5 ohne direkten Migrationshintergrund. Und ganze 3 (von den Eltern aus den Elternabenden zu schließen – es waren nicht alle da) aus „Familien wie uns”, so nenne ich jetzt einfach mal Familien, die ähnlich ticken wie wir, was Erziehung/Bildung/Freizeitgestaltung/Lebensweise/Werte angeht – das heisst noch nicht, daß wir befreundet sein müssten (und auch nicht, daß „Familien wie wir” keinen Migrationshintergrund haben müssen). Ungefähr die Hälfte der bei den Elternabenden anwesenden Eltern konnte nicht gut genug Deutsch, um der Lehrerin zu folgen. Es gab durchaus mehrere Elternabende – wenn Eltern zu keinem kommen, bedeutet das m.E. schon ein gewisses Desinteresse.
Im Laufe des Schuljahres kam noch ein Flüchtlingskind komplett ohne Deutschkenntnisse dazu. „Willkommensklassen” für erste Sprachintegration sind überfüllt, jetzt wird direkt integriert, was das Kraut auch nicht mehr fett macht die Gesamtituation wohl tatsächlich nur minimal verändert. Vermutlich hat das in Raketes Klasse sogar ein Steinchen ins Rollen gebracht, da ausgerechnet der schlimmste Rowdy der einzige ist, der Arabisch kann und damit das Helfen lernt. (Ich weiß, es ist schwer zu folgen, wenn ich dauernd einschiebe, aber: ich weiß von einer Grundschule im Villenviertel, welche Aufregung es gab, als drei Flüchtlingskinder – für die gesamte Grundschule – zugeteilt wurden! Im Speckgürtel Nürnbergs protestiert der komplette CSU-Ortsverband mit dem halben Vorort gegen eine zu eröffnende 40-Mann-Flüchtlingsunterkunft – während in Multikultivierteln wie der Südstadt und Gostenhof hunderte untergebracht werden ohne vorhergehende Anwohnerinformationen – denn auch hier gilt wohl: die kennen das, die können das, und wir hier oben bleiben schön unter uns. )

Im Hort sieht die Quote noch schlimmer aus – hier sind von 50 Kindern meines Wissens 3 muttersprachlich deutsche Kinder*. Ich kenne nicht alle, also verdoppeln wir mal großzügig auf 6. Das ist lächerlich wenig! Die ErzieherInnen machen einen Superjob, ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Die Kinder sprechen weitestgehend fließend deutsch (wenn auch z.T. in einem Tonfall, den ich meiner Tochter gerne vorenthalten hätte. Kein Grinsesmiley.), auch wenn ihre Eltern das nicht tun. Im Hort lernen sie die Regeln sozialen Umgangs und eine Menge mehr. Zum Beispiel ist die deutschsprachige Hausaufgabenbetreuung Gold wert, wenn ich einer afrikanischstämmigen Mutter glauben darf, die mir in astreinem Deutsch erklärte, sie könne ihrem Sohn da nicht helfen, ihr Deutsch sei zu schlecht. Ich bin mir sicher, ich darf ihr glauben – ohne Hort hätten diese Kinder noch eine Chance weniger.
Unlängst war Rakete bei einer Hortfreundin zum Geburtstag eingeladen. Als einzige Deutsche unter 15 Kindern. Die Mutter des Geburtstagskindes konnte kein Deutsch. Das Geburtstagskind kümmerte sich zwar um Rakete, aber ich musste danach noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sie je wieder auf eine Party geht… Hätte ich das vorher gewusst – hätte ich sie auch hingeschickt? Ich bin mir nicht sicher. Immerhin hätte ich ihr nicht nahegelegt, lieber gleich zuhause zu bleiben…
Auf einem Elternabend klagte mir eine italienische Mutter ihr Leid: die Lehrerin hätte ihr empfohlen, ihre Tochter solle doch, um die Sprache zu verbessern, auch mit deutschen Kindern spielen. Ihre Antwort: „Aber wir kennen keine!”

Ist das Integration? Wohl kaum. Das ist Ghettoisierung, ob gewollt oder zufällig.

An einen Zufall allerdings glaube ich nicht. Ich sehe doch die Familien wie uns auf der Straße, auf dem Spielplatz, im Bioladen. Wir sind hier nicht so allein wie in der Grundschule. Woran also liegt’s?

Meine persönliche Meinung: Öffentliche Schulen sind für „Familien wie uns” unattraktiv. Wer es kann/schafft/sich leisten kann, versucht seine Kinder auf eine private Schule zu schicken (z.B. Montessori/Waldorf/Jenaplan/kirchlich). (Zugegeben: den Versuch haben wir auch gemacht. Ich hab’s halt versaut. Ja, für mich ist das eine persönliche Niederlage. Ob es für meine Tochter tatsächlich ein Nachteil sein wird, müssen wir beobachten. Im Moment sehe ich die Sache leider eher düster.)
Und dafür gibt’s z.B. folgende Gründe:

1. Die Bildungsqualität. Da hat man in der Privatschule mehr Einfluß, mehr Transparenz, mehr Sicherheit.

2. Möglicherweise spielt auch für die ein oder andere Familie auch eine Rolle: die Abwesenheit (oder wenigstens deutlich reduzierte Anwesenheit) von sozial schwachen, bildungsfernen, migrationsbehafteten Schichten. Klingt hart? Ist aber so. Privatschulen können schön mit integrativen Konzepten voller Toleranz, Rücksicht und Miteinander werben – tolerant innerhalb der weißen, gutsituierten Mittel- und Oberschicht. Da dürfen dann auch ruhig ein paar Behinderte körperlich herausgeforderte dabei sein. („Wir schaffen das”, sagen die da oben und sind stolz auf ihre Streitschlichter-AG, während sie ausblenden, dass die Integration der Migranten eine Handvoll Deutsche versucht zu stemmen. Hallo Polemik, Du hast mir noch gefehlt.)

3. Die öffentliche Hortsituation ist desaströs. Im Februar ist Hortanmeldung, die wenigsten „Familien wie wir”, die wir kennen, hatten vor Juli eine Hortzusage. Wenn überhaupt! Da ist eine Privatschule mit integrierter Mittagsbetreuung einfach die sicherere Bank, wenn man nicht ab September seinen Job aufgeben will.
Die Stadt Nürnberg regelt bei der Hortanmeldung mittels eines Punktesystems die Reihenfolge der Platzvergabe: es gibt je einen Punkt für Wohnen im Sprengel, Erstklässler, beide Eltern arbeiten. Und z.B.: Ergotherapie nötig, Logopädie nötig, Sprachförderung deutsch nötig, Migrationshintergrund (hier ist es egal, ob der Elternteil mit Migrationshintergrund perfekt deutsch spricht), schwierige Familienverhältnisse, soziale/finanzielle Benachteiligung, soziale Auffälligkeiten…
Das bedeutet: ein Kind mit Migrationshintergrund, das bestenfalls im Kindergarten ein wenig deutsch gelernt hat (für die städtischen Kindergärten gilt ein ähnliches Vergabesystem, d.h. bereits hier sind die Quoten der deutschen Muttersprachler im einstelligen Prozentbereich!), im Sprengel wohnend und in die erste Klasse kommend, bekommt einen Hortplatz, während Familien wie uns ein Pünktchen fehlt.
(* Die 3 Kinder ohne Migrationshintergrund in Raketes Hort sind nur mit Glück, Nachdruck und Hartnäckigkeit hineingerutscht…)
Das wäre m.E. dann in Ordnung und gerecht, wenn es für die anderen Kinder ebenfalls eine Betreuung gäbe, aber so ist es eben nicht. So bleiben derzeit in diesem Teil Gostenhofs die Kinder mit Migrationshintergrund und sozialen Benachteiligungen unter sich – und die Eltern der anderen suchen eine andere Lösung, kündigen einen Job oder ziehen weg.
Ich halte die Arbeit, die in den Horten geleistet wird, für immens wichtig – hier werden den Kindern Werte vermittelt und Freizeitmöglichkeiten angeboten, die sie zuhause nicht haben. Hier wird ein Samenkorn gelegt, das es Kindern ermöglichen kann, aus der Parallelgesellschaft zuhause auszubrechen.
Aber es müsste einfach genügend Plätze geben, um allen Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam zu lernen und zu leben! Hier komme ich auf die italienische Mamma zurück: von wem könnten Kinder besser deutsch lernen als von ihren Spielkameraden? Hier im Hort werden Ghettos geschaffen. Jedenfalls in unserer Grundschule bestimmt die Hortaufteilung auch die Klassenverteilung. Im Nachbarsprengel gibt es mehr Horte und die Verteilung ist weitaus gesünder, obwohl sich der Stadtteil gesamt nicht unterscheidet.

Drei Gründe. Ich könnte noch mehr finden.
Der letzte ist politisch und möglicherweise gewollt. Die ersten beiden sind gesellschaftlich.

ÄNDERN MÜSSEN WIR ALLE!

Jede Familie, die sich für eine private Lösung entscheidet, verschlimmert die Situation an der Regelschule. Das halte ich gesamtgesellschaftlich nicht nur für ungesund – sondern eigentlich für höchst asozial.

Ich wünschte ich hätte eine Lösung. Ich wünschte, ich könnte Frau Merkel und den Rest der Republik erreichen (im Sinne von „sie kapieren lassen”), wenn ich sage: Klar schaffen wir das – aber nur ZUSAMMEN!

So lange aber halte ich mich an den Worten einer anderen „Mutter wie mir” fest, die mir letztens begeistert erzählte, sie halte die Einschulung an der Sprengelschule trotz aller kulturellen wie sozialen Herausforderungen für die einzig richtige: „Da lernt mein Sohn das echte Leben. Er sieht, wie es in anderen Familien zugeht, was andere für Probleme haben. Und zuhause zeigen wir ihm, wie er damit umgehen kann. Wir stärken ihm das Rückgrat, das er da draussen eh braucht.”
Schule und Hort sind nur Teile des Alltags unserer Tochter. Den Hauptteil leisten wir.
Ich muss es einfach schaffen, mir über die anderen beiden weniger Sorgen zu machen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Tschakka, ich schaffe das! Und den Rest, zusammen schaffen wir ihn auch.

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weitere Artikel zum Thema:
Gedanken zur Einschulung, Teil 1 und 2
Zweiklassen-Bildung


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