technischer Rückstand: gefühlt fast schon uneinholbar

23.10.2014

Ich war mal, technisch gesehen, Early Adopter. Ich hab’ schon im letzten Jahrtausend ins Internet geschrieben, dieses Blog gibt es seit über acht Jahren. Noch vor den meisten meiner Bekannten und Freunde hatte ich Walkman, Discman, Handy, Autoradio mit Freisprecheinrichtung, iPod, Tablet, das damals kleinste Smartphone der Welt…
Ich bin da nicht stolz drauf, aber so war das mal.

Tablet- und Telefonkauf sind drei Jahre her, seitdem bin ich technisch stehengeblieben. Die technische Entwicklung seither dauerte gefühlte 20 Jahre – um mich rum steuern alle ihre Rolläden per iPhone, vergleichen Preise im Laden, navigieren ihre Füße per Satellit.

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Mein Handy hat zwar schon Touchscreen und kann ins Internet, aber ich telefoniere nur damit. Ich habe keine mobile Datenflat und vermisse sie kein Stück. Ich habe keine Apps. Dafür habe ich mir sagen lassen, eine Woche Akkulaufzeit sei eigentlich nicht möglich. Für ein Telefon? Ich bitte Euch!
Mein Rechner ist von 2008 und tut alles, was er soll. Das Internet fasziniert mich immer noch, aber ich bin froh, daß es mich nur zuhause zum Stöbern verführt. Auch noch unterwegs diese Möglichkeit zu haben, wäre mir schlicht zu viel.
(Ach, natürlich, ich bin noch für einen weiteren Lacher gut: der Rechner läuft mit, Achtung! Windows98XP.)
Mein Tablet nutze ich fürs Surfen auf dem Sofa und um mal über die Mediathek den Tatort nachzusehen. Apps gibt es dafür nicht, das Betriebssystem gibt es nicht mehr. Ich weiß nicht mal, was ich dadurch verpassen soll.
Ich habe einen iPod der zweiten Generation und bin abgesehen vom Akku damit hochzufrieden. Dass ich nahezu monatlich iTunes aktualisieren soll, nervt mich aber mehr als das wöchentliche Laden.
(Den nehme ich für abendliche Hörspiele. Musik höre ich von CD – oder Kassette/Vinyl. Tatsache. Ich hab’ mir noch nie ein MP3 gekauft.)
Ich kann Kartenlesen und habe im Auto (ohne Klimaanlage, ja.) einen dicken Atlas und einen Stadtplan. Ich hatte noch nie einen Navi unterm Finger.
Auf meinem Nachttisch liegen echte Bücher. Die kann ich verleihen oder liegenlassen, ich kann Eselsohren reinmachen und Seiten rausreissen, wenn ich möchte. (Oder, ehrlich: der Möhrchenprinz kann damit das fehlende Bein vom Bett – nicht fragen! – ersetzen.)
Auf unserem Fernseher kann man zwar kaum mehr Fußball sehen (offensichtlich kann er HD-Signale nicht verarbeiten – kleine Zahlen sind auch mit Fernglas unlesbar) und beim Tatort fehlt meist die halbe Handlung (weil als Mitteilungen auf Telefonen für alle anderen zu lesen), aber in Hefeteigmachen ist er unschlagbar.

Nein, auch wenn das anders klingen mag: ich bin nicht mal stolz auf meinen technischen Anachronismus. Ich fühle mich damit niemandem überlegen, ich will hier nicht ins Manufactum-Horn stoßen.
Es ist tatsächlich so: ich BRAUCHE den ganzen Kram nicht. Und ich will nichts wegwerfen, was noch einwandfrei funktioniert.
Ich will meine Zeit analog verbringen statt dauernd technische Updates zu fahren. Will meine Fingerspitzen lieber über Papier, Haut, Stoff gleiten lassen statt über Gorillaglas. Will die Farben der Welt in echt sehen statt auf einem Display.

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Da ist kein Stolz. Da ist eher ein bißchen Angst: ich fürchte, ich sollte langsam wieder auf den Technik-Zug aufspringen. Oder eigentlich eher schnell. Denn irgendwann ist er abgefahren und ich steh’ da wie der Ochs vorm Berg.
Ich bin jetzt schon überfordert mit der Bedienung der Musikanlage (Smartphone über Bluetooth, natürlich) in des Möhrchenprinzen Auto. Will keinen neuen Herd, weil es keinen mehr mit Drehknöpfen gibt. Habe keine Ahnung, über welche Apps sich die Kindergartenkinder unterhalten. Ich komme mir manchmal so unfaßbar alt vor.
Hab’ ich „bißchen Angst” geschrieben? Wenn ich’s mir so überlege, ist das doch eher Panik. Davor, selbst zu werden wie meine Mutter und eines (gar nicht mehr fernen) Tages auf meine Brut angewiesen zu sein, um zu überleben.

Gleich morgen also kauf’ ich mir ein Smartphone und einen Flachbildfernseher, ein Auto mit Klimaanlage, Navi und Bluetooth, einen neuen Laptop und ein Tablet und einen E-Reader. Daß die Wirtschaft mir nicht schon längst einen Schlägertrupp geschickt hat, so lange wie ich ihr all das schon schulde!

Nur das Tattoo und die Putzfrau, das heb’ ich mir noch ein bißchen auf. Ein bißchen Anachronismus will ich mir doch erhalten.


Restaurantkritik für Anfänger

9.9.2014

Meine Kinder sind das, was Großeltern „gute Esser” nennen.
Genau so hatte ich ja schonmal angefangen!

Risiko und Rakete essen gerne und gut. Dank des väterlich ererbten Stoffwechsels sieht man das zwar nicht, aber die Häufigkeit, in der nach Nachschub verlangt wird, ist offensichtlich.
Und wenn man den ganzen Tag über im Stundenrhythmus in sich hineinschlingt, was sich bietet, wundert es mich nicht, daß abends der Hunger nicht mehr sooo groß ist. Abends bleiben die Kinderteller meist mindestens halbvoll. Es würde mich nicht groß stören – behaupteteten sie nicht, es läge an mir!

Ich koche nicht besonders gerne, aber abends stelle ich mich meist an den Herd, um wenigstens eine gemeinsame Mahlzeit zu machen. Das Abendessen ist mir als Familienritual wichtig. Und so schnipple und brate und koche und rotiere ich dann so vor mich hin, während die Kinder sich gegenseitig mit Kettensägen zerschneiden oder von vierfachen Stuhltürmen in die Badewanne springen. Sie kennen das vielleicht. Ganz entspannt, immer, alles.
Dann kommt der Möhrchenprinz von der Arbeit, der Tisch deckt sich in Windeseile schnell selbst, alle sitzen, die große Schüssel kommt auf den Tisch, Bilderbuchfamilie, es könnte so schön sein – da quäkt es von einer Seite „Mama, das schmeckt mir nicht!” und von der anderen „Iiiihgittibäh, will Nudeln.”
Noch bevor die Quatschbirnen überhaupt probiert haben! Es nervt! Mich! Ungemein! Ich bin sehr oft sehr knapp davor, die ganze Schose einfach sein zu lassen und für mich alleine beim Asiaten zu bestellen. Dann folgen meist ein paar Tage oder gar Wochen, in denen es nur Abendbrot gibt (oder ein langer Urlaub, in dem der Möhrchenprinz kocht. Leckere Sachen für uns und blanke Nudeln für die Kinder. Das ist so ein Good-Cop-Ding, für das ich zuhause zu sehr Bad Cop Nährstoff-Mutti bin). Aber irgendwann habe ich dann selbst wieder Lust auf Warm (oder der Alltag hat uns wieder) und der Mist geht von vorne los.

Das letzte erste Koch-Mahl nach langer Pause kommentierte Risiko mit einem traurigen Blick zu mir und der herzzerreissend dargebrachten Bitte „Mama, bitte nicht mehr kochen”, es folgte eine lange Pause, „das.” Der Möhrchenprinz wies auf das „das” hin: „er meint ja nur diesen Auflauf, nicht alles!”. Ich kann aber nicht viel mehr!

(Und dann waren da die paar Tage, in denen ich allein mit den Kindern war und als Vermeidungstaktik vor dem Horrorabendtisch ohne Papaunterstützung einfach abends mit den Kindern in die umliegenden Wirtschaften und Biergärten stiefelte. Rakete dankte es mir am letzten Abend mit einem Extra-Kuss: „Und der ist für Dich, dafür, daß Du jeden Abend mit uns in die Kneipe bist!” So geht’s also auch. Das Good-Cop-Ding. Warum nochmal bin ich das nicht immer?)

Ein paar Wochen und viele Enttäuschungen am Abendessen-Tisch gingen seither ins Land. Risiko hat seinen Wortschatz erweitert. Und kann jetzt auch Lob!

Gestern musste alles noch viel schneller gehen als sonst. Trotzdem stand abends Warmes auf dem Tisch.
Risiko ruft „Gut kocht hast, Mama. Lecker!” und schaufelt die Fertiglasagne aus der Kühltheke (immerhin selbst in den Ofen gestellt…) in sich hinein.

Ich mag nicht mehr.


Ich habe erstmal Kinder. Und dann erst eine Tochter und einen Sohn.

6.9.2014

Ich war wohl so sechs Jahre alt, als mir ein elementarer Unterschied zwischen Mädchen und Jungen klarwurde. Und ich war sehr froh, ein Mädchen und damit in meinen Augen extrem privilegiert zu sein: Ich kann mir morgens aussuchen, ob ich eine Hose oder einen Rock anziehe! Jungs haben gar keine Wahl!
Jaja, sicher, die Schotten und überhaupt. Aber so generell und allgemein gibt es doch so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens, und an den muß sich keine/r halten, aber er prägt halt extrem das Bild, das wir von der Welt bekommen. Und jaja, sicher, ich wurde älter, und das mit dem privilegiert sehe ich mittlerweile anders.

Ich hatte es hier schon mal mit dem Thema Klamotten für Kinder*, und aktuell beschwert sich das Nuf über die Schwierigkeit, in ihren (und meinen und vieler anderer Mütter) Augen schöne Kinderklamotten zu finden. Zu Recht! Es ist nicht einfach, Klamotten zu kaufen, die Jungs wie Mädchen tragen können ohne schräg angesehen zu werden. Gefühlt war das in meiner Jugend noch nicht so schwer, da die meisten Klamotten (abgesehen von Röcken und Kleidern natürlich) noch nicht so eindeutig für eins der beiden Geschlechter gemacht waren.
(mehr …)


Gleich am Platzen: ungleich berechtigt – zwei langweilige Anekdoten (und ein langatmiger Nachtrag als Appell für mehr Toleranz). Und der Artikel ist sogar noch länger als die Überschrift.

2.9.2013

Olles Thema, aber solange sie nicht erreicht ist, muß aufs Fehlen immer wieder hingewiesen werden: Gleichberechtigung.

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Martina Schwarzmann erhielt im Mai 2013 den Radiokabarettpreis „Salzburger Stier”. Bei der Verleihung stellt ihr der Moderator Christoph Süß die scheinbar bei Frauen unvermeidliche Frage „Sie sind auch Mutter – wie bekommen Sie Beruf und Karriere unter einen Hut, äh, ich meine natürlich Muttersein und Beruf?” und sie antwortet „Das ist eine diskriminierende Frage. Ich habe noch nie gehört, wie ein Kollege gefragt wird, wie er das unter einen Hut kriegt.”
Leider habe ich die Gesichter dabei nicht gesehen, nur im Podcast gehört und auch ein wenig schade finde ich, daß Frau Schwarzmann nach dieser Parade (und dem kurzen Applaus dafür) die Frage einfach beantwortet (sie nimmt die Kinder mit auf Tour, in den Hotels gibt es ja immer Gummibärchen), aber es ist ja verständlich, daß sie lieber einen Preis annimmt als Radau zu machen. In jedem Fall verneige ich mich vor ihr für diese kurze Verwirrung, in denen sie vielleicht bei manchem Radiohörer mehr angestossen hat als manche von langer Hand geplante Feministinnen-Aktion.

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Samstagnachmittag im Max-Morlock-Stadion, Halbzeit, 37000 Leute stehen an der Toilette an. Falsch, geschätzte 30000 werden hurtig hinein, die Pinkelwand entlang und wieder hinausgespült, da ist kein Stillstand, das ganze dauert keine zwei Minuten. Die übrigen 7000 stehen in langen, langen Schlangen vor den Damenklos.
Ich auch. Hinter mir steht ein vielleicht sechsjähriges Mädchen, begleitet von ihrem Vater, der ihr immer wieder versichert, er ginge schon mit. Da ich mir vorstellen kann, daß ihm dabei ein bißchen komisch ist, biete ich ihm an, sie mitzunehmen, aber sie will ihn. Ist ja okay – finde ich. Eine Frau weiter hinten in der Schlange findet das nicht und beginnt: „Sie dürfen da aber nicht rein als Mann. Vielleicht zieht sich da gerade eine Frau um!” In diesem Moment bin ich weit genug vorne in der Schlange, um in den Vorraum linsen zu können und berichte, in bemüht neutralem Ton: „Da sind drei abgeschlossene Kabinen! Davor ein Waschbecken mit Spiegel! Keine nackte Frau in Sicht!” Die Dame schweigt zum Glück. Der Vater dankt mir für die Schützenhilfe. Ich ärgere mich noch, als der Ball schon längst wieder rollt, über diese bekloppte Prinzipienreiterei*. Und über die Unfähigkeit der Toilettenplaner in öffentlichen Gebäuden. Vermutlich wäre klotechnisch Gleichberechtigung ja zu erlangen mit Unisex-Toilettenkabinen (meinetwegen mit Schüssel und Pissoir). Aber wo sollen dann die Mädels blankziehen, die sich bislang immerimmerimmer im Vorraum umziehen?

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* Natürlich hätte sie mit Papa einfach zu den Kerlen gehen können. Wäre prinzipientechnisch auch nicht okay gewesen, da hätte das die Lady aber nicht gestört. Wollte die Kleine aber nicht. Da sie trotzdem aber nicht alleine gehen wollte, war Papas Verhalten ja wohl echt emanzipatorisch: des Kindes Willen respektieren.
Meine Tochter besteht wohl manchmal (so sie die Türen auseinanderhalten kann, je nach Symbol also) auch aufs „richtige” Klo, sagt der Möhrchenprinz. Er kennt also auch schon einige Damentoiletten. Und die scheelen Blicke der Prinzipienreiterinnen.
Wenn mir die Schlange bei den Damen zu lang ist, gehe ich schon auch mal zu den Kerlen (zumal die Erfahrung lehrt, daß die dortigen Kabinen meist leer sind, Pinkelrinne ist eben schneller). Dort habe ich übrigens noch nie wem was weggekuckt und bin nie auch nur blöd angesehen worden. Auf mein entschuldigendes Lächeln und den Hinweis auf die Schlange bei den Mädels kam gar nix oder ein freundliches „bassd scho”.
Eine Sache also, bei denen Männer offensichtlich toleranter sind als Frauen. Nimm das, meckernde Warterin.


Ohrwurmalarm! (Mit Erziehungseffekt, immerhin)

26.8.2013

Warum Kinder eigens für sie gepanschte Spezialmusik brauchen sollten, geht wohl keinem Erwachsenen ein, dem jemals Töne wichtig waren*.
Und warum müssen dann auch noch so viele der im Handel erhältlichen Kinderliederalben hirnlose Texte mit grausamem Hammondgeorgel kombinieren? Die Antwort hat bestimmt irgendwas mit Kommerz zu tun, ein leidiges Thema.
Aber daß Kinder, deren Argumentation in allen Lebensbereichen (Kaffee oder Kaba? Cola oder Wasser? Gin oder Tonic? Aufbleiben bis in die Puppen oder um acht ins Bett?) sich sonst auf „ich bin doch aber schon groß!” beschränkt, ausgerechnet bei diesem Thema auf die Kinderversion bestehen, kostet mich die meisten Nerven von allen. Ich habe es versucht und meiner Tochter richtige Musik vorgespielt, mitgeträllert, Autositztänze dazu erfunden – keine Chance. Mit viel gutem Zureden dürfen wir auf Autofahrten nach einer kompletten Kinder-CD (von bereits länger gebeutelten Verwandten geschenkt bekommen – ich frage mich noch immer, was wir denen getan haben) einmal kurz das Lied mit den Brüsten hören, dann ist aber wieder „Kinderlala!” dran. Mittlerweile bestellt auch Risiko bereits beim Hineinsetzen in den Kindersitz lautstark „Lala!”. Das sind die Momente, in denen ich tief einatme und „Kinder sind das größte Glück der Welt! Gefälligst!” mantratisiere, während ich schicksalsergeben die CD starte.
Normalerweise fahre ich dann so lange fort mit meinem Mantra, daß ich in guten Momenten von der Musik kaum mehr etwas mitbekomme. Just gestern jedoch horchte ich auf: hatte das musikalische Schreckgespenst der meisten denkenden Eltern, Rolf Zuckowski*, da nicht etwas von „Bierchen” im Text untergebracht? Ich spulte zurück. Tatsächlich! Da wird ein Kind zwar zwei höllische Strophen und zwei fürchterliche Refrains lang ermahnt, die Pfoten von Papas neuem Technikeinkauf zu lassen, kommt aber fantastischerweise in der dritten Strophe von selbst auf die Idee, dem erschöpften, weil installationserfolglosen, Vater ein Bierchen aus dem Keller zu holen. Hey, das ist doch mal wirklich ein Lied mit rechtschaffen sinnvollem Text! Ab jetzt läuft das in meinem Auto bei Kindertransporten auf Endlosschleife. Solange, bis die Kinder a) die angemessene Reaktion auf schlappe Eltern im Schlaf beherrschen und b) um ordentliche (=mir genehme) Musik betteln. Auf Knien. Trotz Kindersitz*.

*** Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben: meine erste selbstgekaufte Platte war zwar von Genesis, die erste in meinem Besitz jedoch eine andere. Fünf Jahre vor Invisible Touch und vor dem Wissen, daß man gar nicht erwachsen sein muß für Plattenkäufe, nämlich bekam ich zum sechsten Geburtstag eine LP von Rolf und seinen Freunden. Und jetzt bin ich noch ehrlicher: ich liebte sie. Unter Folter würde ich vermutlich sogar zugeben, „Mein Platz im Auto ist hinten” für ein großes Stück Musikgeschichte zu halten. Ohne zu lügen. Ganz ohne Folter gilt das sogar für die Rolf-Version von Banana Boat, unbedingte Hörempfehlung.
Jetzt hab’ ich aber ordentlich gebeichtet. Ist Musikgeschmack, altersgebunden, am Ende erblich? Dann habe ich panische Angst vor Raketes Pubertät. Obwohl der Teil meiner Plattensammlung (Das wüsste man jetzt gerne, was? Ein bißchen Scham und Stolz hab’ ich aber noch…) verscherbelt ist. Heute ist ja im Netz alles noch erhältlich…


Weit weg von Emanzipation: die Leute so.

24.7.2013

Schiller schrieb: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben / wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.”
Ich weiß jetzt: „Es kann keine Gleichberechtigung geben / solange als „normal” nur das eig’ne Leben gilt.”

Die letzten beiden Wochenenden waren wir in Urlaub. Erst der Möhrchenprinz alleine und ich mit den Kindern und dann ich alleine und der Möhrchenprinz mit den Kindern. Naja, „Urlaub” war nur das zweite Wochenende, für mich jedenfalls.

Wirklich erschreckend fand ich an beiden Wochenenden manche Reaktionen auf unser Konzept des kinderfreien Wochenendes: daß der Papa nämlich mal ohne die Restfamilie wandern geht, hat niemanden verwundert. Daß ich allerdings alleine im ehemaligen Studienort aufschlage, wo ich doch zweifache Kleinkindmutter bin – das gab bisweilen große Augen. Und große Fragen:
Ob der Papa das denn alleine schaffe? – Hell, yeah. Besser als ich, fürchte ich, rein nerventechnisch schon. [Hier kommt ein Einschub: hart traf mich einst, als Rakete noch ein kleines Baby war, die Erkenntnis, daß Emanzipation eine beschissene Kehrseite hat. Damals litt ich sehr unter meiner eigenen Erwartung an mich selbst, noch etwas außer dem Kind zu „schaffen” – wenigstens ein bißchen Haushalt wäre mir ein Erfolgserlebnis gewesen! Eines Tages aber hatte ich es tatsächlich geschafft, durchzuwischen, aufzuräumen und noch einen Kuchen zu backen – obwohl da auch noch das Kind war. Ich platzte fast vor Stolz. Bis mir aufging: der Möhrchenprinz hätte all das auch hingekriegt. Nur ohne Stolz, weil er’s total normal gefunden hätte. Also in der Summe sogar besser (und sein Kuchen wäre auch noch leckerer geworden). Hallo, Wettkampf! Es hat also durchaus was für sich, auf irgendwas ein Fähigkeitsmonopol zu haben. Für den Haushalt hatte ich das nie. Seither gilt bei uns „Jeder darf alles machen. Und wenn er’s gern tut, möglichst immer.”]
Ob ich mir da keine Sorgen um die Kinder mache? – „Nö.” ist da offensichtlich die falsche Antwort. Noch größeres Erstaunen bis Entsetzen. Offensichtlich klingt ein weibliches „nö” nach Rabenmutter, während ein männliches wohl noch als respektvoll den mütterlichen Fähigkeiten gegenüber gedeutet würde. Als ob es nicht respektlos wäre, einem Mann den „richtigen” Umgang mit seinen eigenen(!) Kindern chromosomenbedingt abzusprechen! Wenn ich mir über etwas ernsthaft Sorgen mache, dann darüber, daß es aus meiner eigenen Erfahrung leider immernoch Kerle gibt, die sich nur ein paar Minuten am Feierabend für die Kinder interessieren. Und Frauen, die es als gottgegeben ansehen, daß Kinder Frauensache sind; die nehmen meinem Mann dann das Kind vom Arm und wollen es wickeln, „das musst du doch nicht machen, als Mann!” rufend. Und die sind alle in unserer Generation oder sogar jünger! Das schockt mich sehr.
Ob wenigstens Oma und Opa helfen? – Warum? Wobei? Hey, er muss keine Kuscheldecke häkeln! Er soll auf SEINE Kinder aufpassen. Zum Glück haben ihm seine Eltern das schon mit seinem Fahrrad beigebracht. Er passt gut auf alles mögliche auf. Die Eltern müssen da nicht für ihn ran, die haben ihr Soll erfüllt. Sie dürfen aber natürlich (vor allem beim nächsten Wochenende, das der Mann alleine wegfährt…).
Ob die drei mir nicht fehlen? – Hey, es sind zwei Tage. Zum Glück sind wir nicht zusammengewachsen! Wie ich es geniesse, daß kein „Mama!”-Ruf auf dieser Veranstaltung mir gelten kann! ICH muss jedenfalls heute nicht mehr ins Krankenhaus, weil mein Kind von einer Treppe fiel. Ich hol’ mir noch ein Bier. Gut, das muß ich alleine wohl selber tun. Damit kann ich leben. (Oh, und ja, das ist eigentlich ganz schön sexistisch, daß ich mir sonst das Bier gern bringen lasse. Oder auch kinderverachtend. Hier verweise ich aber auf den oben bereits angerissenen Gleichberechtigungsgrundsatz im Häschenhause. Solange es irgendwer lieber tut, darf der.)
Ob wir das wenigstens schon einmal – kürzer – vorher ausprobiert haben? – Äh, ja. Ungefähr jeden zweiten Tag. Und den dritten gleich hinterher. Denn, wahrlich, ich sage Euch: bei uns herrscht echt mal Gleichberechtigung – jedenfalls seit dem Abstillen. Alles, was Mama kann, kann Papa nämlich auch. Und andersherum. Und wenn nicht, kann es warten. Wickeln, anziehen, aufpassen, vorlesen, spielen, kinderwagenschieben, fahrradanschubsen, zum Spielplatz marschieren, basteln, malen, Essen machen, füttern, Po abwischen: können wir nämlich tatsächlich beide!
Und ganz ehrlich: alles andere fände ich befremdlich. Da bekomme ich nämlich die großen Augen, wenn mir dann doch irgendwann die Gegenfragen rausrutschen: Warum glaubst du eigentlich, daß es den Kindern bei der Mutter grundsätzlich besser geht als beim Vater? Vor allem jetzt, wo du mich kennst, die ihre Kinder „alleine” lässt, um zu feiern und mal über etwas anderes zu reden als Kinder… Soll ich Dir noch ein Bier mitbringen?


Selfmade-Mamas (mal wieder eine Tirade)

8.2.2013

Das Internet ist voll von Muttiblogs und ganz, ganz viele davon finde ich ganz, ganz schrecklich. Weil alles rosa ist oder alles hellblau, auf jeden Fall mit Rüschchen und Bärchen und Tierchen und Schneckchen. Weil alles dutzidutzi ist und es immerimmer nur um die Kinder geht. Weil entweder alles immer Sonnenschein ist oder immer überall Wehwehchen und Luxusproblemchen galore. (Das mag der Grund sein, warum ich kaum mehr selbst blogge: erstens rege ich mich so auf über den Rest des Internets und zweitens will ich das nicht genauso machen…)
Und dann gibt es da noch die Blogs der DIY-Mütter, die bei mir immer so supermamimäßig aus dem Monitor springen: Schau, ich kann Cupcakes! Guck, ich kann nähen! Tadaaa, meine Kinder kriegen Brote in Autoform und Lunchboxen zum Niederknien! Vor allem wenn sonst kaum etwas gepostet wird, finde ich diese Blogs ganz besonders schlimm, denn dieses Kreativblankziehen kommt oft genug einfach wie Selbstbeweihräucherung rüber. Einerseits verständlich, wer immer „nur” Kinder betreut, dem fehlt oft genug Bestätigung… andererseits aber fürchte ich, daß die meisten Mamis, die da zwischen Zeilen gegen die Kolleginnen mit weniger Zeit oder zwei linken Händen hetzen (ich lese da oft ein „selbstgemacht ist besser als gekauft, weil: Lieeeebö” raus), gar nicht raffen, daß sie gar nicht für die Gören basteln, sondern fürs eigene Selbstbewusstsein. Ob die Kinder vieler Hobbynäherinnen wirklich so ganz anders rumlaufen wollen als ihre Freunde? (Auch schlimm finde ich diese Blogs, weil die Ideen leider oft wirklich super sind und ich mir eigentlich nicht mehr soviel vornehmen wollte…)

Das Internet muß man nicht lesen, man kann es sogar ausmachen. Ein Segen! Leider gibt es diese Mütter auch in der Wirklichkeit. Da fehlt mir oft die Möglichkeit, einfach das Fenster zu schließen.

[Achtung, wenn Sie auch bei Kreativmuttis Ausschlag bekommen: hören Sie hier auf.]

Heute jedoch haben mir zwei solche Supermuttis sehr große Freude gemacht:

Seit Wochen sprach die Rakete von der Kindergarten-Faschings-Party, wer als was geht und was sie sein will. Das änderte sich jeden Tag: Frosch, Wasserfall, Pipi Langstrumpf? Die Prinzessinnen-Fraktion bearbeitete sie täglich, ich merkte das abends. Es fiel mir schwer, mich nicht einzumischen (Am Ende wohl noch rosa? Mit Rüschen? Mich schüttelt’s!), aber als es zwei Abende nacheinander doch „Hexe” war, da ging ich los, kaufte einen Hexenhut und ein bißchen Tüll (muß ja sein…) und nähte aus Resten das Kleid dazu. Ich verbrachte Stunden vor der Nähmaschine, nähte, trennte wieder auf, machte enger und weiter (Schnittmuster? Wozu? Man ist doch kreativ!), schnibbelte Fransen und ja, ein bißchen Enttäuschung war dabei, wenn die Rakete beim Anprobieren nicht vor Freude ganz in die Luft ging. Das machte mir aber nur klarer: ich mach’ das hier nicht für die Kleine. Ich mach das auch nicht aus Sparsamkeit (ein fertiges Kostüm vom Discounter kostet eher weniger als das Material). Ich mach das für mich. Weil ich mal wieder was „schaffen” will. Wer täglich kaum mehr tut als Windel um Windel wechseln und Aufräumen und Staubsaugen und Aufräumen und Wäschemachen und Aufräumen (…), für den kann Einmal-etwas-Fertig-Haben einen Orgasmus toppen.
Zum Glück wollte die Rakete doch auch heute noch, zur Feier, Hexe sein (ich gebe zu: Steine vom Herzen und so…) Ich brachte sie zum Kindergarten. Da strömten kleine Polizisten herein, jede Menge Prinzessinnen („Ich bin eine Kronen-Hexe!” rief die rosa Raketenfreundin zur Begrüssung), weitere Hexen, Marienkäfer, Teddybären und eine kleine Brigade Feuerwehrmännchen. Alle mit riesigen Augen und vor Aufregung ganz aus dem Häuschen. Ich hatte mal wieder Tränen in den Augen, so rührte mich die Freude der Kleinen. Ich Mutti!
Als ich ging, unterhielten sich vor der Türe noch die gleichen Mütter, die bereits bei unserem Eintreffen jedes Kind bewundert hatten. Ich schnappte ein paar Wortfetzen auf: „Schon schön. Aber ein bißchen schade finde ich schon, daß alle in gekauften Kostümen kommen. Wo bleibt denn da die Phantasie? Muss immer alles so kommerziell sein? Also ich habe außer eurem und Klaas-Konrads noch kein einziges Selbstgemachtes gesehen.”

Ganz meine Meinung eigentlich. Trotzdem: über beide Backen grinse ich nicht deswegen. Sondern weil sie auch die Rakete begrüsst hatten. Ich gehe heute als Rumpelstilzchen: ach wie gut, daß niemand weiß, daß auch ich so eine Kreativmutti bin!
Ganz ehrlich: das macht mich glücklicher als ein „Toll gemacht!”. Weswegen es auch kein Foto gibt. Am Ende heißt es noch, ich würde das nur für Fremdbestätigung machen…
Hoppla, mal wieder Zeit fürs Windelwechseln. Hallo Alltag. (tänzelt ab, singend: „Ach wie gut, daß niemand weiß…”)


Weihnachtswunsch einer Dreijährigen

23.12.2012

Wir leben in einem Stadtteil, in dem Leute ihren Müll absichtlich neben den Abfalleimer werfen, „ey, das ist Gostenhof, das macht man hier so” rufend. Leider klar, dass hier kaum ein Hundehalter die Hinterlassenschaften seines Lieblings aufsammelt. Auf den dreihundert Metern zum Kindergarten warne ich die Rakete meist vor mindestens fünf Tretminen und frage mich jedes Mal, warum die daran schuldigen Herrchen und Frauchen eigentlich offensichtlich immun gegen Reintreten sind (oder können die wirklich nicht weiter denken als das Schwänzchen lang ist?).
Rakete hat ausserdem extremen Respekt vor allen Tieren, die sich selbstständig bewegen – wir brauchen nicht in den Streichelzoo und vermutlich nie über ein Pony diskutieren. Sogar Aquarien sind angsteinflössend für sie – obwohl wir ihr das nicht beigebracht haben. Ich muss es wohl gar nicht erwähnen: die Begegnung mit (v.a. nicht angeleinten) Hunden auf der Strasse ist… schwierig.

Heute gehen wir über unseren Spielplatz. Unter der Schaukel liegt ein grosser Hundehaufen. Ich habe noch nichts gesagt, da spricht Rakete: „Wenn ein Hund sowas macht, sollen Leute den Hund nicht haben dürfen.” Ich will gerade sagen, dass ich ihrer Meinung bin (wenn ich auch die Schuld mehr beim tütenlosen Halter sehe), aber sie überlegt weiter: „Eigentlich soll Jesus einfach keine Hunde mehr machen. Das wünsch ich mir zu Weihnachten.”
Ich bin so stolz auf meine Tochter. Ich wünsche den Leuten nur immer Scheisse in den Schuh (oder schlimmeres) und sie hat so eine pazifistische Lösung.
Unsere Schuhsohlen in Deinen Händen. Jetzt bist Du an der Reihe, Jesus!


Was raus muß, muß raus.

23.5.2012

Ich platze bald vor Wut. Wegen Euch. Überall lauft Ihr mir über den Weg, auf dem Spielplatz, in der U-Bahn und beim Spazierengehen. Und wenn ich die Wohnungstür hinter mir und den Meinen zumache, ist Euch erst recht nicht zu entkommen: in diesem Internet wimmelt es von Euch, in Euren Blogs zeigt Ihr der Welt die siebenstöckige Geburtstagstorte für den Dreijährigen, die mal eben selbstgenähten T-Shirts für die ganze Fußballmannschaft und erzählt, wie lockerflockig das Osterbuffet für die 30köpfige Verwandtschaft vorbereitet war.

Ihr geht mir ganz gehörig auf die Eierstöcke, Ihr Supermuttis! Ihr mit dem immerwährenden Sonnenschein im Gesicht und der Engelsgeduld und den vierfarbigen Rohrzucker-Cupcakes in der Design-Lunchbox passend zum Bugaboo. Ihr mit Euren flachen Bäuchen drei Wochen nach der Geburt, die Ihr locker den Alltag mit drei Kindern und Hund und vielleicht sogar noch Job dazu wuppt und stolz nach außen posaunt, wie easy das alles ist. Geht scheißen!

Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich Euch das alles nur einfach nicht glauben soll oder ob es doch an mir liegt, daß ich mit zwei Kindern schon rotiere und dabei habe ich mit der Arbeit noch gar nicht wieder richtig angefangen und den wahrscheinlich emanzipiertesten Mann der Welt!
Obwohl der Säugling den Großteil des Tages nur herumliegt oder schläft und die „Große” für eine Dreiviertel-Dreijährige recht verständig ist, gehe ich nach einem Tag allein mit den beiden auf dem Zahnfleisch. Ich komme nämlich genau zu gar nix anderem als Kinderbetreuung, und das nervt einfach unfaßbar, wenn gleichzeitig tausend kleine Baustellen darauf warten, erledigt zu werden.
Ich müsste mal einen Zahnarzttermin ausmachen. Aber jetzt ist Mittagspause und später, wenn ich dran denke, muß ich die Rakete davon abhalten, das Bad zu fluten.
Die Spülmaschine könnte man mal ausräumen. Bevor die Nerven endgültig reissen: lieber erst dem Quengeln nachgeben und endlich das versprochene Buch vorlesen (Deal war: Buchvorlesen gegen drei Minuten Ruhe auf dem Klo).
Das Altpapier sollte endlich mal weg. Mach ich, wenn ich eh runtermuß. Ich stelle den Karton vor die Wohnungstür, zum Biomüll, den zwei Tüten Altglas und den drei Müllsäcken.
Dringend nötig wäre Blitzgassi mit dem Staubsauger: im Bad rotten sich schon wieder Wollmäuse-Armeen zusammen und lauern hinter der Türe darauf, daß einer das Fenster öffnet und sie Ihre Kumpels im Rest der Wohnung besuchen flitzen können. Die Chance! Die Kleine ist beschäftigt mit ihrer Bastelschere. Dafür ist der Kleine wieder eingeschlafen. Lieber nicht mit dem lauten Staubsauger wecken, sonst will er gleich wieder Milch. Immerhin schaffe ich die Spülmaschine.
Zwei Ladungen Wäsche warten seit Stunden aufs Aufgehängtwerden. Sollen sie halt einen Termin machen. Ich sollte besser mal verhindern, daß noch ein Geldschein zerteilt wird. Ich bringe die Große ins Bett zum Mittagschlafen. Damit wäre Staubsaugen wieder unmöglich. Der Kleine hat Hunger.
Manchmal würde ich mir gerne einen Arm ausreissen. Ich weiß nur nicht, wann.


Max und Ali und der Kita-Platz

10.2.2012

[Achtung, wirr in Wut hinuntergeschrieben, außerdem durchaus als Jammerei aufzufassen, alles kein Spaß.]

Kinder mit Migrationshintergrund werden vor Schuleintritt seltener fremdbetreut. Soso. Dabei hat sogar Frau Schröder schon erkannt: „Je früher Max und Ali miteinander im Sandkasten spielen, umso besser für die Integration und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.”

Da bin ich sogar mal Ihrer Meinung, Frau Schröder. Jetzt aber möchte ich Ihnen erzählen, wie die Wirklichkeit bei uns zuhause aussieht:

Wir wohnen in einem „multikulturellen” Stadtviertel und das haben wir uns ja auch so ausgesucht. „Gostenhof ist bunt”, rühmt sich das Quartier, wir schätzen die kleinen Lebensmittelläden und die vielen Kneipen und Restaurants. (Wir schätzen nicht: den Vandalismus, die Hundescheiße und die Parkplatzsituation, v.a. wenn abends die Horden aus den „besseren Vierteln” einfallen zum Ausgehen und sich zu fein für die U-Bahn sind. Aber das ist ein anderes Kapitel.) Mit uns im Haus wohnen Griechen, Türken und Deutsche, das Zusammenleben läuft reibungslos, beim Sommerfest im Hof gibt’s Falaffel, Moussaka und Bratwürste. Multikulti-Bilderbuch.

Die Rakete wird im September 3 und braucht einen Kindergartenplatz. In unmittelbarer Laufnähe unserer Wohnung gibt es:
- 5 städtische Kindergärten
- 2 kirchliche Kindergärten (einen evangelischen, einen katholischen)
- 1 freien Kinderladen (teurer, mit Elternmitarbeit und natürlich gut alternativ angehaucht)
Macht zusammen 17 „Kindergartengruppen” á 25 Kinder, also rechnerisch 425 Kindergartenplätze. Das sollte reichen, möchte man meinen – kein Grund, auf den weiteren Umkreis auszuweichen. Ganz ehrlich: das Kind jeden Tag mit Auto oder U-Bahn durch die Stadt zu kutschieren, damit es dort mit Kindern spielt, die es außerhalb der Kita nur unter organisatorischen Schwierigkeiten treffen kann, das ist doch albern. Reicht, daß wir das für Raketes Krippe so machen müssen. Warum? Weil im Umkreis kein Krippenplatz ergatterbar war; es gibt nämlich hier nur zwei Krippen (jeweils eingruppig, also insgesamt: 24 Plätze). Bis zu den Dreijährigen also dürfte hier noch alles statistikkonform zugehen.

425 Kindergartenplätze geteilt durch drei Jahrgänge – rechnerisch also sollten im September 140 Plätze frei werden. Gegenüber den 12 Krippenplätzen je Jahrgang also ein bombastisches Angebot. Wofür soll man sich da entscheiden? Ein kurzer Blick aufs pädagogische Konzept der einzelnen Einrichtungen zeigt:
- Ein Kindergarten (der evangelische) legt v.a. Wert auf Erwerb vielseitiger, auch sozialer, Kompetenzen und bietet sehr viele unterschiedliche Beschäftigungen für die Kinder an. Ganz „normal” also, in meinen Augen.
- Der Kinderladen ist erwartungsgemäß „freigeistig”, alles ist Bio, er hat einen riesigen Garten. Dafür ist er teurer und die Eltern müssen mithelfen.
- alle anderen, also der katholische sowie alle städtischen Einrichtungen haben als pädagogisches Konzept „Sprachförderung und Integration” und sind wahre Multikulti-Oasen. Kinder aus unzähligen Nationen spielen hier miteinander – aber Deutsche bzw. deutschsprachige sind „pro Gruppe vielleicht ein, zwei” dabei, das sagten mir alle gefragten Kindergärtnerinnen. Und die Gruppen sind hier keine 25 Kinder stark, sondern wegen des erhöhten Förderbedarfs (schließlich gibt es Klagen der Grundschulen, viele Kinder könnten nicht richtig deutsch – also muß das der Kindergarten erledigen) um ein, zwei, fünf Kinder kleiner. Bei der Anmeldung wird nach Sprachförderbedarf, Behinderungen, erschwerten Lebensbedingungen, zerrütteten Familienverhältnissen gefragt: bei uns alles negativ, also rutschen wir nach ganz hinten auf die Warteliste.
Und hier, Frau Schröder, sagen Sie mir mal bitte: wenn im Kindergarten Ali und Sergej miteinander spielen, Max aber in ein anderes Viertel muß, um einen Kindergartenplatz zu kriegen, läuft da nicht etwas falsch? Integration und Förderung schön und gut (ich vermute ja stark, daß die Bevorzugung von zu fördernden Kindern Einfluß auf den Stellenschlüssel und die Bezuschussung hat…), aber wäre es nicht sinnvoller, wenn deutsche Kinder ihren Sandkastenkollegen sprachlich helfen würden anstelle von Spezial-Erziehern und Logopäden? Wenn die Zusammensetzung der Nationalitäten den Stadtteil wenigstens annähernd widerspiegeln würde (durch alle Altersgruppen ca. 42% Deutsche und 18% Deutsche mit Migrationshintergrund, möglicherweise ist das nicht 1:1 auf das Verhältnis unter Kindern herunterzubrechen, aber weniger als 10% deutsch(sprachig)e, das kann nicht sein) und nicht künstliche babylonische Sprachghettos geschaffen würden?
Zugegeben: ganz wohl fühle ich mich nicht bei dem Gedanken, daß meine Tochter eine von zweien – oder gar die einzige – mit deutscher Muttersprache in einer Gruppe sein soll (beim evangelischen Kindergarten z.B. beträgt der Anteil von Kindern „aus anderen Kulturen” 35%). Aber es sind hier nicht wir, die aussuchen, welche Einrichtung wohl die beste für unsere Rakete ist – wir müssen am Ende wohl froh sein, überhaupt irgendwo einen Platz zu bekommen.

Und nein, ich glaube nicht, daß viele deutsche Eltern wegen der gleichen Bedenken ihr Kind lieber woanders in den Kindergarten geben. Woher ich das wissen will? Ganz einfach: Wir haben die Rakete in allen oben genannten Kindergärten angemeldet. Bislang haben wir Absagen aller städtischen Kindergärten (deren pädagogischer Ansatz für die Rakete ohnehin nicht unpassender sein könnte… – die quatscht uns bereits jetzt die Ohren zu) sowie vom katholischen (s.o.). Durch die (vermutlich amtlich geforderte) Gewichtung der „Dringlichkeits-Argumente” (Sprachförderbedarf usw., s.o. ) haben Familien wie wir (übrigens, nur um das gleich zu entkräften: wir sind beide berufstätig und auf Kinderbetreuung angewiesen) schlicht und einfach keine Chance auf einen Platz in einem städtischen Kindergarten.

Im evangelischen hätte man sich bereits zwei Jahre vorher vormerken lassen müssen, wäre aber auch nicht zum Zuge gekommen, da Geschwisterkinder stets Vorrang haben. Wer da einmal ein Kind einen Fuß in der Tür hat, überlegt also bei der Familienplanung nicht lange… Trotzdem haben wir hier eine Zusage für Frühjahr 2013 (hieße: sie muß als einzige Dreijährige ein halbes Jahr länger in der Krippe mit sehr viel kleineren Kindern bleiben – denen sie ja auch einen Platz „wegnimmt”. Ganz abgesehen davon, daß die Krippe das dreifache des Kindergartens kostet…).

Als letztes – vor der Fahrerei in andere Stadtteile (wo die städtischen Einrichtungen natürlich bereits fertig vergeben haben) – bleibt die Hoffnung auf einen Platz im Kinderladen (privater Verein; dort wenigstens sind die Eingangsvorraussetzungen undogmatisch: hier zählt angeblich Elternengagement, Wohnortnähe und durchaus auch Sympathie…). Hier kamen zum Infoabend 30 Eltern, 6 Plätze gibt es, entschieden wird erst im April.

Seit Jahresbeginn renne ich von einem Kindergarten zum nächsten. Vom Krippenplatz für Risiko will ich gar nicht anfangen, haben wir hier doch immerhin den unschätzbaren Fuß-in-der-Tür-Vorteil von Raketes Krippe, auch wenn die tägliches Hin-und-Her-Fahren bedeutet.

Ich werde dann wohl mal Vollkornmehl und Rohrohrzucker kaufen und eine siebenstöckige Möhrentorte backen. Die bringe ich dann im Kinderladen vorbei. Wöchentlich, wenn es sein muß.


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