Motivsuche

29.5.2017

Am Wochenende war im Viertel Hofflohmarkt. Wie immer machen wir mit, schleppen Krempel aus dem Keller hoch und hoffen, es wäre nachmittags weniger zum Runterschleppen.
Diesmal wollten die Kinder ihren eigenen Verkaufsstand. Am Vorabend sortierte Risiko Spielzeugautos aus, die er verkaufen wollte. Stolz saß er mit der Kasse auf dem Schoß auf der Decke und wartete auf Kundschaft.
Da einige der Sachen wenigstens noch einen kleinen Wert haben und mittlerweile Händler schon Kinderflohmärkte abklappern, um z.B. Playmobil, Rahmenpuzzle und bestimmte Bücher billig ein- und saftig zu verkaufen, hatte ich die Kids gebeten, mich bei den Preisverhandlungen kurz einzuschalten.

Der Andrang war überschaubar, das Geschäft lief schleppend. Irgendwann kam Risiko doch an, mit einem Gelenkstadtbus, was der koste? „1,50€”, sagte ich, er düste wieder ab. Er kam noch mit zwei anderen Stücken, dann war Pause. Schließlich kam er und fragte, ob er den Bus auch verschenken dürfe. „Na klar!”, sagte ich.

Als nächstes kam ein Junge zu mir, etwa 7 Jahre alt, nicht die aktuellsten Klamotten an, Maschinenhaarschnitt, dunklerer Teint, den Bus in der Hand. „Der Junge sagt, er schenkt mir den. Ist das okay?”, fragte er vorsichtig. Ich lachte ihn an. „Klar ist das okay!” Ungläubig sah er mich an. Langsam schlich ihn ein Lächeln an. Er drehte sich um, rannte zu Risiko, umarmte ihn und rief „Danke, Junge!”. Risiko wusste nicht, wie ihm geschah, schlug aber doch bei angebotener High Five und Ghettofaust ein. Der Junge verließ selig mit dem Bus im Arm den Hof. Ich verdrückte ein Tränchen.

Abends nahm ich Risiko auf den Schoß und sagte ihm, wie toll ich es finde, daß er den Bus einfach verschenkt hatte. Daß der Junge wohl selten etwas geschenkt bekäme und sich sehr gefreut hatte. Daß ich stolz auf meinen großzügigen Sohn bin.
„Ach Mama, weißt Du… eigentlich hatte ich bloß keine Lust, ihm noch die Preise von den anderen zwölfundfünfzig Sachen zu sagen.” Spricht’s und düst davon.

Tja, der Zweck heiligt dann wohl die Mittel. Frag nicht nach Motiven, die gute Tat zählt.


Wendetasche Hildegard

7.8.2016

Meine Oma wurde 1919 geboren und mit 15 Jahren in eine Schneiderlehre geschickt. Im Krieg hat sie geheiratet und dann 5 Kinder bekommen und großgezogen. Die wenigsten Klamotten wurden gekauft. Sie saß noch mit 90 Jahren an ihrer alten Singer-Nähmaschine und nähte mit Fußantrieb Puppenkleidchen und Kissen. Eines davon halte ich trotz schlechter Stoffqualität sehr in Ehren: man sieht noch die Kugelschreiberstriche, wo sie mit den Herdflächendeckeln Kreise zum Ausschneiden markierte. Sie selbst sah die Markierungen leider nicht mehr gut genug, um sie beim Nähen verschwinden zu lassen…

Eines Tages kam ich spontan wegen eines Staus auf der Autobahn mit einer fremden jungen Frau bei ihr vorbei. Wir waren beide wohl Anfang Zwanzig, ich hatte sie mit der Mitfahrzentrale mitgenommen und ein Stau in Höhe des Wohnorts meiner Oma machte einen Zwischenstop erforderlich. Meine Oma tischte Kuchen und Kaffee auf und die andere Studentin wollte höflich sein, suchte ein Gesprächsthema und machte meiner Oma ein Kompliment für die aussergewöhnliche Einkaufstasche, die an einem Stuhl hing.

Jetzt blühte meine Oma auf: die Über-80jährige nahm die kastige Tasche aus schwarzem Cord, aus deren inneren es knallbunt blitzte, und schmetterte in breitestem Unterfränkisch eine kabarettreife Geschichte aus dem Kittelschürzenärmel.

Hochdeutsch ging die ungefähr so: „Ach Mädels, Ihr seid ja noch jung. Aber kommt Ihr erstmal in mein Alter! Da sieht die Welt ganz anders aus. In meinem Alter muss man ja fast täglich auf den Friedhof, alle sterben sie weg, die man kannte, da muss ich natürlich zur Beerdigung. Und wenn man wie ich so weit zum Friedhof hat, dann überlegt man schon zweimal, ob man extra dafür in den Ort geht oder das nicht gleich mit dem Einkauf verbindet. Und manchmal muss ich sogar auf zwei Beerdigungen am Tag! Da geh ich dazwischen einfach zur Bärbel und nehm’ die Wurst dann auf dem Rückweg mit.
Aber natürlich kann ich nicht mit einer bunten Einkaufstasche auf den Friedhof, wie sieht das denn aus! Deswegen hab ich mir die Tasche hier genäht, die ist bunt”, geschickt wendet sie die Tasche und auf einmal ist es ein Pariser Rüschenmodell mit wildestem Blumenmuster, „damit kann ich gut einkaufen gehen. Und vorm Friedhof ist eine Bank, da setz’ ich mich vor und nach der Beerdigung hin und packe aus, wende und packe wieder ein. Weil mit einer schwarzen Einkaufstasche – da seh’ ich ja aus wie eine alte Frau.”
Wir waren beide fast sprachlos vor Begeisterung. Was für eine großartige Geschichte zu einer wunderbaren Idee! Meine Oma hatte, weil sie zu eitel für eine schwarze und zu pietätvoll für eine bunte war, die Wendetasche erfunden!

Ich denke oft an diesen Nachmittag zurück, wenn ich abends an meiner Nähmaschine sitze und Entspannung finde im Stoffgefummel.
Ich habe in den letzten Jahren soviele Stoffe gesammelt, die müssen wieder unter die Leute. Selbst habe ich mittlerweile genügend Taschen für alle Gelegenheiten und auch die Bekannten sind versorgt. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob noch wer welche haben möchte.

Schnitt, Muster und Farben haben kaum etwas mit der Tasche meiner Oma gemeinsam. Aber wenden kann man sie. Und deswegen heißt meine Tasche Hildegard. Da passen locker ein paar Flaschen Sekt rein. Auf Dich, Omi!


Jahresendkalauer

20.12.2015

„Und, wo habt Ihr Euren Baum dieses Jahr her?”
Von-der-Tann-Straße


Lieblingssstück: die Kinder-CD, die niemals nervt – mit Verlosung!

27.11.2015

Ich weiß, das ist eigentlich ein unhaltbares Versprechen. Aber wenn’s doch wahr ist!
Zugegeben, man muss es schon mögen, das Wortgespiele. Und wenn man Willy Astor schon einmal gehört hat, ahnt man vielleicht, was einen erwartet: ein Feuerwerk von Wortwitzen, gepaart mit (jedenfalls in meinen Ohren) erstaunlich vielseitiger Musik.
Auf der CD dem Album „Kindischer Ozean – Lauschliedergeschichten aus dem Einfallsreich” wird erzählt, wie die Familie Bröselböck in den Urlaub fährt und dabei so einiges erlebt. Die Geschichte ist hanebüchen und hangelt sich eigentlich nur von Song zu Song, das aber extrem unterhaltsam. Und die 20 Songs sind jeder für sich ein kleiner Kracher mit Ohrwurmgarantie. Hier findet sich Country, Musikantenstadel, Schlager und Blues, und neben Willy Astor spielen einige bekannte Musiker mit, z.B. Max Mutzke, Otto oder Günther Sigl von der Spider Murphy Gang. Und natürlich Mary Roos, die die laszive Kitzelqualle gibt. Ach, es ist ein einziger großer Spaß für Klein UND Groß!

Wer jemals „Conny”-, „Bibi und Tina” oder gar „Filly”-Hörspiele erdulden musste, für den ist der kindische Ozean Balsam fürs Gehirn. Und ich verspreche: selbst beim vierundvierzigsten Hören entdeckt man nochmal ein kleines Detail oder kapiert ein weiteres Wortspiel.

Man merkt es vielleicht: ich bin begeistert von dem Ding. Erst heute wieder wird es uns einige Kilometer Autobahn erträglicher machen.
Und weil ich möchte, daß mehr Eltern Spaß an den Dingen haben, bei denen es ihren Kindern die Bäuche schüttelt, habe ich einfach mal die Plattenfirma angeschrieben, die zwei CDs (ja, da bin ich oldschool) zum Verlosen hat springen lassen. Sonst bekomme ich nichts für die Werbung, ehrlich. Ich hätt’s ja eh gemacht. Weil, hab’ ichs schon gesagt? Das Ding ist Gold wert. Und übrigens geeignet ab drei Jahren, würde ich sagen. Ohne Obergrenze. Sogar Oma fand’s gut (und das ist ja quasi die Höchststufe von Lob).

alle anderen können in die Tonne!
Und ich will nicht einmal Likes sammeln oder Links oder Blogrollplätze! Ich verlose einfach nur unter allen Kommentatoren dieses Posts zweimal eine originalverpackte CD – Kommentierschluss ist der 6.Dezember um 12 Uhr mittags. Rechts- und Linksverdrehung ausgeschlossen. Ich freu mich sogar schon für Euch!

(Booah, watt Karma.)


Wunschlos unglücklich

27.11.2015

Till Räther hat letztes Jahr in der Mom das Dilemma fantastisch auf den Punkt gebracht: wir haben doch alles. Wir haben das Wünschen verlernt – wir Großen kaufen uns alles und die Kleinen haben doch eh schon alles.

Aus gegebenem Anlass – der Kalender zeigt, daß auch dieses Jahr wieder dieses Konsumevent droht – sei also nochmal allen dieser Text ans Herz gelegt. Den Ratschlag finde ich auch prima: schenkt etwas, daß Euch allen gemeinsam den Heiligabend verschönert.
Oder die lange Autofahrt zur Oma am nächsten Tag. Ein Vorschlag dafür gleich hier (den Link oben wollte ich nur unbedingt weitergeben, hab’ ihn dann aber nicht annähernd sinnvoll in den nächsten Post bekommen).


Lieblingsstück: die neue Ausmaltapete.

23.10.2015

In letzter Zeit geht mir Konsum so dermaßen auf den Senkel, die Reizüberflutung auf allen Kanälen macht mich fertig. Das soll ich kaufen und dies hier und überhaupt das allerbeste ist biofreilandglücklichsoja. Der Wocheneinkauf wird zum Höllentrip, die Fußgängerzone meide ich eh schon lange. Erstaunlicherweise geht das Geld trotzdem weg wie nix…

Immerhin – ein Gutes hat dieses Gefühl, sich hauptsächlich zwischen Mist entscheiden zu müssen: ich schätze die raren Diamanten mehr. Weil ich mich an ein paar Dingen tatsächlich täglich freue, möchte ich Euch heute einmal meinen aktuellen Lieblingsfund vorstellen. (Vielleicht wird ja sogar eine kleine Reihe draus – aber ich verspreche nix. Ich muss doch an die Filzer…) Ganz ohne Sponsoring und Gegenleistung irgendwelcher Hersteller/Händler/Großkonzerne, einfach weil ich finde, daß mehr Leute diese Sachen lieben sollen. Die Welt wäre eine bessere.

Und so präsentiere ich heute stolz unsere neue Ecke im Flur, die bislang ein Schränkchen beherbergte, das woanders so viel besser hinpasst. Jetzt ist wieder Platz für trölfzig neue Jacken.

garderobe

Und das beste: die Kinder sind mit einer Handvoll Filzern ein paar Tage verräumt. Ich muss nur die Jacken vorher abnehmen.
doodle

Diese fantastische Tapete kommt innerhalb weniger Tage zuverlässig aus England. Der Preis relativiert sich schnell: da sind 10m drauf – das macht sogar bei Altbau-Raumhöhe mindestens dreimal 52cm nebeneinander (je nach Rapport).
Und wem das Muster zu verwirrend ist: Der Künstler Jon Burgerman hat auch noch eine weitere großartige Ausmaltapete im Angebot. Jetzt gibt’s aber keine Gegenargumente mehr! Rübersurfen, kaufen, tapezieren, malen, stolzsein wie Bolle!


Das Internet – nur Fragen, keine Antworten.

3.9.2015

In Nordbayern ist ein Schulbus verunglückt – der 72-jährige Fahrer hat offensichtlich den LKW übersehen, mit dem er kollidierte. Ich lese die Nachricht, bin betroffen (mehrere Schwerverletzte). Zuerst frage ich mich „wieso Schulbus? In Bayern sind doch noch Ferien…”, eine Frage führt zur nächsten, das Internet lässt mich teils die Antworten finden, aber immer ploppt gleich die nächste Frage auf:
Warum muss ein Rentner noch so eine Verantwortung tragen? Wohin sollten die Kinder eigentlich? Aha, Reformschule, Internat, Thüringen.
Und dann: WAAAAAS? Wieviel kostet es, sein Kind dort ins Internat zu schicken? 2800€ zzgl. „einem niedrigen bis mittleren dreistelligen Betrag pro Monat” für Ausflüge, Fahrten und Taschengeld?!

Mir ist vollkommen klar, daß es genügend Menschen in diesem Land gibt, die das aus der Portokasse zahlen. Die Riesenvillen bewohnen und Riesenporsches fahren.
Aber dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen den Riesensummen, die monatlich auf deren Konten fließen und den Riesenmassen „kleiner Leute” in diesem Land, die mit 72 noch arbeiten müssen, das blenden sie offensichtlich aus.
Der Reichtum weniger entsteht, indem vielen etwas weggenommen wird. Das Geld, das sie horten, drucken sie sich doch nicht selbst! Nur indem prekäre Arbeitsverhältnisse bestehen, indem Menschen für zuwenig Geld arbeiten, können Gewinne an die Shareholder ausgeschüttet werden.
Und die Reichen bleiben schön unter sich, in ihren Privatschulen (ja, es gibt Stipendien… über die Hälfte der Summen. Was zu stemmen bleibt, ist immer noch mehr, als wohl die meisten deutschen Familien komplett monatlich zum Leben haben!). Und sparen schön am Busunternehmen, das für bessere Kosteneffizienz Minijobber beschäftigt, damit am Ende der Kette irgendwo genügend Dividenden für die Aktionäre übrigbleiben.
Nein, ich spüre keine Häme. Nur Ohnmacht. Weil ich nicht Teil dieses Systems sein will (nicht unten und nicht oben, denn mir ist klar: global gesehen gehöre ich zu den ausbeuterischen Superreichen). Und weil ich es besonders perfide finde, dass Bildung schon lange kapitalisiert ist – wer zahlt, kriegt mehr. Die anderen fahren eben gegen Billiglohn Pakete aus (oder Schulkinder…).
Ich denke nicht „geschieht Euch recht!”, denn getroffen hat es Kinder (per se unschuldig, aber in diesem System: wie lange noch?). Der Fragenkreis schließt sich, denn:

Im Hinterkopf dieses Foto von der Leiche eines dreijährigen Syrers, angeschwemmt am türkischen Strand.

Hier läuft etwas so gewaltig schief! Welt, halt an, ich würde gerne abspringen.

Am besten schalte ich einfach den Rechner aus, bestelle die Zeitung ab und ziehe in den Wald. Es sind ja nicht einmal die Nachrichten, die mich so fertig machen. Es sind die Fragen, die sich daraus ergeben. Verrückt könnte man werden. (Kein Witz am Ende. Und keine Auflösung.)


Effektivität ist alles.

12.1.2015

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren meldete Risiko seinen Berufswunsch an: Entwicklungshelfer.

Gerade mal zwei Jahre! Und schon jetzt ist sein Job in spe automatisiert!

Ich mache mir Sorgen um seine Zukunft. Aber ich sage es ihm nicht.
(Alter Verwalter, dauert das, das wieder perfekt aufzuwickeln!)


technischer Rückstand: gefühlt fast schon uneinholbar

23.10.2014

Ich war mal, technisch gesehen, Early Adopter. Ich hab’ schon im letzten Jahrtausend ins Internet geschrieben, dieses Blog gibt es seit über acht Jahren. Noch vor den meisten meiner Bekannten und Freunde hatte ich Walkman, Discman, Handy, Autoradio mit Freisprecheinrichtung, iPod, Tablet, das damals kleinste Smartphone der Welt…
Ich bin da nicht stolz drauf, aber so war das mal.

Tablet- und Telefonkauf sind drei Jahre her, seitdem bin ich technisch stehengeblieben. Die technische Entwicklung seither dauerte gefühlte 20 Jahre – um mich rum steuern alle ihre Rolläden per iPhone, vergleichen Preise im Laden, navigieren ihre Füße per Satellit.

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Mein Handy hat zwar schon Touchscreen und kann ins Internet, aber ich telefoniere nur damit. Ich habe keine mobile Datenflat und vermisse sie kein Stück. Ich habe keine Apps. Dafür habe ich mir sagen lassen, eine Woche Akkulaufzeit sei eigentlich nicht möglich. Für ein Telefon? Ich bitte Euch!
Mein Rechner ist von 2008 und tut alles, was er soll. Das Internet fasziniert mich immer noch, aber ich bin froh, daß es mich nur zuhause zum Stöbern verführt. Auch noch unterwegs diese Möglichkeit zu haben, wäre mir schlicht zu viel.
(Ach, natürlich, ich bin noch für einen weiteren Lacher gut: der Rechner läuft mit, Achtung! Windows98XP.)
Mein Tablet nutze ich fürs Surfen auf dem Sofa und um mal über die Mediathek den Tatort nachzusehen. Apps gibt es dafür nicht, das Betriebssystem gibt es nicht mehr. Ich weiß nicht mal, was ich dadurch verpassen soll.
Ich habe einen iPod der zweiten Generation und bin abgesehen vom Akku damit hochzufrieden. Dass ich nahezu monatlich iTunes aktualisieren soll, nervt mich aber mehr als das wöchentliche Laden.
(Den nehme ich für abendliche Hörspiele. Musik höre ich von CD – oder Kassette/Vinyl. Tatsache. Ich hab’ mir noch nie ein MP3 gekauft.)
Ich kann Kartenlesen und habe im Auto (ohne Klimaanlage, ja.) einen dicken Atlas und einen Stadtplan. Ich hatte noch nie einen Navi unterm Finger.
Auf meinem Nachttisch liegen echte Bücher. Die kann ich verleihen oder liegenlassen, ich kann Eselsohren reinmachen und Seiten rausreissen, wenn ich möchte. (Oder, ehrlich: der Möhrchenprinz kann damit das fehlende Bein vom Bett – nicht fragen! – ersetzen.)
Auf unserem Fernseher kann man zwar kaum mehr Fußball sehen (offensichtlich kann er HD-Signale nicht verarbeiten – kleine Zahlen sind auch mit Fernglas unlesbar) und beim Tatort fehlt meist die halbe Handlung (weil als Mitteilungen auf Telefonen für alle anderen zu lesen), aber in Hefeteigmachen ist er unschlagbar.

Nein, auch wenn das anders klingen mag: ich bin nicht mal stolz auf meinen technischen Anachronismus. Ich fühle mich damit niemandem überlegen, ich will hier nicht ins Manufactum-Horn stoßen.
Es ist tatsächlich so: ich BRAUCHE den ganzen Kram nicht. Und ich will nichts wegwerfen, was noch einwandfrei funktioniert.
Ich will meine Zeit analog verbringen statt dauernd technische Updates zu fahren. Will meine Fingerspitzen lieber über Papier, Haut, Stoff gleiten lassen statt über Gorillaglas. Will die Farben der Welt in echt sehen statt auf einem Display.

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Da ist kein Stolz. Da ist eher ein bißchen Angst: ich fürchte, ich sollte langsam wieder auf den Technik-Zug aufspringen. Oder eigentlich eher schnell. Denn irgendwann ist er abgefahren und ich steh’ da wie der Ochs vorm Berg.
Ich bin jetzt schon überfordert mit der Bedienung der Musikanlage (Smartphone über Bluetooth, natürlich) in des Möhrchenprinzen Auto. Will keinen neuen Herd, weil es keinen mehr mit Drehknöpfen gibt. Habe keine Ahnung, über welche Apps sich die Kindergartenkinder unterhalten. Ich komme mir manchmal so unfaßbar alt vor.
Hab’ ich „bißchen Angst” geschrieben? Wenn ich’s mir so überlege, ist das doch eher Panik. Davor, selbst zu werden wie meine Mutter und eines (gar nicht mehr fernen) Tages auf meine Brut angewiesen zu sein, um zu überleben.

Gleich morgen also kauf’ ich mir ein Smartphone und einen Flachbildfernseher, ein Auto mit Klimaanlage, Navi und Bluetooth, einen neuen Laptop und ein Tablet und einen E-Reader. Daß die Wirtschaft mir nicht schon längst einen Schlägertrupp geschickt hat, so lange wie ich ihr all das schon schulde!

Nur das Tattoo und die Putzfrau, das heb’ ich mir noch ein bißchen auf. Ein bißchen Anachronismus will ich mir doch erhalten.


Eine kurze Anleitung fürs Fensterputzen. Hier, in diesem Blog. Von mir. Ohne Scheiß.

9.10.2014

„Nach sieben Jahren wird’s nicht mehr schlimmer” heißt es im Volksmund (bzw. in den Kommentaren hier), und bislang versuchen der Möhrchenprinz und ich in vielen Ecken der Wohnung, das zu beweisen.
Es gibt auch Dinge im Haushalt, die ich regelmäßig erledige, Wäsche zum Beispiel. Geht ja auch nicht anders. Aber Fensterputzen gehörte bislang zu den Bereichen, die wir beide bewusst und, bei aller Bescheidenheit, durchaus gekonnt komplett außer Acht gelassen haben. Bei mir war es nicht einmal so sehr der Aufwand (Eimer, Lappen, Putzmittel suchen! Wasser holen! Putzen, Wischen, Abziehen…), der mich störte – es war das Ergebnis, das in keinem Verhältnis dazu stand. Da mache ich mir schon mal die Mühe, und dann sehe ich nichts als Streifen, wenn die Sonne scheint. Auch der vermeintlich geniale Trick „innen senkrecht, aussen waagrecht abziehen” half nix. Genausowenig wie andere Reiniger mit noch mehr Werbeversprechen, Zeitungspapier zum Trocknen, Mutterns Super-Zwei-Seiten-Microfaser-Fensterpad-Geburtstagsgeschenk oder Omas gute Ratschläge (Essig! Kaffeesatz! Mit Zitrone abreiben!). Immer Streifen. Trotz all der Mühe. Da ist mir eine gleichmäßige Staubschicht doch viel lieber als jeden Sonnentag den Beweis meiner eigenen Unfähigkeit vor Augen geführt zu bekommen. Wenn ich eh keinen Unterschied sehe, kann ich auch gleich die Füße hochlegen statt zu putzen.

Nun begab es sich aber letztens, daß im Kindergartenmutterkreis irgendwer auf das Thema Putzen kam (ich nicht, ich rede lieber über Dinge, mit denen ich mich auskenne). Erstaunlicherweise sourcen das tatsächlich weit mehr Familien aus, als ich bisher annahm. Was mich natürlich beruhigt („siehste, die schaffen das auch nicht noch selber”), andererseits aber auch gewissermassen entsetzt: heißt das, selbst wir könnten in einem halbwegs sauberen Zuhause leben – es liegt nur mal wieder an mir unfähigem Ding, die ich mich immer noch nicht um eine Putzkraft gekümmert habe (und nebenher noch das Geld dafür mitverdiene)?
Dann aber erzählte eine Mutter von Ihrem tollen Putzequipment, mit dem sie so gern putzt, daß sie dafür keinen anderen zahlen möchte. Ich hörte zum ersten Mal von einer Marke, die ihren Kram nur auf privaten Verkaufsabenden verkauft („Putzparty” kenne ich ja nur im Sinne von „verputzen”), von Multifunktions- und Mikrofasertrockentüchern und ich gebe zu: das klang so gut, daß ich mich abends im Internet ein wenig schlau machte. Tatsächlich, in allen möglichen Foren schwören diverse Leute auf dieses oder jenes Tuch und es dauerte nur ein paar Megabyte, bis ich kurz davor stand, online mal eben den Gegenwert von fünf Kästen Bier für zwei Putzlappen auszugeben. Ich! Ich konnte mich dann doch gerade noch zügeln. Um am nächsten Tag im Discounter zufällig zwei Microfaser-Geschirrtrockentücher für 2,99€ zu finden.

Um es kurz zu machen: das Zeug ist eine Offenbarung!
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Und weil ich so begeistert bin (und tatsächlich glaube, es könnte da draußen noch andere Unwissende geben – bin ich naiv?), will ich dieses Wunder gerne teilen. Hier also die ultimative Anleitung fürs neue Hausmenschenglück – nicht zuletzt für mich selbst, damit ich auch 2019, wenn es wieder soweit ist, noch weiß, wie es geht:

1. Weihnachtsdeko vom alten Jahr abnehmen und entsorgen.

2. Eimer mit heißem Wasser füllen, ein wönzöger Schuß Spiritus schadet nicht.

3. Ich nehme das olle Zwei-Seiten-Fensterpad (eine Seite sehr kratzig, die andere fensterlederartig) – bestimmt geht auch alles andere. Scheibe naßmachen, den groben Schmutz mit der rauen Seite abrubbeln (glaubt mir, die Aussenseiten haben das nötig – nach Jahren…), ich gehe dann alibimäßig (und wahrscheinlich sinnfrei, aber sonst ginge das doch wirklich zu schnell!) noch mal mit der Fensterlederseite drüber, um abschließend mit dem Microfasertrockentuch die Scheibe nahezu trocken zu reiben. Das nämlich ist der Trick!

4. Das gleiche Spiel auf der anderen Seite der Scheibe…

5. … und zusehen, wie sich der verbleibende Schlierennebel lüftet.

6. Booom! Die Scheibe ist streifenfrei blitzeblank!

7. Erst mal Augen schützen. Oder Gardine zuziehen.

8. Hupps, die könnte man wohl auch mal waschen. Trotzdem zu!

9. Zur Sicherheit schnell Sonnenbrille aufsetzen. Sonst sieht man jetzt die ganzen anderen Schmutzecken der Wohnung im Flutlicht noch viel deutlicher!

10. Je nach Tageszeit: Kaffee oder Cocktail machen. Füße hoch. Stolz sein wie Hulle.


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