Wieviel Arbeit ist der Elternalltag?

2.2.2017

Vermutlich die echte Grippe hat mich zehn Tage komplett ausfallen lassen – ich lag fiebrig im Bett, wollte nix essen, meine Konzentration war komplett damit erschöpft, die schmerzstillenden Medikamente rechtzeitig zu nehmen. Ich habe jetzt auch keine große Pflege gebraucht, ich war einfach irgendwie nicht da. Zehn volle Tage.

In diesen zehn Tagen war mein Mann quasi alleinerziehend*, hat alles ohne mich gemacht (und ja, selbstverständlich selbstverständlich!): Kinder wecken, rechtzeitig in Schule schicken/Kindergarten bringen, Kinder wieder in Empfang nehmen, Essen machen, ins Bett bringen. Dazu noch jedes Kind einmal zum Turnen bringen/schicken, eine Musikstunde, und als Bonus war noch ein Kindergeburtstag abzufeiern (für den ich aber schon alles vorbereitet hatte). Beide Kinder sind übrigens von 8-16 Uhr „fremdbetreut” – man sollte also meinen, die Familienzeit ist schon weitestgehend minimiert…

Normalerweise teilen wir diese Aufgaben (irgendwie, jedenfalls bleibt normalerweise nicht alles an einem hängen). Und der Mann ist wirklich kein Jammerer, er schafft meist locker mehr als ich, bevor er sich etwas anmerken lässt. Das nur zum Unterstreichen dieser Aussage auf meine Frage, wie er diese Woche so fand:
„Das kann man schon alles alleine schaffen. Man kann halt nicht voll arbeiten. Und darf ausser der Küche nix aufräumen wollen.”

Dieser Satz beruhigt mich auf eine bestimmte Weise sehr. Ich glaube nämlich meist, ich müsse nebenher viel mehr schaffen, müsste eine noch bessere Mutter sein, müsste geduldiger sein und die Wohnung sauberer, vom Job fange ich gar nicht erst an. Dieser Satz meines Mannes zeigt mir: dieses Elternleben, der pure Alltag, ist verdammt viel Arbeit. Auch zu zweit. Und, hell yeah, er zeigt auch: mein Mann erkennt das, auch an. Dafür müsste ich ihn schon hochleben lassen, wenn ich mir da andere Beziehungen so ansehe.

*Am Schluß kommt trotzdem keine Lösung. Nur die Erkenntnis: zu zweit ist das viel eher machbar. Mein allergrößter Respekt für echte Alleinerziehende!


Ein historischer Tag: der 13.10.2016

14.10.2016

Rakete geht in die zweite Klasse der örtlichen öffentlichen Grundschule, das Thema gab es hier schon oft.

Euphemistisch könnte man das Klassengefüge „kulturell vielfältig” nennen, aber eigentlich ist da wenig Vielfalt. „Melting pot” heißt es so schön auf englisch – in dieser Klasse wird der Topf beherrscht von lauten, wilden, rabiaten Kindern. Erpressungen (um Geld, Süßigkeiten, Freundschaft, unter Jungs auch um körperliche Unversehrtheit) sind an der Tagesordnung. Manche Jungs pinkeln in der Öffentlichkeit auf andere – nicht nur im Wortsinne. Manche Mädchen spielen mit anderen fiese Psychospielchen.

Gestern nun, am 13.10.2016, kam auch meine Tochter mit einem Eintrag im Hausaufgabenheft nachhause, die Eltern sollen die Kenntnisnahme mit Unterschrift quittieren und geloben, mit dem Kind zu sprechen.

Jetzt also ist auch unser Kind ein Problemkind: Rakete hat im Unterricht heimlich Süßigkeiten gegessen!

Ich habe mit ihr gesprochen („Das passiert zum ersten Mal, da muss ich nicht groß schimpfen. Du weisst ja selbst, daß das nicht erlaubt ist. Blöd finde ich nur, daß Du es mir nicht selbst gesagt hast, daß etwas im Hausaufgabenheft steht.”) und habe unterschrieben.

Und heute morgen habe ich ihr zum ersten Mal ein Kaubonbon in die Pausenbox gepackt.


Total normal. Oder?

4.8.2016

Ich hatte es schon mehrfach erwähnt: wir wohnen nicht in einem Einfamilienhaus im Speckgürtel, wir wohnen zentrumsnah in einem Viertel, das als Multikulti gilt, als Künstler- und neuerdings auch Hipster-Stadtteil. Das linke Stadtteilzentrum spricht seit Jahren von Gentrifizierung, tatsächlich wuchsen in den letzten Jahren ein paar überteuerte Edelstadthäuser aus dem siffigen Boden.
Der Rest aber sieht aus wie Berlin-Mitte in den Neunzigern: Altbauten, Graffittis, Eckkneipen, internationale Spezialitäten und Szeneläden. Wir leben hier schon länger als der aktuelle Boom und wir leben hier gerne. Wir leben in der Wohnung, in der vorher des Möhrchenprinzen Oma ihr Leben verbrachte. Und bisher hatten wir keinen Zweifel, daß wir hier hergehören. Bisher.

Bisher dachte ich auch, wir wären total normal. Durchschnitt. Mama, Papa, zwei Kinder. Wunschkinder. Zwei Jobs, das Geld reicht fürs Leben und zwei, drei Wochen Urlaub (Autofahrt, einfache Ferienwohnung) im Jahr. Der Kinderkram ist meist Secondhand. Was wir wirklich brauchen, können wir auch finanzieren, aber z.B. ein Mittelklasseneuwagen oder sechs Wochen Thailand (was halt so für andere normal ist…) wären nicht so ohne weiteres drin.
Mit unseren Kindern gehen wir raus (Spielplatz, fahrrad-, rollschulfahren…) oder basteln und spielen mit Ihnen (wenn sie sich nicht gerade alleine beschäftigen). Ab und zu gibt’s Sandmännchen oder Die Sendung mit der Maus im Fernsehen. Wir beantworten Fragen, erklären die Welt, lesen Bücher vor und jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte.
Ich finde, so sollte NORMAL sein. Nicht weil alle sein sollten wie wir, sondern weil ich fest daran glaube, daß Kinder so die beste Möglichkeit haben, zu denkenden und fühlenden Menschen zu werden. Zu einem tragenden Teil der Gesellschaft.

Mindestens unsere finanzielle Situation ist in unserem Stadtteil leider nicht normal. Und das Verständnis von Erziehung offensichtlich auch nicht… (erschwerend kommt hinzu, daß dann auch noch viele Kinder nicht ausreichend Deutsch können – trotz umfassender Sprachförderung in den örtlichen Kindergärten. Offensichtlich werden diese häufig nicht einmal regelmässig besucht, wie die Erfahrungen der Grundschullehrerinnen belegen…)

Das wurde mir im letzten Jahr – Raketes erstem Grundschuljahr – schmerzhaft klar: Wir sind nicht normal. Wir sind nicht Durchschnitt. Wir sind Aussenseiter. Und damit komme ich nicht recht klar.

(Klar gibt es in unserem Umfeld auch Familien, die so ticken wie wir, die ähnliche Werte haben. Das wissen wir. Einige davon kennen wir ja. Ich nenne diese Familien jetzt einfach mal Fww (Familien wie wir). Die haben z.T. auch „Migrationshintergrund”, sprechen aber (auch) deutsch. Aber die meisten davon kennen wir aus dem Kindergarten, der da sehr homogen zusammengesetzt ist. In der Schule gehen die zahlenmässig unter.)

Rakete geht nach der Schule in einen Hort, in dem von 50 Kindern bisher 3 aus „Familien wie uns” kommen. Sie fühlt sich wohl dort, ich habe ein gutes Gefühl bei dem dort arbeitenden Team, manche Kinder sind in meinen Augen krass (aggressiv, laut, unsozial), aber was sollen wir da tun? Die Alternative ist einen Job aufgeben… solange Rakete dort also gerne hingeht, lassen wir alles wie es ist (und denken, wir können sie ja eh nicht ewig beschützen vor der Welt).

Und dann kommt so ein Gespräch beim Abendessen:

Risiko: „Wir sind im Kindergarten eine echte Wehtu-Gruppe. Dauernd tut sich einer weh.”
Rakete: „Nee, der Hort ist eine echte Wehtu-Gruppe. Da tun sich alle gegenseitig weh.”
Ich: „Dir auch?”
Rakete: „Nee, nur die Jungs. Halt, stimmt nicht, auch Mädchen hauen. Aber ich mach da nicht mit. Aber stell Dir vor, wenn ich so mache”, sie hebt die Hand, „dann rennen manche gleich weg! Obwohl ich ja gar nicht schlagen will, sondern zum Beispiel so…” Sie macht mit dem Arm eine Windmühle. Ihr Blick ist ratlos. Sie versteht das nicht.
Ich versuche zu erklären: „Weißt Du, vielleicht gibt es Kinder in Deinem Hort, für die ist eine erhobene Hand das Zeichen, daß sie gleich geschlagen werden. Es gibt nämlich zum Beispiel auch Eltern, die ihre Kinder schlagen…” Ich fürchte, Sie zu erschrecken. Kann sie sich das vorstellen?
Ich erwarte Unglauben, aber vollkommen cool antwortet sie: „Weiß ich. Zum Beispiel die Mama von der Shayleen aus der dritten Klasse. Da hat die Shayleen mal einen Fünfer gehabt, da haben die im Hort ihren Papa angerufen, daß der sie abholt, damit die Mama sie nicht wieder haut.”

Ich bin schockierter als ich sie erwartet hatte. Wenn das für Rakete schon normal ist, was bekommt sie sonst so mit? Und redet sie mit uns darüber deswegen nicht, weil es für sie eben normal ist? Da isses wieder, das Wort: NORMAL.

„Rakete, das finde ich aber ganz schön schlimm! Du weißt, daß Shayleens Mama das nicht darf, oder? Und daß wir das nie machen werden!”

Sie nickt. „Dafür haben wir halt keine Playstation.”

Und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.


Themenwechsel: vom Mutti- zum Nähblog in 5 Sekunden

21.7.2016

Dieses Internet! Verlaufen kann man sich drin. Ich schreibe ja selbst kaum mehr rein, aber das merkt ja keiner, das machen ja jetzt so viele andere, da hab’ ich gar kein schlechtes Gewissen. Ich hab das so lange gemacht, jetzt sind mal andere dran.

Mit Erstaunen und Wohlwollen habe ich die letzten Jahre diese Elternblogs groß werden sehen, habe mitgelesen und mitgefiebert. Aber mittlerweile denke ich mir da oft: ach, das hab ich doch selber, das wird doch langweilig. Und gleichzeitig: die sind doch alle total unrealistisch, die wohnen ja gefühlt alle in Hamburg oder Berlin , auf 200qm+, Altbau natürlich oder wenigstens Loft, arbeiten was mit Medien, haben Innenausstatter, Floristen und Caterer (wie sonst kommen solche Fotos zustande?) und leben mindestens vegan. Also ausser Kindern verbindet uns ja mal nix.

Und während viele Mütter aus meiner Blogroll anfingen, Bücher zu schreiben und Geld mit Bloggen zu verdienen, war mir klar: da komme ich nie hin. Vom Können her eh nicht, und dann ist bei mir aus dem Schreiben einfach die Luft raus, das befriedigt mich nicht mehr. Ich brauch’ jetzt was, wo ich am Ende etwas in der Hand halte, nicht nur Buchstaben und Bytes und auf irgendeinem Server.
Plötzlich habe ich irgendwann fast mehr Zeit an der Nähmaschine verbracht als vor dem Monitor. Habe gemerkt, daß das Netz auch voll von großartigen Tutorials, Schnittmustern, Material, Inspirationen ist. Habe downgeloadet, ausgedruckt, zusammengeklebt, geschnitten, genäht, geflucht, aufgetrennt, gebügelt (mir sogar ein neues Bügeleisen gekauft. Ich!), gewendet, gesteppt, angezogen und mir dann eine neue Herausforderung gesucht. Zwischendurch habe ich auf Flohmärkten und online auch noch eine veritable Vintage-Stoffsammlung zusammengeklaubt, ich sollte noch ein paar Jahrzehnte bei diesem Hobby bleiben, sonst krieg ich das nicht mehr weg.
stoffe
Naja, kurz und gut: ich hab’ in den letzten Jahren Nähen gelernt, fast komplett aus diesem Internet. Und dafür will ich Danke sagen, all jenen, die ihre Ideen, Anleitungen und Inspirationen da draussen teilen, gratis und voller Enthusiasmus. Da gibt es unglaublich viele Blogs und Seiten, die ihr Wissen freudig teilen, das ist großartig. Das ist sogar der Hammer!
(Klar gibt’s auch unglaubliche Nähblogs, und die Stars der „Szene” sind vielleicht gekauft und viele Klamotten finde ich persönlich gruselig – aber man muss ja nicht überall tiefer stochern…)
Und weil das mit dem Inspirieren nur klappt, wenn man teilt, teile ich jetzt zum allerersten Mal auch: bei der Linkparty Rund ums Weib am Donnerstag, wo ich mir als stille Leserin schon so viele Ideen geholt habe. Hier ist also mein neuer Geldbeutel Kassenschrank, modifiziert nach dem gratis Ebook „Marie” von whatlauraloves:
geldbeutel marie variation 1klein

geldbeutel marie variation 2klein

geldbeutel marie variation 4klein

geldbeutel marie variation 3klein

Ich finde den Schnitt toll – die seitlichen „Verbinder” lassen unten zwar die Fächer offen (daher ist mein Kleingeld im Reißverschlussfach), machen den Schnitt aber so variabel. Ausserdem finde ich das Verbinden von aussen und innen so viel einfacher, als wenn man das ganze Innenleben mitwenden muss – zumal das mein erster Versuch mit Leder war, das hätte mich schon sehr gereut, wenn ich alles komplett neu hätte machen müssen, wenn der Versuch schief geht.
Die Stoffe sind aus der „Wash Day”-Serie von Henley Studio für Makower*, die habe ich mal aus Instantliebe in einem Patchworkladen gekauft; das Leder habe ich mal in einem Büroschrank gefunden (gehörte keinem) und Steckschlösser gibt’s z.B. bei Dawanda.

Meine Änderungen:
- Gesamtbreite 21cm, so passen drei Scheckkarten nebeneinander
- Das Innenteil ist aus mehreren Teilen zusammengesetzt (nicht sichtbar: innen im RV-Fach taucht wieder der Tropfenstoff auf) – so ist das maßhaltige Falten einfacher, außerdem hatte ich nur jeweils 50×50cm Stoff von jedem Muster…
- Beim Zusammensetzen habe ich mir ein paar Nähte gespart, indem ich die äußere Steppnaht der offenen Fächer mit der „Verbinder”-Verbindungsnaht zusammengelegt habe – ebenso bei der Ledersteppnaht, wo ich die Verbinder gleich mit eingefasst habe. Auch die Fächersteppnähte an der Unterkante habe ich weggelassen – sonst hätten nämlich die Karten oben rausgeschaut. Tut der Stabilität keinen Abbruch, finde ich.
- Ins Aussenteil habe ich innen wie aussen noch ein zusätzliches Fach mit eingenäht: aussen ist so Platz fürs Handy, innen versteifen die Karten im Deckel diesen noch zusätzlich, sonst würden bei der Breite vielleicht die Deckelecken labbern.

Ein paar Details finde ich noch nicht perfekt:
- Ich habe die Verbinder nicht abgesteppt – das wäre noch nicht tragisch. Aber einer zeigt mit der offenen Seite nach oben…
- Die Wolken stehen auf den falschen Seiten auf dem Kopf – besser mitdenken oder gleich einen Stoff nehmen, dessen Muster keine Richtung hat
- Die Höhe würde ich der Karten wegen auch lieber noch ein paar mm vergrössern
- Das Leder-Aussenfach sollte eine abgesteppte Kante haben
- Überhaupt könnte das Absteppen des Leders schöner sein – aber bei 6 Lagen Leder + 4 Lagen Stoff ist wohl eine Haushaltsnähmaschine einfach am Ende…:-)
- Die Innenfächer im Deckel sind minimal zu klein für das Format von Fahrzeugschein/Zaharztbonusheft
- Und dann würde ich das nächste Mal einfach die Schabrackeneinlage* gleich an den Knickkanten vorher teilen, dann ist das Knicken noch einfacher.
Insgesamt bin ich jedoch sehr zufrieden (um nicht zu sagen stolz wie Bolle). Wieder ein Häkchen auf meiner Kann-ich-Liste. Challenge gemeistert.
Und ehrlich: das ist kein Hexenwerk! Man muss nicht alles aus zweifelhafter Fabrikation kaufen und selbstgemachtes muss auch nicht immer nach „aus der Waldorf-Kindergarten-Fundkiste zusammengetackert” aussehen.

In diesem Sinne: geht raus und macht einen Triathlon – oder lernt was neues! Das befriedigt so viel mehr als jeden Tag dieselben Ermahnungen vor Kinderohren verpuffen zu spüren. Oder unterm Abendbrot-Tisch zu kehren. Oder Klamotten zusammenzulegen. Tut’s für Euch!

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* Für meine „alten” Leser: ja, das klingt nach einer anderen Welt. Ist auch so. Dieser Nähkosmos ist voller Dinge, von denen ich bislang keine Ahnung hatte: Stoffdesigner, Mustergrössen, Vliesstärken, Fachbegriffe… Unglaublich, wie tief Themen sein können – vor allem seit dem Internet! Und daß sich dafür auch immer Leute interessieren! Und das meiste gratis (oder für kleines Geld… überhaupt: Schnitte als Ebook: kaufen, drucken, kleben, haben! – auch mitten in der Nacht!) Verlaufen könnte man sich… (Ich habe noch gar nicht angefangen von der Stickmaschinen-Szene, der Plotter-Szene, der Patchwork-Szene – haben sich all diese Leute früher tatsächlich im Gemeindesaal getroffen? So schnell und einfach wie heute war es jedenfalls noch nie, etwas neues zu lernen.)


1.Klasse, Bayern: null Punkte.

9.5.2016

1. Klasse Bayern Wenn Rakete die Schule schaffen soll, müssen wir wohl ins Rheinland ziehen – da gäbe es hierfür sicher Punkte. Muahahaaaa.


Integration am Arsch – so sieht die Schulsituation im Vorzeigemultikultiviertel aus

11.4.2016

Ich habe unsere Kanzlerin nicht gewählt, aber in den letzten Monaten war ich trotzdem stolz auf sie, auf Ihre Menschlichkeit, auf diesen Optimismus: „Wir schaffen das!”
Allein, ich kann es nicht recht glauben. Denn Integration im eigentlichen Wortsinne (nämlich Aufnehmen statt Mitnehmen, Miteinander statt Nebeneinander) haben wir bislang schon kaum geschafft – das sehe ich täglich in meiner Umgebung.

Wir wohnen in einem sogenannten „Multikulti”-Viertel – die Statistik zeigt (2010) etwa 40% Ausländer und 20% Deutsche mit Migrationshintergrund. Bleiben 40% Deutsche, zu denen wir zählen. Ach, sagen wir einfach einmal, um von dieser leidigen Nationalitätsdebatte wegzukommen: deutsche Muttersprachler. Denn wenn man sich von beliebigen „Deutschen” mal die Stammbäume ansähe: irgendein Migrationshintergrund ist da immer irgendwo. Bei Muttersprachlern halt nur mindestens zwei Generationen zurück.

In der ersten Klasse unserer Tochter sieht das Verhältnis allerdings dramatisch anders aus: hier sind von 22 Kindern 5 ohne direkten Migrationshintergrund. Und ganze 3 (von den Eltern aus den Elternabenden zu schließen – es waren nicht alle da) aus „Familien wie uns”, so nenne ich jetzt einfach mal Familien, die ähnlich ticken wie wir, was Erziehung/Bildung/Freizeitgestaltung/Lebensweise/Werte angeht – das heisst noch nicht, daß wir befreundet sein müssten (und auch nicht, daß „Familien wie wir” keinen Migrationshintergrund haben müssen). Ungefähr die Hälfte der bei den Elternabenden anwesenden Eltern konnte nicht gut genug Deutsch, um der Lehrerin zu folgen. Es gab durchaus mehrere Elternabende – wenn Eltern zu keinem kommen, bedeutet das m.E. schon ein gewisses Desinteresse.
Im Laufe des Schuljahres kam noch ein Flüchtlingskind komplett ohne Deutschkenntnisse dazu. „Willkommensklassen” für erste Sprachintegration sind überfüllt, jetzt wird direkt integriert, was das Kraut auch nicht mehr fett macht die Gesamtituation wohl tatsächlich nur minimal verändert. Vermutlich hat das in Raketes Klasse sogar ein Steinchen ins Rollen gebracht, da ausgerechnet der schlimmste Rowdy der einzige ist, der Arabisch kann und damit das Helfen lernt. (Ich weiß, es ist schwer zu folgen, wenn ich dauernd einschiebe, aber: ich weiß von einer Grundschule im Villenviertel, welche Aufregung es gab, als drei Flüchtlingskinder – für die gesamte Grundschule – zugeteilt wurden! Im Speckgürtel Nürnbergs protestiert der komplette CSU-Ortsverband mit dem halben Vorort gegen eine zu eröffnende 40-Mann-Flüchtlingsunterkunft – während in Multikultivierteln wie der Südstadt und Gostenhof hunderte untergebracht werden ohne vorhergehende Anwohnerinformationen – denn auch hier gilt wohl: die kennen das, die können das, und wir hier oben bleiben schön unter uns. )

Im Hort sieht die Quote noch schlimmer aus – hier sind von 50 Kindern meines Wissens 3 muttersprachlich deutsche Kinder*. Ich kenne nicht alle, also verdoppeln wir mal großzügig auf 6. Das ist lächerlich wenig! Die ErzieherInnen machen einen Superjob, ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Die Kinder sprechen weitestgehend fließend deutsch (wenn auch z.T. in einem Tonfall, den ich meiner Tochter gerne vorenthalten hätte. Kein Grinsesmiley.), auch wenn ihre Eltern das nicht tun. Im Hort lernen sie die Regeln sozialen Umgangs und eine Menge mehr. Zum Beispiel ist die deutschsprachige Hausaufgabenbetreuung Gold wert, wenn ich einer afrikanischstämmigen Mutter glauben darf, die mir in astreinem Deutsch erklärte, sie könne ihrem Sohn da nicht helfen, ihr Deutsch sei zu schlecht. Ich bin mir sicher, ich darf ihr glauben – ohne Hort hätten diese Kinder noch eine Chance weniger.
Unlängst war Rakete bei einer Hortfreundin zum Geburtstag eingeladen. Als einzige Deutsche unter 15 Kindern. Die Mutter des Geburtstagskindes konnte kein Deutsch. Das Geburtstagskind kümmerte sich zwar um Rakete, aber ich musste danach noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sie je wieder auf eine Party geht… Hätte ich das vorher gewusst – hätte ich sie auch hingeschickt? Ich bin mir nicht sicher. Immerhin hätte ich ihr nicht nahegelegt, lieber gleich zuhause zu bleiben…
Auf einem Elternabend klagte mir eine italienische Mutter ihr Leid: die Lehrerin hätte ihr empfohlen, ihre Tochter solle doch, um die Sprache zu verbessern, auch mit deutschen Kindern spielen. Ihre Antwort: „Aber wir kennen keine!”

Ist das Integration? Wohl kaum. Das ist Ghettoisierung, ob gewollt oder zufällig.

An einen Zufall allerdings glaube ich nicht. Ich sehe doch die Familien wie uns auf der Straße, auf dem Spielplatz, im Bioladen. Wir sind hier nicht so allein wie in der Grundschule. Woran also liegt’s?

Meine persönliche Meinung: Öffentliche Schulen sind für „Familien wie uns” unattraktiv. Wer es kann/schafft/sich leisten kann, versucht seine Kinder auf eine private Schule zu schicken (z.B. Montessori/Waldorf/Jenaplan/kirchlich). (Zugegeben: den Versuch haben wir auch gemacht. Ich hab’s halt versaut. Ja, für mich ist das eine persönliche Niederlage. Ob es für meine Tochter tatsächlich ein Nachteil sein wird, müssen wir beobachten. Im Moment sehe ich die Sache leider eher düster.)
Und dafür gibt’s z.B. folgende Gründe:

1. Die Bildungsqualität. Da hat man in der Privatschule mehr Einfluß, mehr Transparenz, mehr Sicherheit.

2. Möglicherweise spielt auch für die ein oder andere Familie auch eine Rolle: die Abwesenheit (oder wenigstens deutlich reduzierte Anwesenheit) von sozial schwachen, bildungsfernen, migrationsbehafteten Schichten. Klingt hart? Ist aber so. Privatschulen können schön mit integrativen Konzepten voller Toleranz, Rücksicht und Miteinander werben – tolerant innerhalb der weißen, gutsituierten Mittel- und Oberschicht. Da dürfen dann auch ruhig ein paar Behinderte körperlich herausgeforderte dabei sein. („Wir schaffen das”, sagen die da oben und sind stolz auf ihre Streitschlichter-AG, während sie ausblenden, dass die Integration der Migranten eine Handvoll Deutsche versucht zu stemmen. Hallo Polemik, Du hast mir noch gefehlt.)

3. Die öffentliche Hortsituation ist desaströs. Im Februar ist Hortanmeldung, die wenigsten „Familien wie wir”, die wir kennen, hatten vor Juli eine Hortzusage. Wenn überhaupt! Da ist eine Privatschule mit integrierter Mittagsbetreuung einfach die sicherere Bank, wenn man nicht ab September seinen Job aufgeben will.
Die Stadt Nürnberg regelt bei der Hortanmeldung mittels eines Punktesystems die Reihenfolge der Platzvergabe: es gibt je einen Punkt für Wohnen im Sprengel, Erstklässler, beide Eltern arbeiten. Und z.B.: Ergotherapie nötig, Logopädie nötig, Sprachförderung deutsch nötig, Migrationshintergrund (hier ist es egal, ob der Elternteil mit Migrationshintergrund perfekt deutsch spricht), schwierige Familienverhältnisse, soziale/finanzielle Benachteiligung, soziale Auffälligkeiten…
Das bedeutet: ein Kind mit Migrationshintergrund, das bestenfalls im Kindergarten ein wenig deutsch gelernt hat (für die städtischen Kindergärten gilt ein ähnliches Vergabesystem, d.h. bereits hier sind die Quoten der deutschen Muttersprachler im einstelligen Prozentbereich!), im Sprengel wohnend und in die erste Klasse kommend, bekommt einen Hortplatz, während Familien wie uns ein Pünktchen fehlt.
(* Die 3 Kinder ohne Migrationshintergrund in Raketes Hort sind nur mit Glück, Nachdruck und Hartnäckigkeit hineingerutscht…)
Das wäre m.E. dann in Ordnung und gerecht, wenn es für die anderen Kinder ebenfalls eine Betreuung gäbe, aber so ist es eben nicht. So bleiben derzeit in diesem Teil Gostenhofs die Kinder mit Migrationshintergrund und sozialen Benachteiligungen unter sich – und die Eltern der anderen suchen eine andere Lösung, kündigen einen Job oder ziehen weg.
Ich halte die Arbeit, die in den Horten geleistet wird, für immens wichtig – hier werden den Kindern Werte vermittelt und Freizeitmöglichkeiten angeboten, die sie zuhause nicht haben. Hier wird ein Samenkorn gelegt, das es Kindern ermöglichen kann, aus der Parallelgesellschaft zuhause auszubrechen.
Aber es müsste einfach genügend Plätze geben, um allen Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam zu lernen und zu leben! Hier komme ich auf die italienische Mamma zurück: von wem könnten Kinder besser deutsch lernen als von ihren Spielkameraden? Hier im Hort werden Ghettos geschaffen. Jedenfalls in unserer Grundschule bestimmt die Hortaufteilung auch die Klassenverteilung. Im Nachbarsprengel gibt es mehr Horte und die Verteilung ist weitaus gesünder, obwohl sich der Stadtteil gesamt nicht unterscheidet.

Drei Gründe. Ich könnte noch mehr finden.
Der letzte ist politisch und möglicherweise gewollt. Die ersten beiden sind gesellschaftlich.

ÄNDERN MÜSSEN WIR ALLE!

Jede Familie, die sich für eine private Lösung entscheidet, verschlimmert die Situation an der Regelschule. Das halte ich gesamtgesellschaftlich nicht nur für ungesund – sondern eigentlich für höchst asozial.

Ich wünschte ich hätte eine Lösung. Ich wünschte, ich könnte Frau Merkel und den Rest der Republik erreichen (im Sinne von „sie kapieren lassen”), wenn ich sage: Klar schaffen wir das – aber nur ZUSAMMEN!

So lange aber halte ich mich an den Worten einer anderen „Mutter wie mir” fest, die mir letztens begeistert erzählte, sie halte die Einschulung an der Sprengelschule trotz aller kulturellen wie sozialen Herausforderungen für die einzig richtige: „Da lernt mein Sohn das echte Leben. Er sieht, wie es in anderen Familien zugeht, was andere für Probleme haben. Und zuhause zeigen wir ihm, wie er damit umgehen kann. Wir stärken ihm das Rückgrat, das er da draussen eh braucht.”
Schule und Hort sind nur Teile des Alltags unserer Tochter. Den Hauptteil leisten wir.
Ich muss es einfach schaffen, mir über die anderen beiden weniger Sorgen zu machen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Tschakka, ich schaffe das! Und den Rest, zusammen schaffen wir ihn auch.

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weitere Artikel zum Thema:
Gedanken zur Einschulung, Teil 1 und 2
Zweiklassen-Bildung


Wie man seinen Kindern zum Basteln politisch korrekte ausgeblasene Ostereier macht – DIY !!11!

19.2.2016

Ostern naht! Nachdem ich jetzt im fünften Jahr Eier auspuste, aufdaß die Kinder sie in der Kita verhunzenzieren mögen, kann ich mich durchaus mittlerweile als Profi in diesem Metier bezeichnen.

Und da ich das noch mindestens die nächsten zwei Jahre auch machen müssen werde, und ich um mein schlechtes Gedächtnis weiß, hier also mein persönliches DIY-Tutorial:

1. Weiße Eier kaufen. Stempel mit Schleifpapier abschleifen (80/100/120 Körnung reicht. 180 dauert zu lange!).
2. Mit dicker Nadel unten ein Loch (zum Pusten), oben 4-5 in kleinem Kreis (Durchmesser max. 3-4mm) stechen, dann das Mittelstück des Kreises rausbrechen. Dieses Loch darf groß sein, da kommt ja später auch die Schnur mit dem Zahnstocherstückchen durch.
3. Mit Schaschlikspießchen durch das große Loch das Eigelb zerstochern – das erleichtert das Pusten.
4. Alles durchs große Loch rauspusten. Mund und Ei waschen.
5. Riesenrührei mit ordentlich Bacon und einem Hauch Gemüse machen. Ganz alleine aufessen.
6. Eier im Kindergarten abgeben und nicht vergessen, die Geschichte laaaaaaut zu erzählen: „Sie, ich merk des fei, wenn Sie dem Risiko des Jahr wieder die Eier vom Jasper-Claude zum Bemalen geben – da waren nämlich die Stempel noch durchzusehen! Unsere Eier sind ja von meiner Großtante Agathe, mütterlicherseits. Da fahren wir am Wochenende immer die 300 Kilometer hin zum Eierholen. Weil die Hennen sind in der zwölften Generation vegan und denen ihr Stall ist aus freiwillig von der Natur abgegebenem Bruchholz. Und zum Schlafengehen spielt Agathe ihnen auf der Leier vor. Ich finde, das schmeckt man einfach.”

Ebook demnächst bei dawanda. Muahahahaa.


Wunschlos unglücklich

27.11.2015

Till Räther hat letztes Jahr in der Mom das Dilemma fantastisch auf den Punkt gebracht: wir haben doch alles. Wir haben das Wünschen verlernt – wir Großen kaufen uns alles und die Kleinen haben doch eh schon alles.

Aus gegebenem Anlass – der Kalender zeigt, daß auch dieses Jahr wieder dieses Konsumevent droht – sei also nochmal allen dieser Text ans Herz gelegt. Den Ratschlag finde ich auch prima: schenkt etwas, daß Euch allen gemeinsam den Heiligabend verschönert.
Oder die lange Autofahrt zur Oma am nächsten Tag. Ein Vorschlag dafür gleich hier (den Link oben wollte ich nur unbedingt weitergeben, hab’ ihn dann aber nicht annähernd sinnvoll in den nächsten Post bekommen).


so knapp

18.11.2015

Ich fahre die Strecke beinahe täglich. Ich kenne die Ampelschaltung; ich kenne die Abbiegespuren; Gas, Kupplung und Lenkrad bediene ich wie im Schlaf.
Es ist eine stinknormale Rechtskurve mitten in der Stadt, in der Kurve ein Fußgängerüberweg mit Ampel, das Abbiegen geht zweispurig.
Gestern regnete es stark, ich fuhr in der Dämmerung nachhause, mein Tempo war des Regens wegen ein wenig niedriger als sonst in dieser Kurve. Ich fuhr rechts an wartenden Geradeausfahrern vorbei auf der linken Abbiegespur und war gerade in der Kurve, als ich auf einmal das schockierte Gesicht eines Radfahrers ganz rechts in der Frontscheibe sah. Gleichzeitig hörte ich dessen Bremsen quietschen. Ich trat sofort in die Eisen. Gleichzeitig sah ich links von mir an der Ampel wartende Fußgänger. Ich sah auch, daß der Radler noch bremsen konnte, ich wäre erst weit nach dem Überweg zum Stehen gekommen, hätte ich nicht im Rückspiegel gesehen, daß er weiterfuhr. Ich drosch wütend auf die Hupe und fuhr ebenfalls weiter, mit schockgestopptem Herzrasen und gleichzeitig schon erleichtert wie selten.
Die Verkehrssituation liess es nicht zu, zu wenden und ihm zu folgen (getrennte Fahrbahnen, Feierabendverkehr und Ampelstau auf der Gegenspur). Nicht einmal anhalten kann man dort, und was hätte es gebracht, den jungen Kerl zu schütteln? Ich hoffe nur, ihm klopfte das Herz mindestens ebenso und es war ihm eine Lehre.

Ich gehe die Situation seit gestern wieder und wieder durch. Ich bin mir sicher, daß ich grün hatte, ich habe die Ampel gesehen und die Autos, die mit mir im Strom schwammen, ich habe den Schreck in den Augen der wartenden Fußgänger gesehen. Der Radfahrer fuhr bei rot und rechnete nicht mit der zweiten Abbiegespur, und ich mache mir Vorwürfe, ihn nicht gesehen zu haben. Es war so knapp: eine Zehntelsekunde später hätte ich ihn erwischt, eine halbe Sekunde später frontal. Dasselbe wäre passiert, hätte er mich nicht im letzten Moment bemerkt. Wäre er noch vor mir hinübergekommen, ich hätte bei meiner Vollbremsung in die wartenden Fußgänger rutschen können.
Er hätte tot sein können. Und ich schuld daran. Vielleicht nicht im juristischen Sinn, aber was würde das noch für einen Unterschied machen?
Dieses Leben ist immer so knapp an der Katastrophe, wären wir uns dessen immer bewusst, man würde verrückt.

Man kann geradezu froh sein, nur einen winzigen Teil der verfügbaren Informationen zu erhalten. Alles andere würde uns mehr als nur verunsichern.


bitte lesen – teilen – groß finden

23.10.2015

„Wir müssen über ihr Bleiberecht sprechen. Ich habe nichts gegen Rassisten, aber sie müssen lernen, sich zu integrieren.Das wird man ja wohl noch sagen müssen. Ich bin auch das Volk.”
wochenendrebell über eine Begegnung mit einem Flüchtling, den es blöderweise in einen unfreundlichen Ort in Thüringen (?) verschlagen hat. Mehr als lesenswert!
(gefunden via die gute alte creezy)


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